11 Jahre vor Arbeit ganz grau

Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

11 Jahre Zweite Liga sind eine lange Zeit. Für den Verein, für die Fans, für alle. In 11 Jahren passiert eine Menge – in jeder Saison passiert eine ganze Menge. Unser Gastautor Tobi nimmt uns mit auf seine ganz persönliche Reise durch die Jahre in Liga Zwei mit Sicht aus dem Fanblock und auch mit einem Augenzwinkern, denn ohne Humor wäre einem die Zeit wahrscheinlich noch länger vor gekommen.

Kapitel 1: Der Untergang (2009/2010)

Ich war zum Glück nicht live dabei. Warum ich an dem Tag nicht am Stadion war, weiß ich nicht mehr. Aber auch allen die da waren genügte diese erste Halbzeit gegen Hannover 96 um zu wissen, wo die Reise hingeht. Nach dem Abstieg klatschten sich manche Spieler ganz geschmeidig auf dem Rasen ab. Mergim Mavraj war so einer. Unerträglich. Vor allem weil wir eigentlich ein geiles Team hatten – mit Sestak, mit Fuchs, mit einem blutjungen Lewis Holtby. Jeder plante gefühlt schon die nächste Saison, die mit diesen Spielern wahnsinnig gut hätte werden können. Wurde sie aber nicht. Mit in Liga Zwei ging von den genannten Spielern letztlich keiner. Da durften wir Fans schön allein hin. Ich weiß noch, dass am nächsten Tag Landtagswahl war. Als Reporter für SAT.1 NRW musste ich nach Düsseldorf. Mein damaliger Chef sagte zu mir und einem anderen Kollegen, der auch Bochum-Fan ist: „Tut mir echt leid für Euch mit dem Abstieg!“ Die Antwort kam fast zeitgleich von uns beiden: „War ja auch hochverdient!“

Kapitel 2: „Mett“ dem Zug nach Oberhausen (2010/2011)

Wenn man morgens in die Bahn zum Auswärtsspiel in Oberhausen steigt, dann hilft es sehr, wenn man direkt Mettbrötchen kriegt. Das hebt die Stimmung. Der Mettbrötchen-Spender war Moritz. Den lernte ich an dem Tag kennen, weil der liebe Kollege von SAT.1 (der auch Tobi heißt) ihn seit hundert Jahren kennt und beide gemeinsam irgendwann mal Volleyball-Legendenstatus im Großraum Bochum erreicht haben. Oder so ähnlich. Legendär schlecht präsentierte sich ansonsten an diesem Tag der VfL und ließ sich von Rot-Weiß Oberhausen so richtig schön nass machen. Ein gewisser Heerwagen im Tor schwankte zwischen Welt und Kreisklasse, mit deutlicher Tendenz zur Kreisklasse. Aber die Wurst im Stadion war ganz ok. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und der Start einer unvergleichlichen „Auswärtsfahrten-Seuche“. Bis heute trauen wir uns nur ganz selten in fremde Stadien, auch um dem VfL nicht zu schaden.

Kapitel 3: „Reusliche“ Gewalt (2010/2011)

Ich weiß noch, dass der andere Tobi vor dem Relegations-Rückspiel gegen Gladbach ein Foto bei Facebook postete. Zu sehen waren die Tickets fürs Stadion und der Satz: „Heute wird ein guter Tag!“ Wurde es auch. Nur leider nicht für uns. Dieser elende Marco Reus war auch viel zu gut und ging mir brutal auf den Nerv. Seitdem mag ich auch den Favre nicht mehr. Und Gladbach. Und überhaupt. Auch zu Hause war es nicht einfach, da meine Frau in Mönchengladbach geboren wurde. Am nächsten Tag machte ich für SAT.1 NRW die Nachrichten. Trotzig titelte ich „Jetzt erst recht!“ und fabulierte vom neuen Anlauf auf den Aufstieg in der nächsten Saison, schnitt dazu fast nur Bilder von ebenso trotzigen Bochum Fans in den Film und erwähnte Gladbach nur am Rande. Mein Chef war nicht begeistert. Versteh ich bis heute nicht.

Kapitel 4: Pedda Wars – The Neururer strikes back (2012/2013)

Wir waren ja eigentlich so gut wie tot. Die dritte Liga klopfte nicht nur an, sie trat eher die Tür ein. Doch es gab einen Mann, der aufstand und uns zeigte, wie man kämpft. Wie man Gegner, die letzte Woche noch übermächtig waren, aus dem Stadion fegt und Sieg um Sieg holt. Sein Name war Pedda! Pedda Neururer. Spätere Weltmeister wie Christoph Kramer wurden im Training so stark geredet, als wären sie Messi und Ronaldo zusammen und spielten plötzlich wie junge Götter. Vom Magazin 11Freunde wurde Pedda zum Typen des Jahres gewählt. Völlig zu Recht. Es war der Beginn der zweiten (und garantiert letzten!) Liebesaffäre mit dem Mann, der schon zwischen 2002 und 2004 (bis ein gewisser Edu… aber lassen wir das!) den Rasen und die Gegner in Grund und Boden tanzte. Schön war’s!

