„Man muss sich des öfteren noch ungläubig die Augen reiben“ – Freiburg-Fan Alex im Interview

Tief im Südwesten Deutschlands hat sich der SC Freiburg gemacht. Kaum noch in Abstiegsgefahr, letzte Saison die Champions League um Haaresbreite verpasst. Wie steht es momentan um den SC Freiburg. Diese Antworten gibt es heute im Gespräch mit Alex vom ‚Spodcast Freiburg‚.

Hallo Alex, wie ist die Stimmung rund um Freiburg?

Hi! Die Stimmung ist prinzipiell sehr gut. Wir hatten letzte Woche unsere Mitgliederversammlung und können stolz das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte verkünden. Außerdem haben wir mit 63.000 Mitgliedern eine neue Höchstmarke erreicht und stehen strukturell komplett auf eigenen Beinen – und das als eingetragener Verein. Zum sportlichen Saisonstart komme ich gleich.

Wie zufrieden ist man bisher beim SCF mit dem Saisonstart? Gibt es schon einige, die trotz der Dreifachbelastung „enttäuscht“ sind oder sehen das alle realistisch?

Der Saisonstart unserer Bundesligamannschaft war wechselhaft.  Den Auftaktsiegen gegen Hoffenheim und Bremen folgten sehr hohe Niederlagen gegen Stuttgart und Dortmund. Positiv ist, dass wir uns zuletzt (Bayern ausgenommen, aber das ist okay) wieder defensiv stabilisiert haben – unser Pfundstück der vergangenen Saison. Auf diesem Niveau sind wir diese Saison (noch?) nicht, hatten aber auch etwas mit Verletzungen und der Rotsperre von ‚Chicco‘ Höfler zu kämpfen.
Generell gilt aber: Hättest du mir vor 10 Jahren gesagt, dass ich einen Saisonstart mit drei Siegen und zehn Punkten nach sieben Spielen mit gemischten Gefühlen betrachte, hätte ich vermutlich sehr lachen müssen.  Außerdem sind wir noch im DFB Pokal und können auch schon einen Auswärtssieg in der Europa League bei Olympiakos Piräus verbuchen. Spielerisch können wir aber momentan noch deutlich zulegen.

Mit welchen Erwartungen gehst Du in die Europa-League-Saison? Wird der Teilnahmeplatz im Europapokal für die Fans zur Selbstverständlichkeit?

In der Gruppe mit West Ham, Olympiakos und Backa Topola sollten wir, wenn alles normal läuft,  mit Olympiakos um den zweiten Platz kämpfen. Dahingehend tat der Auswärtssieg in Griechenland sehr gut. West Ham war trotz des knappen Ergebnisses eine kleine Nummer zu groß – vor allem, da wir momentan nicht am Top-Limit spielen. Ab der K.O.-Phase ist alles möglich und natürlich wird jedes Spiel einfach nur aufgesogen und genossen – wie das Highlight gegen Juventus Turin letztes Jahr.
Eine Selbstverständlichkeit ist das auf keinen Fall, auch wenn die ganz großen Abstiegssorgen nicht mehr da sind und man es nun zwei Jahre in Folge geschafft hat.

Christian Streich ist seit 2011 Trainer beim SC Freiburg. Foto: Tim Kramer (Tremark)

Was macht Christian Streich derzeit taktisch besonders gut und wo ist noch Steigerungsbedarf?

Wir haben mittlerweile auch an schlechten Tagen ein hohes Grundniveau. Klare Abläufe im Spielaufbau und die jungen Spieler werden relativ gut integriert (z.B. Atubolu, Sildillia, Röhl) – außerdem strahlen wir jederzeit Gefahr durch Standardsituationen aus. Besonders dank Vincenzo Grifo. Wie schon angesprochen: Die defensive Stabilität rund um unser Top-Duo Ginter und Lienhart wackelt momentan etwas. Außerdem fehlt in der Offensive momentan etwas die Leichtigkeit und Torgefahr – Roland Sallai ausgenommen. Hier haben uns aber, wie erwähnt, auch ein paar Spieler gefehlt in den letzten Wochen.

