Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Kommt jetzt die Zeit der jungen Wilden?

Sommerpause – die lange Zeit des Wartens auf den Ligabetrieb zieht sich alljährlich aufs Neue in unerwünschte Längen. Wie jedes Jahr fiebert man dem Saisonstart entgegen und fragt sich, ob der VfL in diesem Jahr vielleicht endlich wieder ganz oben um den Aufstieg mitmischen kann. Wie ein Kind zu Weihnachten freut man sich dabei voller Vorfreude auf die Neuzugänge. Es wird spekuliert und hitzig diskutiert – können dieses Jahr alle Schwachstellen aus dem Vorjahr beseitigt werden? Schaffen es die Neuen den Verein nachhaltig zu verbessern? Der Fokus liegt hierbei ganz klar auf den externen Neuzugängen, dabei schlummert diese Saison ein enormes Potential gerade bei den eigenen Nachwuchsspielern.

Gestandene Spieler oder doch der eigene Nachwuchs?

Jahrelang wurde der eigene Nachwuchs in Bochum teils fahrlässig vernachlässigt. Hochtalentierte Spieler verließen den VfL für kaum bis gar kein Geld, weil nicht frühzeitig und ausreichend auf sie gesetzt wurde. Auch heute wird darüber diskutiert, ob man nicht lieber gestandene Profis an Bord holt, die in den Augen vieler ein deutlich geringeres Risiko für den Verein darstellen. Die Jugendspieler würden dadurch selbstverständlich auf weniger Einsatzzeiten kommen. Doch ist auf lange Sicht das Risiko bei Nachwuchsspielern tatsächlich höher als bei anderen Spielern oder überwiegen nicht vielleicht sogar die Chancen? Man kann jedenfalls durchaus von einem Fakt sprechen, dass es gerade Nachwuchsspieler waren, welche uns vor der drohenden Insolvenz gerettet und zu einem liquiden Zweitligisten gemacht haben. Insbesondere die Transfereinnahmen von Goretzka, Klostermann und jüngst Bulut haben dem Verein wieder neue Stärke verliehen. Dabei sollte man den Mehrwert auf keinen Fall auf das Finanzielle reduzieren, sondern vielmehr den Fokus auf das Sportliche richten. Jungprofis können befreit aufspielen und wissen häufig durch Leidenschaft und Wille zu überzeugen. Neben den internen, wussten auch externe Talente wie Gregoritsch, Haberer und aktuell Janelt zu überraschen und konnten, trotz teils heftiger Kritik an den Transfers, nachhaltig die Qualität der Mannschaft erhöhen.

„Durch die regelmäßige Teilnahme der U19-Talente am Profitraining haben wir in unserer Karriere bereits zwölf Monate übersprungen, weil wir ein Jahr auf Zweitliga-Niveau schon trainieren konnten. […]  Außerdem spüren wir das Vertrauen der sportlichen Führung, die in der Winterpause nicht auf dem Transfermarkt aktiv war und mit Vitaly Janelt nur einen Jugendspieler verpflichtet hat. Das ist ein Vertrauensbeweis mit Signalwirkung.“

– Görkem Saglam im Interview mit der Reviersport über die Situation beim VfL

 

Das Talentwerk

Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Beim VfL wird mittlerweile stärker denn je auf den Nachwuchs gebaut. Das erfordert selbstverständlich Geduld – Geduld die vielen Fans, aber auch einigen Spielern, manchmal leider abhanden geht. Das zeigte jüngst das Beispiel von Gökhan Gül, der, wenn man den Aussagen der Verantwortlichen trauen kann, sehr frühzeitig überhöhte sportliche Ansprüche an den Vorstand gestellt hat und letztendlich gewechselt ist. Sein zuvor gefeiertes Profidebüt, dass ihn zu einem der jüngsten Innenverteidiger-Debütanten in der Geschichte der 2. Bundesliga machte, konnte den Transfer letzten Endes nicht verhindern. Solche Abgänge kann und muss man leider in der heutigen Zeit verkraften. Durch nachhaltige Jugendarbeit kann das Kollektiv den Verlust des Einzelnen abfangen und durch gezielte Transfers weiterer Talente, wie beispielsweise Janelt, sogar gänzlich kompensieren. Die Weichen sind jedenfalls nicht erst seit der Einführung des Talentwerks im Juli 2015 klar in Richtung einer effektiveren Jugendarbeit gestellt. Regelmäßiges Training mit den Profis, Einbezug der Jugendtrainer in den Profibereich oder ein gemeinsames taktisches Konzept für alle U-Mannschaften in Abstimmung mit der Profimannschaft – all dies scheint nun zu fruchten. Das zeigt sich an den Aussagen der Jugendspieler, wie jüngst von Görkem Saglam, aber auch bei einem Blick auf die sportliche Entwicklung. Mit Platz 3 in der Saison 2015/16 und Platz 4 in der abgelaufenen Saison wusste dabei vor allem die U19 durchaus zu überzeugen und konnte etablierte Fußballgrößen wie Borussia Mönchengladbach und den 1. FC Köln hinter sich lassen. Selbstverständlich alles mit deutlich kleinerem Etat und trotz der Tatsache, dass unsere Nachwuchstrainer regelmäßig von anderen Teams abgeworben werden. Gute Arbeit bleibt eben selten unbemerkt und so zieht mit Jan Siewert nun auch der Erfolgstrainer aus der abgelaufenen Saison in Richtung Dortmund und entgegen eines höher bezahlten Engagements. Doch nicht nur in den Jugendmannschaften, sondern auch im Profiteam merkt man den neuen Wind des Nachwuchskonzeptes. So durften wir in der abgelaufenen Saison nicht nur das jüngste Team der Liga bestaunen, sondern auch 5 Spieler die mit 18 Jahren bereits Einsätze in der 2. Bundesliga feiern durften. Beachtliche Werte, die ligaweit ihresgleichen suchen und nicht nur mit der Verletzungsmisere abgetan werden können. Immerhin konnten Saglam, Janelt und Pavlidis auch gegen Ende der Saison, als gerade die Offensive wieder nahezu komplett war, zeigen, dass mit ihnen wohl auch in der kommenden Saison zu rechnen ist.