Kapitel 5: Lauf Latza!!! (2013/2014)

Der andere Tobi weiß, wie man im Stadion, vom Block Q aus, die Spieler zu Höchstleistungen antreibt. Vor allem der ein oder andere vermeintliche „Schönwetterfußballer“ steht meist hoch in der Gunst des geneigten Motivators! Daher wurde ein gewisser Danny Latza stets freundlich ermutigt, sich jetzt doch endlich mal den Ar*** aufzureißen (Anmerkung der Redaktion.: Latza hat und hatte bei uns einen echt hohen Stellenwert. Später stellte sich raus, dass Danny Latza eine absolute Bereicherung fürs Bochumer Spiel war, nur das drumherum stellte in der ersten Saison eher das Problem dar.)  Der Rest der Truppe hörte allerdings offenbar nicht immer auf Motivator Tobi und pendelte Zwischen Pechvogel (Sukuta-Pasu), einem „Ich treff lieber immer den Pfosten“-Spieler (Cwielong) und Menschen, die auf dem Rasen eigentlich echt nichts mehr zu suchen hatten (Tiffert). Von daher war auch in der Saison nach Peddas Rückkehr vieles nicht ganz so ideal. Nur der Antreiber in Block Q zeigte stets starke Leistungen.

Hatte eine unglückliche Zeit in Bochum – Foto: Tim Kramer (Tremark)

Kapitel 6: Tor-rodde und der Angriff auf die Spitze (2015/2016)

Auch wenn er uns offenbar nicht mag und seine Zeit beim VfL nicht als erwähnenswert ansieht: wir haben Terodde geliebt. Zumindest damals. So geile Tore. So viele Tore. Nur Elferschießen konnte den Torhunger dieses Mannes kurz bändigen. Geil war das. Und mit Leuten wie Perthel, Hoogland, Haberer, Losilla, Eisfeld, Bulut, Terrazzino war das eine echt starke Truppe. Unvergesslich war die Schlammschlacht von Düsseldorf. In weißen Trikots. Dauerregen, Matsche, Irrsinn. Am Ende hat es nicht gereicht, um ganz oben anzuklopfen. Aber es war nach Jahren der Entbehrung trotzdem ein Moment voller Stolz als VfL Fan.

Glückliche Zeiten – Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Kapitel 7: Geld spielt keine Rolle (2016/2017)

Es war kalt, es hat geregnet und meine Kinder wollten unbedingt mit ins Stadion. Da die damals noch recht klein waren, beschlossen wir auf einen Sitzplatz zu gehen. Block B wurde es, weil es gegen Würzburg (!!!) recht voll im Stadion war. Es war eines dieser: „Das müssen wir unbedingt gewinnen“- Spiele, in denen der VfL ja gerne mal doof aus der Wäsche schaut. Also zahlten wir einen stolzen Preis, um diesem Schauspiel beizuwohnen. Meine Güte war das schlecht. Zumindest 70 Minuten lang. Bochum lag 0:1 hinten und dann passierte es: passend zum Rest des Spiels stocherte Tom Weilandt irgend so ein Zeigler’sches Kacktor zum Ausgleich rein. Wieso der Ball sich dazu entschieden hat reinzuhoppeln, weiß bis heute keiner. Und dann hatten wir ja noch Sensationsspieler Dominik Wydra, der den Tag dazu nutzte einen Schuss abzufeuern, den er so wahrscheinlich nie wieder hinbekommen hat oder wird. Das Ding flog in den Winkel und wir flogen mitten rein in die Ekstase. Gegen Würzburg. Im Regen. 90 Minuten stehend auf einem elend teuren Sitzplatz. Für so was ist man VfL-Fan.

Kapitel 8: Stolpermann (2016/2017)

Er wurde 2016 (gemeinsam mit gefühlt 20 anderen Spielern) von Greuther Fürth geholt und sollte so richtig gut sein. Brachte es aber nie auf den Platz! Die Rede ist von Marco Stiepermann, der jedes Spiel von Beginn an ran durfte, obwohl von uns niemand wusste, warum. Seine Leistungen brachten ihm bei uns im Block Q den Spitznamen „Stolpermann“ ein. Und dann gab es ihn doch: diesen einen großen Moment, wo er zeigte, was er angeblich kann. Wir lagen zur Pause 0:2 gegen Dynamo Dresden hinten und waren so richtig schön bedient. Gellendes Pfeifkonzert. Und dann kamen irgendwie ganz andere Mannschaften aus den Kabinen. Und Stiepermann glänzte, kämpfte, ackere, traf das Tor und wir alle wussten nicht, was da los war. Innerhalb von Minuten stand es 2:2 und dann drehte Toto Losilla das Spiel. Sogar Nachwuchstalent Saglam machte eine richtig geile Bude. Was für unfassbare 45 Minuten. Die einzig geilen 45 Minuten des Marco “Stolpermann”. Aber eben richtig geil!

Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Kapitel 9: Ganz in Weiß (2019/2020)

Ein weißes Heimtrikot? Wollt Ihr mich verar***en? Genau das dachte ich, als es vorgestellt wurde. Wohlgemerkt: das letzte Mal mit weißem Heimtrikot gab es einen Abstieg! Mit so Leuten wie Christoph Preuß, dem alten Eintrachtler. Und mit Vratislav Lokvenc, dem alten Lauterer. Wie kommt man auf sowas? Wir spielen in Blau! Blau! Oder mit Regenbogen! Oder gar nicht! Ich mag ja die kranken Trikots, die wir über die Jahrzehnte hatten. Pink, gelb(!), rot, orange, vor allem orange… alles irgendwie geil oder zumindest so schlecht, dass es schon wieder gut ist! Aber zu Hause spielen wir in Blau! Punkt. Aus! Wer wusste da schon, dass diese Saison ganz andere Probleme mit sich bringen würde als Trikotfarben.

Kapitel 10: Geister-Meister (2019/2020)

Wer konnte ahnen, dass wir Fans offenbar die ganze Zeit das Problem waren. Hätte uns mal früher einer erzählt, dass diese Truppe uns gar nicht dahaben will und uns gar nicht brauchen kann. Im leeren Stadion waren die auf einmal komplett entfesselt und spielten ein Zeug, von dem wir vorher nicht mal träumten. Der gute Thomas Reis machte auch da schon viel richtig und plötzlich waren wir nach dem Corona Re-Start die Besten der Besten. Ich schnall das bis heute nicht, aber warum sollte ich das hinterfragen?! Hauptsache es geht nach oben! Wenn ich dafür das Opfer bringen muss, nicht dabei sein zu dürfen, dann ist das ok. War es zumindest. So langsam reicht es. Das Stadion fehlt mir mittlerweile brutal. Meine Freunde Moritz und Tobi fehlen. Die Wurst. Das Fiege. Die Expertenrunde, die immer hinter uns steht und alles weiß. Also eigentlich wissen die nix, aber das wissen sie eben auch nicht!

Will viel mehr: Robert Tesche – Bild: VfL Bochum

Kapitel 11: Der alte Mann will viel mehr (2020/2021)

Als ich 33 war, kam mein zweites Kind zur Welt und ich spielte in der Landesliga Basketball. Das hielt ich für eine enorme körperliche Leistung. Bis ein Typ namens Robert Tesche mir zeigte, was mit 33 Jahren wirklich noch so drin ist. „Drin ist“ ist dabei wörtlich zu nehmen. Denn wenn Robert Tesche mit seinen 33 Jahren nur in die Nähe des Balls kam, war das Ding drin. Immer. Dauernd. Was für geile Tore. Was für wichtige Tore. Im Pokal gegen Mainz. Gegen Hannover in der gefühlten 99. Minute. Ich habe selten vor einem Spieler so viel Respekt gehabt. Wie sehr kann man etwas wollen? Wie sehr kann man den Frust von 11 Jahren zweiten Liga in Willen, Kampf, Kraft und Irrsinn umwandeln? Wie sehr kann man FÜR die Fans spielen? Auch wenn unser Duo „ZZ-Top“ insgesamt noch mehr beigetragen haben mag – für mich gibt es bei diesem Aufstieg niemand wichtigeren als Robert Tesche.

11 Jahre zweite Liga waren lang, oft traurig, manchmal glanzvoll und irgendwie ganz oft so „typisch Bochum“. Die 11 Jahre haben mir Freundschaften und wunderbare Momente gebracht. Sie haben gezeigt, wie leidensfähig man ist und warum dieser Verein einen als Fan ausgesucht hat. Bochum und ich – das passt und wird es immer tun! Egal in welcher Liga. Aber ist schon ganz schön geil, dass es jetzt mal wieder die erste Liga ist.

Written by Moritz Möller

Über 20 Jahre begleitet mich der VfL jetzt schon - oder ich ihn. Ein Heimspiel Anfang der 90ziger gegen Leverkusen war der Auslöser, dann ging es auf einmal aus der zweiten Liga nach Europa, Abstieg, Aufstieg, wieder Europa, Abstieg und Relegation. Manch euphorische Saisonphasen die vom Auf.... träumen ließen, dazwischen Heimspiele mit 9000 Zuschauern gegen Aue, Mettbrötchen auf dem Weg nach Oberhausen, eine enttäuschende Auswärtsbilanz meinerseits und viele andere schöne Erinnerungen gehören dazu. Immer dabei: Dauerkarte, ein Fiege und eine Gruppe aus guten Freunden in Block Q sind für mich mit dem VfL einfach untrennbar verbunden.

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