Maxim Leitsch an der Castroper Straße

Ein Bochumer Junge kommt nach Hause

Mit der Rückennummer 29 lief Maxim Leitsch lange für unseren VfL auf. Foto: Tim Kramer (VfL Bochum)

Am heutigen Freitagabend brennt das Flutlicht ‚anne Castroper‘. Zum Auftakt des neunten Spieltags empfängt der VfL den 1. FSV Mainz 05. Zwei Teams, die heiß drauf sind, die Tabelle höher zu klettern. Im Kader der Mainzer ist nach längerer Verletzungspause ein altbekanntes Gesicht dabei: Maxim Leitsch. Ein Bochumer Junge aus dem tiefsten Herzen des Ruhrpotts, der zur letzten Saison die Farben wechselte.

Die Aussicht, nach Feierabend ins Wochenende zu starten, ist rosig. Ich habe extrem Bock, um 20:30 bei kernigem Herbstwetter im Ruhrstadion zu sitzen. Der Gegner heißt Mainz und erlebt einen ähnlich holprigen Saisonstart wie der VfL. Demzufolge werden drei Punkte auf beiden Seiten dringend benötigt. Eine gute Voraussetzung für ein herzhaft umkämpftes Spiel.

Der Blick auf die Tabelle gibt mir das Gefühl, den FSV eigentlich schlagen zu ‚müssen‘. Ob es heute endlich für den ersten Saisonsieg reicht? Die Frage sorgt dafür, dass ich mein erstes Fiege Pils im Block unter gewisser Anspannung bestellen werde. Wie dem auch sei – der Stadionbesuch wird bestimmt schön. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass Maxim Leitsch in seine Heimat zurückkehrt. Gerne denke ich an die Zeit zurück, in der er das Trikot des VfL trug. Auch sein Fortgang hat nichts daran geändert, dass ich noch viel Sympathie für ihn empfinde.

In Essen geboren, im Ruhrpott aufgewachsen, in Bochum zum Nationalspieler gereift

Der damals zehnjährige Maxim wechselte im Sommer 2008 von einem kleinen, unbedeutenden Randbezirk Bochums in die Jugend des VfL. In dieser spielte er sechs Jahre, bevor er 2014 in die ‚U17‘ und ein Jahr später in die ‚U19‘ aufstieg. 2017 schaffte Leitsch den Sprung in die Profiabteilung. Dort absolvierte er 68 Spiele in der zweiten Bundesliga und trug maßgeblich zum lang ersehnten Aufstieg bei. Anschließend folgten 19 Einsätze im Oberhaus. Neben unvergesslichen Abwehrauftritten gelangen ihm in seiner Profizeit in Bochum zwei Tore und zwei Vorlagen. Anfang September 2020 gab er sein Debut für die ‚U21‘ der deutschen Nationalmannschaft (Quelle: Transfermarkt).

Wuchs beim VfL zum Profi heran: Maxim Leitsch. Foto: VfL Bochum

Im Mai 2022 entschied sich Leitsch für den Wechsel nach Mainz. Damit füllte er die Kasse des VfL mit 3,5 Millionen Euro. Allerdings hinterließ Maxim eine große emotionale und spielerische Lücke bei den Fans, dem Kollegium und in der Innenverteidigung. Dass Leitsch ein Bochumer Junge sei und bleiben werde, hob er zum Abschied durch folgende Sätze hervor: „Ich bin stolz darauf, dieses Trikot getragen haben zu dürfen und werde euch als Fan erhalten bleiben. Hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder.“ Die Zeit beim VfL sei für ihn ein „einzigartig schönes Kapitel“ gewesen.

Es fällt mir schwer, die Aussagen der Profifußballer hinsichtlich ihrer ‚Liebe zum Verein‘ in der heutigen Zeit ernst zu nehmen. Nahezu jeder wechselnde Spieler hat schon als Kind in der Bettwäsche des neuen Clubs geschlafen. Natürlich findet kein Transfer des Gehaltes wegen statt und außerdem ist es Gang und Gäbe, nach dem zweiten Tor für den neuen Arbeitgeber das Vereinswappen auf dem Trikot zu küssen. Maxim hingegen glaube ich, dass er seine Worte aufrichtig und ernst meint. Dass ihm der VfL Bochum tatsächlich am Herzen liegt.

Zwei junge Talente zwischen Genie und Wahnsinn

68 Spiele in Liga zwei boten reichlich Möglichkeit, Leitsch und seinen Werdegang im Stadion und vor dem Fernseher zu verfolgen. Im Laufe der Zeit bestand die Innenverteidigung immer mal wieder aus ihm und Armel Bella-Kotchap. Zwischenzeitlich präsentierten die beiden einige Usain Bolt gleichende Sprintduelle und John Terry nahekommende Sensationsgrätschen. Manchmal war ich mir nicht sicher, ob ich dort tatsächlich ‚nur‘ zwei Eigengewächsen des VfL Bochum zuschaue. Die Kombination aus Schnelligkeit, aggressiven Tacklings und junger Leichtigkeit war ein purer Genuss.