Europapokal und eine neue Fußballarena. Kommt der SC Freiburg langsam in der ‚Beletage‘ des deutschen Fußballs an?

Man muss sich des Öfteren noch ungläubig die Augen reiben aber ja – wir haben definitiv einen  großen Sprung gemacht in den letzten Jahren. Es macht sehr viel Spaß, diese Entwicklung mitzuerleben. Auch, wenn es hier und da mit den berühmten Wachstumsschmerzen verbunden ist.

Ist der Wiedereinzug in die Europa League mittlerweile ein Ziel oder heißt es erneut ’40 Punkte plus X‘ ?

Der Klassenerhalt sollte für jedes Team außerhalb der ‚Top vier‘ erstmal das Ziel sein. Erwischen kann es jeden mal, wenn man eine schlechte Phase hat. Nichtsdestotrotz sind wir mittlerweile selbstbewusst genug um zu sagen, dass wir besser sind als mindestens drei andere Teams aus der Liga. Ich persönlich schiele eh lieber nach oben als nach unten.

Sieht man mittlerweile nach Niederlagen eher eine verpasste Chance, um an den Tabellenführer heran zu rücken? Oder sieht man als Fan noch immer den Abstand zur Abstiegszone schmelzen?

Siehe oben. Auch, wenn mich der Abstand nach unten etwas ruhiger schlafen lässt. Gegen die absoluten Topmannschaften der Liga können wir noch zulegen. Da sahen wir in den letzten Jahren nicht so gut aus. Dafür sind wir sehr stabil gegen Teams aus der „unteren Tabellenhälfte“.

Gewinnen ‚Event-Fans‘ die Hoheit im Stadion oder nehmen noch genug Studenten den Weg ins Stadion auf sich?

Trotz Wachstumsschmerzen und einem riesigen Ticketandrang habe ich das Gefühl, dass sich die ‚Eventisierung‘ noch in Grenzen hält und die Stimmung im Stadion ist super. Aber klar – die Nachfrage nach Tickets ist momentan enorm.

Die neue Heimstätte des SC Freiburg. Das Europa-Park-Stadion. Foto: Thorbjörn Jörger (Wikimedia Commons)

Euer Kapitän Christian Günter laboriert an einem Infekt seiner Unterarmfraktur. Wer übernimmt in der Kabine die Führungsrolle?

Glücklicherweise haben wir sehr viele Spieler in der Mannschaft, die schon seit vielen Jahren im Kader sind, sich mit dem Verein identifizieren und wissen, was das Trainerteam verlangt – also sowieso eine Führungsrolle einnehmen. Zu den üblichen Verdächtigen wie Höfler, Grifo, Kübler, Höler und Lienhart gesellen sich hier auch auch Rückkehrer Matthias Ginter und Maximilian Eggestein.
Sportlich fehlt Günter allerdings sehr und ist für uns nicht zu ersetzen.

Roland Sallai war in den letzten Partien gegen den VfL immer sehr treffsicher und ist gerade auch sehr gut in Form (traf mit Ungarn gegen Serbien). Unter VfL-Fans wird er sehr kritisch gesehen (‚Hände-hinter-den-Ohren-Jubel‘ beim Pokalspiel 2022). Warum spielt er immer noch beim SCF? Hatte er nicht mehrfach Angebote aus dem Ausland oder waren sie nicht gut genug?

