Die Bühne ist angerichtet zur Jahreshauptversammlung am Mittwoch. (Foto: VfL Bochum 1848)

Die Ära Hans-Peter Villis – Fortschritt oder Rückschritt?

Kommenden Mittwoch findet die Jahreshauptversammlung unseres VfL Bochum statt. Dieses Jahr droht den Verantwortlichen eine unruhige Versammlung, denn wenngleich unter dem neuen Trainer Thomas Reis spielerisch die Tendenz nach oben zeigt, ist die sportliche Lage alles andere als rosig. Teile der Fans rufen sogar zur Nicht-Entlastung des Präsidiums auf und fordern den Rücktritt des Vorsitzenden Hans-Peter Villis. Doch was bedeutet eine „Entlastung des Präsidiums“? Und ist die Ära Villis beim VfL so schlecht wie viele meinen? Wir werfen einen Blick auf die Sachlage und beginnen dabei mit einem Rückblick in das Jahr 2010.

Oktober 2010. Ruhrcongress. Der VfL war im Frühjahr als Tabellenvorletzter aus der Bundesliga abgestiegen. Man startet mit vier Siegen aus sieben Spielen, viele Fans sind mit der sportlichen Situation nicht zufrieden. Wirtschaftlich sieht es besser aus: der VfL ist laut dem Nachrichtenportal n-tv schuldenfrei. Die Jahreshauptversammlung verlief hingegen turbulent, nachdem bereits im Vorfeld Kritiker (u.a. die Fan-Initiative „Wir sind VfL“) mit verschiedenen Zielen für die JHV mobil gemacht haben, versank die JHV im Chaos (u.a. wurden Mitglieder nicht hinein gelassen, weil es zu voll war) und aus der Dynamik kam es laut Ben Redeling zu einer „symbolischen Nichtentlastung des Aufsichtsrats“. Als Konsequenz dessen, trat Altegoer mit einigen Vertrauten (Horst Christopeit, Heinz Hossiep, Volker Goldmann, Gerd Kirchhoff) aus dem Aufsichtsrat zurück und ließ einen führungslosen VfL zurück. Frank Goosen, damals gerade neu in den Aufsichtsrat gewählt – als Zeichen Altegoers, dass er bereit für einen Wandel ist, da Goosen als einer der Kritiker des Führungsstils von Altegoer bekannt war – sagte damals im Kicker: „Ich bin jetzt ratlos und von der Situation überfordert. Dieser Verein ist gerade dabei, sich selbst um die Ohren zu fliegen. Ich würde es mir sehr wünschen, wenn die Leute, die gerade zurückgetreten sind, es sich nochmal überlegen„.

Lediglich Bernd Wilmert (Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum), Frank Goosen und Hans-Peter Villis (Vorstandschef des Energieunternehmens EnBW) verblieben im Aufsichtsrat. Der Vorstand aus Thomas Ernst und Ansgar Schwenken wurde hingegen mit knapper Mehrheit entlastet. Nach Werner Altegoers Abschied übernahm zunächst Ex-Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber den Vorsitz des Aufsichtsrates des VfL bevor im Herbst 2012 ihm Hans-Peter Villis folgte.

Wie im Jahr 2010, ruft für die Hauptversammlung in diesem Jahr erneut eine Gruppierung (die Ultras Bochum UB´99) zu einer Nicht-Entlastung des Vorstandes auf. Als Gründe werden in dem Aufruf auf der Homepage die sportlichen Leistungen seit der Relegationssaison 10/11, „vereinspolitische Probleme wie die Querelen um Gertjan Verbeek, das Hickhack um Christian Hochstätter, das bis heute merkwürdige Abtauchen von Wilken Engelbracht, der Umgang mit Spielern wie Tim Hoogland oder Stefano Celozzi und letztlich der aus ihrer Sicht mehr als merkwürdige Abgang von Robin Dutt“ angeführt.

 Was bedeutet der Begriff der „Entlastung“?

Im Vereinsrecht billigt mit der Entlastung des Vorstandes/Aufsichtsrat das dafür zuständige Vereinsorgan – in unserem Fall die Mitgliederversammlung – die Geschäftsführung des Vorstands/Präsidiums. Sie erklärt sich mit der Tätigkeit des Vorstands einverstanden und verzichtet durch die Entlastung darauf, Bereicherungs- und Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Eine Nicht-Entlastung eines Gremiums bedeutet, man geht davon aus, dass dieses in die eigene Tasche gewirtschaftet oder vorsätzlich zu Ungunsten des Vereins entschieden hat. Sie ist also für strafbare Handlungen vorgesehen.