Andererseits unterliefen Maxim und Armel auch Unsicherheiten und Spielfehler, bei denen sich mir die Nackenhaare bis zum Stadiondach aufstellten. Darüber konnte ich jedoch meist aufgrund des jungen Alters und der Tatsache, dass auch Profifußballer nur Menschen sind, wohlwollend hinwegsehen. Unabhängig von spielerischen Leistungen hatte ich bei Leitsch immer das positive Bauchgefühl, dass er sich seinen Allerwertesten für den VfL bis über beide Ohren aufgerissen hat.

Schwankende Spielerfahrungen erfolgreich gemeistert

Unvergessen bleibt für mich die erste Märzwoche des Kalenderjahres 2022. Zwei Heimspiele in vier Tagen. Am 02.03. im DFB Pokal gegen den SC Freiburg und am 05.03. in der Bundesliga gegen Greuther Fürth. Eine innige Achterbahnfahrt der Gefühle – in einem Waggon mit Maxim Leitsch sitzend.

Mittwochabends saß ich mit Kumpel Christian in Block B. Nachdem Nils Petersen die Gäste in Führung brachte, glich Sebastian Polter für uns aus. Beim Stand von 1:1 ging es in die Verlängerung. In der 120. Spielminute war ich mir sicher, dass es zum Elfmeterschießen kommen wird und empfand gleichermaßen Vorfreude und Schiss. Der Abpfiff konnte nicht mehr weit entfernt sein.

Mit ruhigem Ballbesitz spielte der VfL den Ball an der Mittellinie durch die eigenen Reihen. Wie schon häufig im Laufe meiner Zuschauerkarriere hatte ich auch in dieser Sekunde das Talent, im entscheidenden Spielmoment irgendwo hin zu gucken – nur nicht auf den Platz. Plötzlich – und für mich aus dem Nichts – lief Freiburgs Stürmer Roland Sallai im ‚Eins gegen Eins‘ auf unseren Keeper zu. Souverän versenkte er die Flöte im unteren rechten Toreck. Manuel Riemann hatte keine Abwehrchance.

Auf dem Rasen sah ich daraufhin den provokant vor Block A jubelnden Sallai und einen am Boden zerstörten Maxim Leitsch. Dass sein leider viel zu kurz gespielter Rückpass zu Riemann zum Gegentor führte, begriff ich erst, als Kumpel Christian mir die Spielszene erklärte. Es folgten ein beißender Schlusspfiff des Unparteiischen, innere Leere und kein Elfmeterschießen. Der VfL schied bitterlich in letzter Sekunde im Viertelfinale des DFB Pokals aus.

Inmitten der Trauer freute ich mich, dass alle Mitspielenden zu Leitsch gingen und ihn trösteten. Auch von den Rängen kamen keine Pfiffe oder abfällige Gesten. Umso mehr schallten aufmunternde „Maxim Leitsch“ – Sprechchöre in den Bochumer Nachthimmel. Am liebsten hätte ich ihn selber umarmt und gesagt: „Hömma Junge, Kopf hoch, dat is mir auch schon passiert“. Zwar nur in der F-Jugend des SF Durchholz – aber immerhin.

2022 schied der VfL erst im Viertelfinale aus dem DFB Pokal aus . Foto: Tim Kramer

Am darauffolgenden Samstag gastierte das ‚Kleeblatt‘ aus Fürth im Ruhrstadion. In der 35. Spielminute knallte Eduard Löwen einen Freistoß auf das kurze Eck. Diesen parierte Fürths Keeper Linde mit Hängen und Würgen an die Latte. Folglich sprang die Kugel an den Pfosten und zurück in den Fünfmeterraum. Dort stand Maxim Leitsch goldrichtig. Er reagierte blitzschnell und schob mit dem ersten Bundesligator seiner Karriere zur Führung ein. Der Treffer war einer von zweien, die dem VfL den Heimsieg und wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt einbrachten.

Nach dem Abpfiff forderte die Ostkurve Maxim auf, an den Zaun zu kommen und sich feiern zu lassen.  Zunächst reagierte er zögerlich, distanziert und bescheiden. Nachfolgend brauchte es einen ‚Schubser ins Glück‘ von Kapitän ‚Toto‘ Losilla, der ihn wortwörtlich in den Vordergrund rückte. Zur Feier des Tages wurde Leitsch eine ‚Spezialkarte‘ aus dem ‚Ultimate-Team‘-Spielmodus des Videospiels ‚FIFA‘ überreicht. Sein Tempowert hatte darauf eine Höhe von 95 – der gleiche Wert, den auch Bayerns Flügelsprinter Alphonso Davies erreichte.