Roland Sallai ist mit Abstand unser formstärkster Offensivspieler diese Saison. Er ist offensiv flexibel einsetzbar und torgefährlich. Zum Glück hat man sich im Sommer dazu entschieden, ihn nicht gehen zu lassen. Es gab letztes Jahr ein anstrengendes ‚Wechselgerüchte-Hick-Hack‘, bei dem Sallai sogar auch mal als „Denkpause“ aus dem Kader flog. Mittlerweile wirkt es so, dass er seine Rolle beim SC gefunden hat. Auch wenn ich nicht denke, dass er hier seine Karriere beenden wird und bei einem entsprechenden Angebot im Sommer den nächsten Karriereschritt gehen wird. Aber wer weiß?
Zu seiner extrovertierten Art: Als Gegenspieler oder gegnerischer Fan würde er mich auch sehr nerven, ja.

Welcher Neuzugang hat das größte Potential, das Gesicht der Mannschaft mitzugestalten?

Langfristig hoffentlich der interne Neuzugang Torwart Noah Atubolu. Sehr talentiert und aus Freiburg kommend wird er hoffentlich eine kleine Ära zwischen den Pfosten prägen. Ansonsten sind wir natürlich sehr gespannt auf Junior Adamu und hoffen auf den Durchbruch.

Mit Mark Flekken hat ein langjähriger Stammtorhüter den Breisgau verlassen. Auch, da mit Noah Atubolu eine neue ‚Nummer eins‘ aus dem eigenen Nachwuchs aufgebaut werden sollte. Wie siehst du den Wechsel zwischen den Pfosten, den holprigen Start von Atubolu und wie ist die Meinung im Fanlager?

Siehe oben. Er ist definitiv ein Hoffnungsträger und bekommt vom ganzen Verein die Rückendeckung, sich an die Bundesliga zu gewöhnen. Der holprige Beginn wird ihn stärken. Auf dem (sehr hohen!) Niveau von Mark Flecken ist er naturgemäß noch nicht.

Mit Kevin Schade ist diesen Sommer ein weiterer Spieler fest in die Premier League gewechselt. Welchen Spieler aus dem aktuellen Kader siehst Du am ehesten als nächstes bei einem großen Club?

Momentan mit Sicherheit Roland Sallai. Ansonsten wäre Philipp Lienhart definitiv noch ein Kandidat. Der hat aber zuletzt erst verlängert und scheint sich hier sehr wohl zu fühlen. Ein absoluter Segen für den Verein.

BACK IN BOCHUM. Keven Schlotterbeck trifft auf seinen Ex-Verein. Foto: VfL Bochum 1848

Keven Schlotterbeck wurde erneut zum VfL abgegeben. Von VfL-Seite hieß es, dass die Ablöseförderungen für einen festen Transfer waren zu hoch waren. Gab es noch andere Interessenten außer dem VfL und wie sieht die Zukunft Schlotterbecks in Freiburg aus?

Zu anderen Interessenten kann ich nichts sagen. Ich bin sehr froh, dass er einen Verein gefunden hat, bei dem er zu mehr Einsatzminuten kommt. In Freiburg hat er nicht die beste Perspektive. Beziehungsweise kam er in den letzten Jahren einfach nicht an Ginter, Lienhart & Co. vorbei. Außerdem ist er bei euch ja nicht weit von seinem Bruder entfernt – für mich wirkt das wie ein Match.

Wie fühlt es sich an, Elfmeterkiller Riemann zu empfangen, der schon im letzten Auswärtsspiel beim SC einen Elfmeter hielt? (Auch wenn der Nachschuss drin war)

Vincenzo Grifo regelt.

Der Transfer von Maximilian Philipp kam für Außenstehende ziemlich überraschend. Kam er für dich auch so überraschend und war sein „Einschlagen“ (zwei Tore, zweitbester Torschütze wettbewerbsübergreifend) abzusehen?

Bis auf die zwei Tore hält sich sein Einfluss noch in Grenzen. Dafür waren diese umso wichtiger. Wir sind froh, ‚Milli‘ wieder bei uns zu haben – hier fühlt er sich wohl und kann sein Potential hoffentlich wieder bestmöglich ausschöpfen. Auch wenn es sich im Sommer eher wie eine „Notlösung“ angefühlt hat, da sich andere Transfers zerschlagen haben.