Die Villis Gegner machen somit noch vor der Jahreshauptversammlung am Mittwoch mobil für eine Nicht-Entlastung. Grund genug für uns, die Zeit von Hans-Peter Villis beim VfL näher zu beleuchten. Wie hat sich der Verein unter Leitung von Villis entwickelt und ist er noch der richtige Mann für den VfL?

Die Anfangszeit unter Villis

Seit September 2012 ist Hans-Peter Villis Aufsichtsratvorsitzender beim VfL. (Foto: VfL Bochum 1848)

Villis war im September 2010 zusammen mit dem damaligen Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke, Bernd Wilmert, in den Aufsichtsrat berufen worden. „Wir brauchen so viel Kompetenz wie möglich, nicht nur im sportlichen Bereich, sondern auch im Aufsichtsrat“, sagte Werner Altegoer damals. Offiziell gab es keine Stellungnahme, aber die Hoffnung beim VfL und vieler Fans war, dass beide mit ihren vorhandenen Kontakten rund um ihre Unternehmen neue Sponsoren für den Verein akquirieren könnten. Im Sommer 2012, also noch vor seiner Amtsübernahme zum Aufsichtsratsvorsitzenden, soll Villis Gerüchten zufolge gar zu denjenigen Unterstützern gehört haben, die mit privaten Darlehen den Spielbetrieb gesichert haben als die Lizenz durch die DFL in Gefahr war.

Kurz darauf übernahm er das Amt vom Aufsichtsratsvorsitzenden von Ernst-Otto Stüber. Nach seiner Wahl sagte Villis damals: „Ich möchte helfen, den VfL dahin zu bringen, wo er hingehört: In die 1. Liga und in die Herzen der Fans“. Die WirtschaftsWoche beschrieb den Führungsstil des ehemaligen Finanzvorstandes einer schwedischen E-On Tochter bei Deutschlands drittgrößtem Energieversorger EnBW als ruhig und pragmatisch. Doch auch nach seinem Amtsantritt sollte der VfL schwierige Zeiten erleben. Unter der Leitung des damaligen Sportvorstands Jens Todt, der noch von Stüber im Jahre 2011 verpflichtet wurde, trudelte der VfL sportlich bedrohlich nahe der 3. Liga entgegen.

Nach einer 0:3 Heimniederlage gegen den direkten Konkurrenten Aue, was die vierte Niederlage sowie das sechste sieglose Spiele in Folge bedeutete, stand der VfL im April 2013 am 28. Spieltag im Tabellenkeller der zweiten Liga. Für Aufsehen sorgte damals, dass der Aufsichtsrat zwei Tage nach der bitteren Niederlage gegen den direkten Konkurrenten nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung stand. Vielen war die Vereinsführung zu zögerlich und hätte nach Meinung der Fans früher reagieren müssen. Drei Tage nach dem Abrutschen auf den Relegationsplatz wurden schlussendlich doch Sportvorstand Jens Todt und der damalige Trainer Karsten Neitzel von ihren Aufgaben entbunden. Als Retter in der Not wurde Peter Neururer verpflichtet und Heinz Knüwe übernahm übergangsweise die Aufgaben des Vorstandes Sport. Im darauffolgenden Sommer installierte der Aufsichtsrat den erfahrenen, aber durchaus nicht unumstrittenen Christian Hochstätter.

Die Rettung gelang, aber auch unter Neururer verlief der Weg Richtung erste Liga nicht wie erhofft. Nach einem mageren 15. Tabellenplatz in der Saison 2013/14 kam es im November 2014 zu einer erneuten Krise. Nach einem 0:3 in Ingolstadt hatte Aufsichtsrats-Boss Villis der Zeitung mit den vier Buchstaben gegenüber der Mannschaft Grundtugenden („Mentalität, Leistung und Charakter habe ich nicht gesehen“) abgesprochen. Torwart und Kapitän Andreas Luthe reagierte sauer darauf: „Wenn man diese Aussage tätigt – ganz im Ernst – dann sollte man sich vielleicht hier mal etwas blicken lassen. Wenn man intern dabei ist – bei der Mannschaft – und das bewerten kann, dann kann man diese Aussage tätigen. Wenn man das nicht kann, sollte man besser den Mund halten.“