Die Spieler

Bei einem näheren Blick auf den Kader fällt auf, dass für fast alle Mannschaftsteile schon hoffnungsvolle Talente mit einem Profivertrag ausgestattet sind. Mit Saglam hat der VfL einen Spieler, welcher durch seine Übersicht ein Spiel lenken kann und durch kreative Pässe in die Schnittstellen enormes Potential mitbringt, auch um künftig weniger von Thomas Eisfeld abhängig zu sein. Gemeinsam mit Janelt stellt er schon jetzt eine echte Alternative für die Stammformation dar und sollte die Qualität im Z(O)M bei entsprechender Entwicklung deutlich erhöhen. Durch die Polyvalenz von Janelt, der alternativ zur zentralen Mittelfeldposition neben Losilla durch seine Defensivstärke auch als klassischer Sechser und Innenverteidiger auflaufen kann, müssen beide dabei nicht zwangsläufig in direkter Konkurrenz zueinanderstehen. Doch die Liste hoch talentierter Spieler hört bei diesen beiden noch lange nicht auf, viele weitere Jungprofis drängen in das Rampenlicht. Mit Pavlidis ist nochmals ein gänzlich anderer Spielertypus vorhanden, welcher mit einem niedrigen Körperschwerpunkt und einer starken Technik eine echte Option für das Angriffsdrittel gerade auf engstem Raum darstellen könnte. Maxim Leitsch ist der Letzte im Bunde, welcher in der abgelaufenen Saison sein Debüt feiern durfte und dabei als linker Innenverteidiger eine enorme Ruhe am Ball ausstrahlte. Kein Wunder also, dass seine Leistungen, wie die aller anderen genannten Spieler, bereits mit der Berufung in die Nachwuchsnationalmannschaft entsprechend gewürdigt wurde.

Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Weitere Kandidaten wie Bapoh, Baack, Kraft und Gkaloustian scharren sprichwörtlich schon mit den Hufen und warten auf ihren ersten Einsatz bei den Profis. Im Gegensatz zu den beiden letztgenannten sind Bapoh und Baack dabei noch berechtigt für die Jugend aufzulaufen und dort Pflichtspielminuten zu sammeln. Angesichts der steigenden Konkurrenz auf dem Platz bleibt abzuwarten, ob es auch im in der kommenden Saison ähnlich viele Debütanten wie im letzten Jahr geben wird. Mit Gertjan Verbeek ist zumindest ein Trainer am Werk, der durchaus dazu bereit ist der Jugend entsprechende Chancen zu bieten. Gerade Baack, der zeitweise als Kapitän der deutschen U-17 auflief, wäre aufgrund seiner hohen Pressingresistenz und herausragenden Aufbaustärke prädestiniert für das System von Verbeek. Auch Bapoh kann mit seinem laufintensiven Spiel und der Übersicht für den freien Raum sich in die Herzen der Fans spielen. Dies gilt selbstverständlich auch für viele weitere Spieler, die noch im entwicklungsfähigem Alter sind. Aktuell besitzen beim VfL 16 (!) Spieler einen gültigen Profivertrag, die nicht älter als 23 Jahre sind. Darunter befinden sich weitere hochveranlagte Spieler wie Bandowski, Gyamerah und Stöger, die sicherlich allesamt potentielle Kandidaten für die Startelf sein dürften. Diese Vielzahl an jungen Profis birgt ein enormes Potential innerhalb der Mannschaft – unabhängig von weiteren externen Neuzugängen.

Geduld ist eine Tugend

Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Immer im Auge sollte man dabei die Realität behalten. Nicht jeder Spieler entwickelt sich nachhaltig wie gewünscht und nur die wenigsten schaffen den Durchbruch zum Stammspieler bereits mit weniger als 20 Jahren. Es ist somit zwingend notwendig, die entsprechende Geduld aufzubringen und dem guten Gespür von Verbeek zu vertrauen. Am Ende kann nur eine gesunde Mischung aus Erfahrung und Jugend die Mannschaft in der Tabelle weiter nach oben führen. Mit Hinterseer, Diamantakos und Soares konnte Hochstätter schon ein deutliches Zeichen an die Konkurrenz setzen. Bis zum 3. Juli soll laut dem Sportvorstand noch ein weiterer Spieler folgen. Eines ist jedenfalls sicher, die Sommerpause mag zwar wie immer die Geduld vieler auf die Probe stellen, dennoch steigt derzeit innerlich die Lust auf mehr. Lust auf mehr attraktiven Fußball und Konstanz in unseren Leistungen. Lust auf mehr Punkte und einen erneuten Angriff auf das obere Tabellendrittel – und wer weiß, vielleicht ist gerade die Vielzahl der jungen Spieler der entscheidende Schlüssel um es in der kommenden Saison tatsächlich bis unter die besten 3 zu schaffen.

Schreibe einen Kommentar