Wird ein Spieler des SC Freiburg im kommenden Sommer bei der finalen Kadernominierung von Julian Nagelsmann einen positiven Anruf erhalten? Wenn ja, wer wird das sein?

Matthias Ginter scheint gerade einen schweren Stand zu haben, ist aber definitiv jederzeit ein Kandidat für den Kader. Und wenn Deutschland endlich mal einen defensivstarken und pressingresistenten Sechser benötigt, sollten sie mal ‚Chicco Höfler‘ anrufen. Der Zug ist aber vermutlich leider abgefahren. So unendlich unterschätzt der Kerl.

Die zweite Mannschaft des SC Freiburg wurde letzte Saison zweiter in der dritten Liga. In dieser Saison stehen sie bisher auf einem Abstiegsplatz. Denkst du, die Mannschaft kämpft sich da unten noch raus?

Das wird spannend, aber wenn sich die Personalsituation bei den Profis beruhigt, profitiert auch wieder unsere Zweitvertretung davon. Der Saisonstart war leider nicht gut, ich gehe aber davon aus, das Thomas Stamm den Klassenerhalt schaffen wird. Die Drittligamannschaft ist für uns für die Entwicklung junger Spieler ein richtiges Pfund.

Die U19 des SC Freiburg stieg vergangene Saison aus der U19-Bundesliga ab. Wie schmerzhaft war der Abstieg für die Nachwuchsförderung?

Dem Verein tat das weh und dies wurde auch auf der Mitgliederversammlung thematisiert. Dennoch kann man das wohl als Ausrutscher verbuchen. Momentan holt unsere U19 einen Sieg nach dem anderen. Und nächstes Jahr werden die Jugendligen ja eh reformiert.

Wie siehst du die Arbeit beim VfL Bochum und denkst du, dass ein erneuter Klassenerhalt realistisch ist?

Prinzipiell gehört der VfL für mich absolut in die Bundesliga, alleine schon wegen der traumhaften Stimmung im Ruhrstadion. Der Klassenerhalt wird sicherlich hart für euch dieses Jahr. Ich denke aber, dass man zwei bis drei Teams hinter sich lassen kann, wenn man als geschlossenes Team auftritt. Das scheint ihr ja regelmäßig hinzubekommen.

Oder kurz: Wenn Keven bei euch Stamm spielt, werdet ihr es schaffen. Der klärt da hinten alles weg.

Dein Tipp fürs Spiel?

Wir gewinnen souverän mit 2:0.

Allen Auswärtsfans eine gute Anreise und einen schönen Aufenthalt!

Vielen Dank für das Gespräch!

Wer uns einmalig unterstützen möchte kann das gerne über PayPal tun: paypal.me/einsachtvieracht

Autor: Matthias Rauh

Obwohl in Bayern wohnhaft besitze ich eine Dauerkarte beim VfL und versuche, jedes Heimspiel und jedes Auswärtsspiel im Süden vom VfL mitzunehmen. Meine Begeisterung für den VfL entwickelte sich in der Saison 2006/07, endgültig besiegelt wurde sie bei dem eigentlich völlig belanglosen Spiel Karlsruher SC gegen den VfL im Jahr 2008. Während eines Fußballturniers wollten meine Mannschaftskameraden in der Bundesligakonferenz ständig die Zwischenstände von Bayern München und Nürnberg wissen, ich erntete misstrauische Blicke, als ich den Zwischenstand von Bochum wissen wollte. Abstieg, Relegation, Funkel, Neururer... ich bin immer noch dabei und freue mich immer mehr auf Spiele wie Bochum gegen Sandhausen als Bayern gegen Dortmund.

Schreibe einen Kommentar

Laden...

0

Einsachtvieracht- Stammtisch #63

Maxim Leitsch an der Castroper Straße