Es kam zur Aussprache von Luthe und Villis, für Trainer Peter Neururer hatte das Ganze allerdings ein Nachspiel. Mit dem Vorwurf des vereinsschädigenden Verhaltens („Neururer hat Spielern das Recht zugesprochen, das höchste Gremium im Verein zu kritisieren. Das geht nicht“ – Christian Hochstätter im Dezember 2014) reagierte der Verein auf eine Aussage Neururers („Als Kapitän und Keeper macht sich Andi viele Gedanken um den Klub. Er hat das Recht, so was zu sagen. Ich stehe zu ihm!“) und stellte den Trainer frei. Viele sahen darin nur einen Vorwand, den Neururer dem Sportchef Hochstätter und Aufsichtsrats-Boss Villis geliefert hatte. Das Verhältnis galt vorher schon als abgekühlt, der auslaufende Vertrag wäre höchstwahrscheinlich nicht verlängert worden. Sportlich war man bis dato also weiterhin auf der Suche nach Ruhe – finanziell konnte allerdings von Christian Hochstätter gemeinsam mit Wilken Engelbracht, der im Juni 2014 vom Aufsichtsrat installiert wurde, die Entschuldung mit klugen Ideen und Transfergeschick vorangetrieben werden.

Die Phase des Aufschwungs

Christian Hochstätter galt lange Zeit als Gesicht des Bochumer Aufschwungs. (Foto: VfL Bochum 1848)

Mit Gertjan Verbeek konnte erstmals der von Villis eingesetzte Christian Hochstätter einen Trainer selbst verpflichten. Mit Erfolg – denn unter dem eigenwilligen Fußballfachmann aus dem Nachbarland konnte man in der Folgesaison lange hoffnungsvoll auf den Relegationsplatz schielen. Unter dem Duo Engelbracht/Hochstätter war der VfL erstmals nach der verpassten Relegation sowohl finanziell als auch sportlich wieder in grünen Gefilden. Aber Erfolg weckt Begehrlichkeiten und so klopfte der HSV bei Hochstätter an die Tür, welcher mittlerweile zu Villis wichtigstem Mitarbeiter aufgestiegen war und dessen Vertrag im September 2016 bis 2020 verlängert wurde. Der Transferpoker zog sich und am Ende sagte Hochstätter dem HSV entnervt ab: „Ich hatte das Gefühl, die beiden Vereine können sich nicht einigen. Deswegen habe ich die Entscheidung getroffen, beim VfL Bochum zu bleiben.“

Punktsieg für den Aufsichtsrat um Hans-Peter Villis, der erfolgreiche Architekt der letzten Jahre blieb beim VfL. Allerdings nahmen viele Anhänger dem Sportvorstand den Flirt mit dem Bundesliga-Dino übel und bezeichnend dafür fand die sportlich wohl erfolgreichste Ära unter Villis ein jähes Ende.

Sportliche Talfahrt, Ausgliederung, Rücktritte und eine katastrophale Außendarstellung

Im Sommer 2017 begann dann die von Kuriositäten und Skandalen geprägte Saison, die viele VfL-Fans schnell vergessen möchten. Trainer Gertjan Verbeek wird nach dem Trainingslager und drei Wochen vor dem Start des Ligabetriebes beurlaubt. Über die zwischenmenschlichen Eigenheiten des Trainers war lange hinweggesehen worden, am Ende musste man jedoch die Reißleine ziehen.

Nachfolger wurde Ismail Atalan, der mit den Sportfreunden Lotte in der dritten Liga und im DFB- Pokal zwischenzeitlich für Aufsehen sorgte. In Bochum kam er jedoch nie richtig an und konnte sportlich nicht den gewünschten Erfolg einfahren. Mitten in dieser sportlich heiklen Phase und kurz vor der Freistellung Atalans, wurde die heftig umstrittene Ausgliederung des Vereins beschlossen. Trotz einer klaren Mehrheit mit über 80 Prozent Zustimmung der Mitglieder endete die Ausgliederung durch Krawalle einiger Ausgliederungsgegner denkbar unrühmlich.

