Mit durchwachsenem Gefühl in die neue Saison – ein Kommentar

Die letzten zwei Jahre mit dem VfL haben unfassbar viel Spaß gemacht. Schindzielorz und Reis haben sich einen wahnsinnigen Vertrauensvorschuss erarbeitet. Trotzdem geht der ein oder andere mit einem etwas mulmigen Gefühl in die neue Spielzeit. Ein Kommentar.

Panik. Vorfreude. Optimist. Pessimist. Die einen, die sich bedingungslos auf die neue Saison freuen. Die anderen, die mit Bauchschmerzen in die neue Saison gehen. War ich eigentlich eher durchgehend der Berufsoptimist – die letzten zwei Jahre haben da einem ja auch recht gegeben – sorgt der Verein kurz vor dem Start in die neue Spielzeit bei mir für ein etwas flaues Gefühl in der Magengrube.

Dass es einen Qualitätsverlust in der Innenverteidigung geben wird, war jedem Fan nach den Abgängen von Leitsch und ABK bewusst. Die beiden waren Glücksfälle für den Verein. Aber der Abgang der beiden kam nicht überraschend. Daher habe ich nicht damit gerechnet, dass genau diese Position zum Saisonstart immer noch eine so große Baustelle ist. Natürlich kann man gewisse Dinge nur bedingt planen, alles ist konstant in Bewegung. Trotzdem hätte ich bei dem wenig überraschenden Wegfall des Kinderiegels in der Schublade Plan A, B und C erwartet, um die beiden zu ersetzen. Sicherlich, von außen absolut schwer zu beurteilen und vielleicht war man auch mit vielen Spielern in Gesprächen und hat sich einen Korb nach dem nächsten gefangen.

Foto: VfL Bochum 1848

Unverständnis kommt immer wieder auf, dass man trotz für unseren Verein exorbitant hoher Transfereinnahmen von 15-17 Mio. anscheinend nicht gewillt oder nicht in der Lage ist, auch nur ein Stück weit ins Risiko zu gehen was Ablösen angeht. Natürlich darf man nie vergessen, wo wir herkommen und dass auch Corona bei uns wahnsinnige Löcher gerissen hat. Klar, auch die Etaterhöhung von ca. 24 auf 30 Millionen EUR ist eine Investition. Nur wurde diese schon vor den Transfereinnahmen angekündigt. Riesigen Ablösesummen erwartet sicherlich niemand in Bochum. Es lässt einen allerdings als Fan etwas ratlos zurück, wenn ein „zu teuer“ schon bei kleinsten Transfersummen zu hören ist. Vorallem wenn man sieht, dass andere Vereine selbst in Liga 2 das anscheinend gestemmt bekommen.

Natürlich ist ein Verein wie der VfL davon abhängig, was vor allem im August noch in den Kadern der größeren Vereine abfällt. Dann hat man die Möglichkeit, dass ein oder andere Schnäppchen zu schießen. Nur ist das eben auch nicht garantiert. Zudem finden im August eben auch schon ordentlich viele Spiele statt. Dazu kann keiner einem garantieren, dass man wie im letzten Jahr nach einem eher durchwachsenen Start nochmal so elegant die Kurve kriegt.

Nicht falsch verstehen, der VfL hat einen ordentlichen Kern-Kader. Die erste Pflichtaufgabe im Pokal hat man auch souverän gemeistert.  Spieler wie Stöger, Hofmann, Ordets oder auch Orsei-Tutu sind gute Verstärkungen, vor allem offensiv sind wir teils besser als letztes Jahr aufgestellt – dass allerdings vor allem in der so sensiblen Position zentral hinten noch immer ein relativ großes Fragezeichen steht, ist nicht ideal.

Foto: VfL Bochum 1848

Machen wir uns nichts vor – dieses Jahr wird nochmal ungleich härter als das letzte Jahr. Jeder scheiß Punkt, egal ob von einem Spiel im August oder im Mai 2023 wird gebraucht. Jeder. Diesmal gibt es kein Fürth, dass finanziell wenigstens auf Augenhöhe ist. Sich darauf zu verlassen, dass beim Big City Club oder auf Schalke wieder mehr Drama als alles andere ist kann man sich auch nicht.

In diesem Jahr hat man aber auch die Möglichkeit, einen ganz großen Schritt nach vorne zu machen, was die Etablierung in Liga 1 angeht. Schafft man es, den Kopf über Wasser zu halten, legt man ein stabiles Fundament für die kommenden Jahre. Man hätte ganz andere Möglichkeiten als man es bisher hatte.

Nein, ich bin kein Pessimist oder habe Panik. Ich weiß, wo wir herkommen. Ich weiß, dass ein Abstieg am Ende das wahrscheinlichste Szenario ist. Ich persönlich finde allerdings, dass diese Transferperiode – Stand heute – nicht meinen persönlichen Idealvorstellungen entspricht. Sollte sich die Warterei am Ende gelohnt haben und wir die nächsten 3 Wochen noch ordentlich Qualität bekommen, umso besser. Und so gehe ich in diesem Jahr einfach mit einem durchwachsenem Gefühl in die Saison.

Ein Freund aus dem Blog sagte die Tage zu mir „Wart mal ab. im Mai machste‘ Dir ne Flasche Barolo auf und hättest nicht gedacht, dass Du die auf den Klassenerhalt trinkst“ – ich hoffe es.

Auf geht’s. Saison 22/23.

Autor: Claudio Gentile

Als gebürtiger Bochumer wurde ich das erste Mal im zarten Alter von sechs Jahren ins Ruhrstadion geschleppt. Der VfL verlor. Was auch sonst. Trotzdem ließ mich der Verein nicht mehr los und spätestens als ich ein paar Tage nach meinem ersten Stadionbesuch das legendäre Papagei-Trikot mit einem "Peter Peschel"-Flock überstreifen durfte, war es um mich geschehen. Das ist jetzt 22 Jahre, wenig Siege und viele Niederlagen her. Wo die Liebe im Fußball hinfällt, kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen. Und eine Liga kennt Liebe auch nicht.

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