Durch wiederkehrende Verletzungen gebremst und doch nicht stehen geblieben

Es tat mir sehr Leid, im Oktober 2022 zu lesen, dass Leitsch nur drei Monate und sieben Einsätze nach seinem Wechsel aufgrund eines „körperlichen und mentalen Erschöpfungszustands“ ausfiel. Dieser zog eine 134-tägige Auszeit nach sich. Am 18. Spieltag der Saison 22/23 prügelte der FSV seine Gäste mit 5:2 nach Hause. In diesem Spiel stand Leitsch nach seinem Ausfall erstmals wieder eingewechselt auf dem Platz. Wer die geprügelten Gäste an diesem Tag waren? Nunja. Immerhin setzte sich die Beziehung zwischen Maxim und dem VfL dadurch fort. Auch, wenn dies an dem Tag mit einem für uns Bochumer unerfreulichen Ergebnis endete.

Seine Startelfpremiere konnte Leitsch nach fast einem Jahr im ersten Heimspiel der aktuell laufenden Saison gegen Eintracht Frankfurt feiern. Bedauerlicherweise dauerte diese nur knapp 67 Spielminuten. Er erlitt eine Innenbandverletzung im Knie, die eine erneute Zwangspause von 53 Tagen nach sich zog. Vergangenen Samstag war es im Heimspiel gegen den FC Bayern München soweit. In der 63. Spielminute wurde Maxim Leitsch für seinen Teamkollegen Anthony Caci eingewechselt. Das Comeback ist somit gegeben und Maxim greift wieder aktiv ins Bundesligageschehen ein. Romantisch, dass er erneut kurz vor dem Spiel gegen seine alte Liebe, den VfL, genesen ist.

Fühlte sich beim VfL verdammt wohl – Christoph Kramer Foto: Sven Mandel (Wikimedia Commons)

Christoph Kramer spielte zwischen 2011 und 2013 ebenfalls für den VfL Bochum. Er hat sich seinerzeit „im Klub von Anfang an krass wohlgefühlt und bis heute noch guten Kontakt zu vielen Menschen von damals“. Jüngst sprach Christoph in der siebten Folge des Podcasts „Copa TS“ mit Tommi Schmitt darüber, was „Mentalität“ für ihn bedeutet.

Kramer definiert „Mentalität“ als die Fähigkeit, „immer gleich zu spielen und sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, weil du weißt, dass es richtig ist“. Meiner Meinung nach ist es genau das, was Maxim Leitsch macht. Weiterspielen, am Ball bleiben und nicht aufgeben. Aller Spielfehler, Verletzungen und Hindernisse zum Trotz. Ein wahrer Kämpfer. Ein wahrer Bochumer.

Die allerbesten (sportlichen) Wünsche für Maxim – heute aber nur begrenzt

Während des Schreibens dieser Zeilen merke ich, dass meine Sympathie für Leitsch tatsächlich noch immer groß ist. Mehrere Faktoren sind dabei ausschlaggebend. Da ist zunächst der Dank für die lange Zeit, die er aktiv als Spieler unseres VfL verbrachte. Ich habe seine (emotionalen) Reaktionen auf mehr oder weniger erfolgreiche Spielerlebnisse im Ruhrstadion als authentisch empfunden. Die vor seinem Wechsel nach Mainz formulierten Abschiedsworte geben mir die Hoffnung, dass Vereinsliebe im kapitalorientierten Fußballgeschäft doch noch existiert. Sein scheinbar stark ausgeprägter Kampfgeist, der ihn aus verletzungsbedingten Zwangspausen zurückkommen ließ, beeindruckt mich.

In einem Interview, welches Leitsch nach seinem Transfer zum FSV Mainz gab, verteidigt er die Menschen aus dem Ruhrgebiet. Dabei spricht er dem Klischee, dass wir im Pott alle asozial sind, die Bedeutung ab. Eine absolut richtige und wichtige Aussage. Zwar hat der Paderborner Max Kruse dahingehend eine andere Meinung – ich stehe jedoch auf Maxims Seite.

All diese Aspekte führen dazu, dass Maxim Leitsch ein Mensch und Profifußballer ist, mit dem ich mich voll und ganz identifiziere. Für seine private und sportliche Zukunft wünsche ich ihm alles erdenklich Gute.

Heute Abend kommt es also zum  von Leitsch erhofften baldigen Wiedersehen. Im Zuge dessen wünsche ich mir, dass ein Kompromiss gefunden wird, mit dem alle Beteiligten gut leben können. Vielleicht ein Startelfeinsatz mit stabiler Zweikampfquote und einem krönenden Tor für Maxim – während die drei Punkte dennoch auf das Konto des VfL eingehen.

Gut Kick und Glück auf!

Autor: Lennart Markmann

Am 19.02.2005 stand ich erstmals in der Ostkurve. Die geschenkte Karte eines Bekannten öffnete mir damals die Tür zu Block O links. Drei traumhaft rausgespielte Buden von Zwetschge Misimovic, Raymond Kalla und Tommy Bechmann sorgten dafür, dass der SC Freiburg punktlos aus der Stadt und der VfL nicht mehr aus meinem Herzen verschwand. Seitdem genieße ich die Höhen und Tiefen als Bochumer Junge. Lange Zeit in der Ostkurve stehend, anschließend in Block H1 sitzend und mittlerweile mit 32 Jahren auf dem Altherrenplatz in Block M1.

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