Nur zwei Tage nach der JHV, auf der er von Christian Hochstätter mit den Worten begrüßt wurde: „Willkommen in Bochum, Isi!“, wurde Atalan mit nur 10 Punkten aus 9 Spielen schon wieder freigestellt. Viele Fans sowie Kritiker der Ausgliederung warfen der Führung des Vereins vor, die Trennung erst nach der JHV bekannt gegeben zu haben, um die kontrovers diskutierte Ausgliederungsabstimmung nicht zu gefährden. Da die Versammlung in einer Länderspielpause lag, wäre eine Entlassung und Findung eines neuen Trainers zeitnah nach dem Spiel gegen Kiel durchaus naheliegend gewesen.

Der Deal mit Viactiv sollte einer der letzten für Wilken Engelbracht beim VfL sein. (Foto: VfL Bochum)

In der Folge taten sich weitere Nebenschauplätze auf, so wurde Kapitän Felix Bastians suspendiert, der „Butternudel-Skandal“ nahm seinen Lauf und gipfelte schlussendlich im Abgang des langjährigen Leistungsträgers. Kurz vor dem Weihnachtsfest 2017 wurde zudem bekannt, dass Finanzvorstand Wilken Engelbracht den Verein im Laufe des Jahres 2018 auf eigenen Wunsch verlässt. Warum Engelbracht den VfL verließ, wurde öffentlich nie bekannt. „Er ist nicht rausgemobbt worden. Er war der Meinung, dass es einige Aufsichtsratsmitglieder gebe, die ihm wohl das notwendige Vertrauen nicht schenken“, sagte Villis später im Interview mit „Radio Bochum“. Darüber hinaus bescheinigte er ihm einen guten Job gemacht zu haben, aber der „Verein hänge auch nicht von einer Person ab“. Immerhin hatte Engelbracht die Finanzen des Vereins neu geordnet, die Schulden mit Hilfe der Transfererlöse, die man durch Hochstätters Transferpolitik erwirtschafte, abgebaut und die Ausgliederung des VfL vorangetrieben.

Zusammen mit Engelbracht gingen mit sofortiger Wirkung die beiden Aufsichtsratsmitglieder Frank Goosen und Matthias Knälmann, der gleichzeitig Vorsitzender des Wirtschaftsrates war. Sie begründeten ihren Schritt mit unterschiedlichen Vorstellungen über die Zusammenarbeit innerhalb des Gremiums. Villis dazu: „Die Entscheidung zu gehen lag bei allen selbst“.  Niemandem wurde der Rücktritt also nahegelegt. Er erschien aber allen Dreien besser zu sein, als weiter in der bisherigen Konstellation weiterzuarbeiten. Über die Gründe dafür lässt sich nur mutmaßen, da sowohl Engelbracht als auch Goosen als eingefleischte VfL Anhänger gelten, waren sie wohl nicht unerheblich.

Sportlich folgte bereits einige Zeit davor auf Atalan der Nachwuchszentrumsleiter und U19-Coach Jens Rasiejewski als Interimstrainer, der kurz darauf für viele überraschend nach sieben Ligaspielen mit zwei Siegen, vier Unentschieden, einer Niederlage und viel uninspiriertem Fußball mit einem Vertrag über anderthalb Jahre ausgestattet wurde. Rasiejewski galt als Vertrauter Hochstätters und arbeitete schon in Hannover mit ihm zusammen. Nach fünf weiteren Spielen und nur einem Sieg war für ihn in Bochum dann Schluss. Mit ihm musste Manager Christian Hochstätter gehen. Neben der sportlichen Misere, drei Trainern in knapp einer halben Saison und der Causa Felix Bastians kommt die Tatsache hinzu, dass Hochstätter auf einem Fantalk Vereinsinterna ausplauderte und der Vereinsführung keine andere Wahl mehr ließ, als ihn Anfang 2018 zu beurlauben. Viele Anhänger des Vereins werfen dem Aufsichtsrat vor, Hochstätter zu viel Freiraum gegeben zu haben, zu zögerlich gewesen zu sein und zu lange an ihm festgehalten zu haben.

Statt einer außerordentlichen Mitgliedsversammlung endlich positive Schlagzeilen

Hans-Peter Villis auf der Jahreshauptversammlung – eine außerordentlichen Mitgliederversammlung kam nicht zustande. (Foto: VfL Bochum 1848)

Aufgrund all dieser Geschehnisse beginnend mit der sportlichen Misere, der teilweise katastrophalen Außendarstellung des Vereins, der emotionsgeladenen Ausgliederung, Rücktritten Verantwortlicher und der späten Entlassung von Hochstätter wurden einige Anhänger des Vereins aktiv. Ihre Reaktion: Eine Online-Petition unter dem Namen: Rettet den VfL – jetzt! Mit den Zielen: Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, Neuwahl des Aufsichtsrates, Abberufung von Villis. Der Zusammenschluss der drei Gruppen Fan-Club Blau-Weiße Brille, einer Facebook-Gruppierung und von „Rettet den VfL“ verfehlte allerdings sein Ziel, weil die erforderlichen Stimmen und Unterschriften für eine außerordentliche Mitgliedsversammlung nicht erreicht wurde.

Wie ist eine Abberufung des Aufsichtsrates/ Präsidiums möglich?

Eine außerordentliche Mitgliederversammlung kann nach §14 Punkt 6 der Vereinssatzung des VfL Bochum 1848 eV jederzeit vom Präsidium aufgrund eines Mehrheitsbeschlusses einberufen werden. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung muss vom Präsidium unverzüglich einberufen werden, wenn mindestens 20 % der stimmberechtigten Mitglieder dies schriftlich mit Angabe des Grundes gegenüber dem Präsidium beantragen. Wird diese Mitgliederversammlung einberufen, kann über Anträge und einen Mehrheitsentscheid das Präsidium abberufen werden und ein neues Präsidium gewählt werden. Kandidaten, die sich zu Wahl stellen möchten, werden über die Findungskommission vorgeschlagen:

§16 – VfL Bochum 1848 eV Vereinssatzung:

1. Der Findungskommission obliegt es, der Mitgliederversammlung geeignete Kandidaten für die Wahl zum Präsidium gem. § 17 Abs. 1 a vorzuschlagen. Mitglieder können bis zwei Wochen vor der jeweiligen Mitgliederversammlung über das Präsidium bei der Findungskommission sich selbst oder andere Mitglieder als Kandidaten schriftlich vorschlagen. Der Vorschlag ist von der Findungskommission nur zu berücksichtigen, wenn der jeweilige Kandidat dem Vorschlag schriftlich zugestimmt hat. Die Findungskommission kann auch selbst geeignete Kandidaten benennen. Sie soll auf die Bildung geeigneter Wahlblöcke hinwirken.

2. Ein Kandidat ist geeignet und vorzuschlagen, wenn er Mitglied des Vereins ist und sein persönlicher und beruflicher Werdegang sowie seine Einstellung zu den Zielen des Vereins die Annahme begründen, dass er den Anforderungen, die an ein Mitglied des Präsidiums zu stellen sind, gewachsen ist und er das Amt zum Wohl des Vereins ausüben wird.

§17 – Präsidium

Mitglieder des Präsidiums können durch Beschluss der Mitgliederversammlung vorzeitig abberufen werden, wenn mindestens 10 % der stimmberechtigten Mitglieder dies zuvor gem. §  14 Abs. 3 schriftlich mit Angabe des Grundes beim Präsidium beantragen. Soll zum Zweck der  Abberufung eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden, bedarf es der Quote gem. § 14 Abs. 6. Der Abberufungsbeschluss bedarf einer Mehrheit von 2/3 der abgegebenen Stimmen.

Im Jahr 2018 brachten Schindzielorz und Dutt einen sportlichen Aufschwung. (Foto: VfL Bochum 1848)

Villis blieb also weiter im Amt und präsentierte als Nachfolger von Hochstätter direkt nach dessen Beurlaubung seine rechte Hand, den Team- Manager Sebastian Schindzielorz. Ex-Profi Schindzielorz hat Stallgeruch, kommt aus der eigenen Jugend, hat bei den Profis gespielt und hat sich dann bis zum Team-Manager unter Hochstätter hochgearbeitet. Das ein „Lehrling“ Hochstätters frischen Wind reinbringen soll, zweifelten viele an. Es wurde spekuliert, dass dieser zu unerfahren und vielleicht nicht so meinungsstark gegenüber einem Aufsichtsrat sei. Als erste Amtshandlung holte „Sesi“ mit Robin Dutt einen erfahrenen Trainer und das erste Kalenderjahr unter der neuen sportlichen Führung lief sehr gut. Spielerisch war wieder eine Linie zu erkennen, am Ende des Jahres 2018 träumten viele sogar vom Angriff auf den Relegationsplatz um den Aufstieg.

Mit Ilja Kaenzig wurde zudem ein bekannter Name für die Bereiche Finanzen, Organisation und Kommunikation gewonnen, der schon über 20 Jahre im Profifußball auf den verschiedensten Ebenen Erfahrungen sammeln konnte. Unter ihm wurden der Bereich Social Media stark aufgewertet. Villis hatte um den wilden Jahreswechsel 17/18 im Interview mit Radio Bochum eingeräumt „Probleme in der Öffentlichkeitsarbeit und der Kommunikation“ zu haben. Auch daher macht die Verpflichtung von Kaenzig, der schon mehrere Führungspositionen bekleidete und auch in der Schweiz als Sportchef der auflagenstärksten Schweizer Zeitung „Blick“ tätig war, Sinn.

Talfahrt in 2019

So wie es im Jahr 2018 für den VfL bergauf ging, ging es 2019 auch wieder bergab. Eine Rückrunde zum Vergessen und eine Verletzungsmisere, die ihres Gleichen sucht, beendeten die leisen Hoffnungen und am Ende stand der 11.Platz in der Tabelle zu Buche. Daher wurde frühzeitig ein Umbruch eingeleitet, junge Spieler vermehrt eingesetzt und von einer Umgestaltung des Kaders gesprochen. Dieser wurde zum Unmut vieler Fans nur zögerlich umgesetzt, mit Kapitän Stefano Celozzi und Tim Hoogland wurde zwei verdienten Spielern noch vor dem letzten Saisonspiel mitgeteilt, dass sie sich einen neuen Verein suchen können. Die Handhabung dieser beiden Personalien steht für viele Fans stellvertretend für das unglückliche Kommunikationsverhalten des Vereins, sowie die Tatsache nicht den berühmten Plan B in der Tasche zu haben.

Sportlich lief es auch nach der Sommerpause weiterhin nicht rund. Immer häufiger verhaspelte sich der routinierte Dutt mit Taktikexperimenten, die schon in der Vorbereitung gegen unterklassige Gegner nicht zu greifen schienen. Nach einem denkwürdigen Heimspiel gegen Wehen Wiesbaden, in dem der VfL aus einem 0:3 noch ein 3:3 machte, stellte sich Dutt selbst in Frage und wurde schlussendlich wenige Tage später freigestellt. Mit Thomas Reis wurde ein Ex-Spieler als Nachfolger verpflichtet der im Verein als Trainer groß geworden ist, aber auch in den letzten drei Jahren erfolgreiche Arbeit in Wolfsburg geleistet hat und auch andere Strukturen als die unseres VfL kennt. Die ersten beiden Spiele lassen spielerisch einen Aufwärtstrend erkennen, der VfL wartet aber immer noch auf den ersten Saisonsieg und befindet sich auf dem vorletzten Tabellenplatz.

Fazit & Ausblick

Die sportliche Entwicklung unter Hans-Peter Villis gleicht einer Achterbahnfahrt. Das angestrebte Ziel erste Liga, welches mal kurz- und mal mittelfristig ausgegeben wurde, wurde genauso verfehlt wie die Zielvorgabe den VfL dauerhaft unter die Top 25 zu führen. Die finanzielle Konsolidierung hingegen ist gelungen: Zu seinem Amtsantritt besaß der Verein keinerlei finanzielle Flexibilität, an Ablösezahlungen bei Spielerverpflichtungen war nicht zu denken, der Verein war zwischenzeitlich auf die Darlehen privater Unterstützer angewiesen, weil die Banken keine solide Grundlage mehr sahen weitere Gelder zu gewähren. Heute hat der Verein zum zweiten Mal in Folge die Lizenz ohne Auflagen erhalten, weist ein positives Eigenkapital auf und die Mitgliederzahl ist von knapp 4000 auf über 10000 gestiegen. Dass dies aber nicht genügt, um in der zweiten Liga ganz oben anzugreifen, merkte man im Sommer: der Verein konnte zwar einige Spieler mit Qualität verpflichten, aber sowohl auf dem Transfermarkt als auch bei Vertragsverlängerungen mit der finanzstarken Konkurrenz häufig nicht mithalten.

Ilia Kaenzig kann auch dank der Arbeit von Villis auf eine stabile finanzielle Lage blicken. (Foto: VfL Bochum 1848)

Diese Lücke könnte durch die Ausgliederung künftig womöglich geschlossen werden. Der Weg für einen Ankerinvestor wurde frei gemacht, der zum Verein passen sollte und dazu führen soll, weitere Investoren zu begeistern, sich beim VfL zu engagieren. Nachdem die Ausgliederung für viele im Parforceritt abgehandelt wurde, zieht sich Prozess zur Findung eines passenden Partners für den VfL allerdings seit Ende 2017 bis heute erfolglos hin. Präsidium und Vorstand mahnen immer wieder zur Geduld, mit dem Verweis, dass so eine Entscheidung nicht übers Knie gebrochen werden darf, da der Effekt noch lange nachhallt. Gleichzeitig wurde sowohl im Interview mit der Funke Medien-Gruppe im Januar diesen Jahres als auch im Interview auf der vereinseigenen Homepage im Sommer die Präsentation eines Investors in diesem Jahr in Aussicht gestellt. Es bleibt somit weiter ein spannendes Thema.

Grundsätzlich kann man sagen, dass in der bisherigen Ära des studierten Betriebswirts Villis in seinem Spezialgebiet Finanzen der VfL Bochum auf gesunde Beine gestellt und wieder handlungsfähig gemacht wurde. Auch wenn für viele Anhänger des Vereins die sportliche Entwicklung schwerer wiegt und vielleicht auch leichter nachzuvollziehen ist, sollte diese Leistung bei der Bewertung der Persona Villis zumindest nicht außer Acht gelassen werden.

Der Unmut über den sportlichen Bereich mit fehlender Konstanz, der teilweise mangelhaften Außendarstellung unter seiner Leitung, sowie die für viele auch unzureichende Wahrung der Kontrollfunktion durch das Präsidium, bringt viele Mitglieder dazu über Möglichkeiten nachzudenken, den Verantwortlichen einen Denkzettel zu verpassen. Doch dem Präsidium die Entlastung zu verweigern ist vereinsrechtlich nicht das richtige Mittel. Für einige heiligt gegebenenfalls der Zweck die Mittel, doch man sollte nicht die Augen vor den Konsequenzen verschließen. Selbst bei einer ordnungsgemäßen Abwahl eines Präsidiums müssen entsprechende Nachfolger gefunden werden. Nachfolger, die aus den durchschnittlichen finanziellen Mitteln und durchschnittlichem Marktpotential mehr herausholen, als dies unter Villis der Fall war. Hier sollten alle stimmberechtigten Mitglieder sich auch ihrer Verantwortung gegenüber dem Verein bewusst sein. Es gibt sicherlich Argumente für und gegen Villis, doch gilt es diese bei so einer entscheidenden Wahl ausgiebig zu bedenken und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen – egal ob man Villis gegenüber nun positiv oder negativ gestimmt ist. Seinen Unmut über die Entwicklung und auch Kritik kann man selbstverständlich in sachlicher Art und Weise auf der Jahreshauptversammlung äußern. Ein gezieltes Nach- und Hinterfragen bei den handelnden Personen bringt vielleicht Diskussionen ins Rollen, die den Verein in seiner Entwicklung helfen können.

 

Dieser Artikel entspringt größtenteils der Feder unseres Gastautors Moritz Möller. Vielen Dank für die exzellente und überaus aufwendige Recherche Moritz!

Jens Hartenstein

Jens Hartenstein

In Bayern geboren, führte mein Weg zum Fußball über den FC Bayern München erst über Umwege zum geliebten VfL. Hierbei hat mich insbesondere die Phase Mitte der 90 geprägt, als man unter anderm in den UEFA Cup einzog. Nach einer jugendlichen Trotzphase, in der ich mich fast gänzlich dem Fußball, aber vor allem der Kommerzialisierung von selbigem abgewandt hatte, fand ich dann Anfang des neuen Jahrtausends wieder zurück zum Fußball. Ein echter Fußballfan kann eben doch nicht ohne seine Leidenschaft. Spätestens als ich dann beim Abschiedsspiel von Darius Wosz dessen letztes Bundesligator, den Abstieg Gladbachs und unseren beinahe Einzug in den UI-Cup live im Gladbacher Stadion feiern durfte, wars um mich dann komplett geschehen. Seitdem sind mäßige Spiele, Niederlagen, Abstiege und sämtliches Leid aller VfL Fans mein ständiger Wegbegleiter.

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