Elfmeterschießen ist nicht so Mainz

Nur einmal den Pokal gewinnen... Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Das war Drama pur! Der VfL Bochum musste am Tag vor Heiligabend noch ein letztes Mal in diesem Jahr raus auf den Fußballplatz. Der Erstligist 1. FSV Mainz 05 lud zum Pokalabend ein. Das Spiel entwickelte sich zu einem echten Aufreger mit erfreulichem Ende. Der VfL gewann nach Elfmeterschießen mit 5:2 und zieht in die nächste Runde ein.

Während in Mainz nur einen Tag vor dem DFB-Pokalspiel Sportvorstand Rouven Schröder seinen Hut nahm und der Verein das Jahr auf dem vorletzten Platz der Bundesliga beendet, entwickelt sich bei den Gästen ein gegensätzlicher Trend. Der VfL mutierte nach starken Leistungen im Dezember medial zum Aufstiegsaspiranten.

Trainer Thomas Reis orientierte sich auch im Vorfeld dieser Partie am altbekannten Spruch „Never change a winning Team“ und rotierte einzig Robert Tesche für den gegen Heidenheim startenden Erhan Masovic rein.

Die Mainzer begannen in einer 4-4-2 Formation, inklusive Ex-Bochumer Danny Latza. Der Toptorschütze Jean-Philippe Mateta, sowie ein weiterer Ex, Kevin Stöger, nahmen vorerst auf der Bank platz.

„Die tun nichts für‘s Spiel, aber führen 1:0, weil wir so dumm sind.“ – Manuel Riemann

Inzwischen überrascht es nicht mehr, dass der VfL Bochum vom Anpfiff an die Zügel in die eigene Hand nahm. Der Ball gehörte den Mannen von der Castroper Straße. Doch der Gegner sollte schnell zeigen, dass die Blau-Weißen es an diesem Abend mit einem Erstligisten zu tun hatten. Der 1. FSV Mainz 05 stand tief und setzte auf Konter bei denen sie ihre individuelle Qualität im Mittelfeld und Angriff ausspielen konnten. Gegen die Dribblings sahen vor allem die Sechser Robert Tesche und Anthony Losilla oft hilflos aus. Bereits in der zweiten Minute führte ein solcher Konter zu einer gelben Karte für Cristian Gamboa, der die Situation mit einem taktischen Foul entschärfte. Es war keine falsche, aber eine ungewöhnliche Entscheidung von Schiedsrichter Martin Petersen so früh in einer Partie. Ob er diese strenge Linie denn auch durchgezogen hat? Spoiler: Ja, solange das Trikot blau gefärbt war, sonst drückte er auch gerne mal ein Auge zu.

Ein Konter sollte letztendlich auch für die frühe Führung der Heimmannschaft sorgen. Jean-Paul Boetius netzte in der siebten Minute zum 1:0 ein, wodurch die 05er in ihrer Spielanlage nochmal bestätigt wurden. Bei Abstößen und ungenauen Bällen zurück auf die Verteidiger pressten die Mainzer hoch und waren dabei in ihren Staffelungen flexibel. Der VfL tat sich dagegen zunächst schwer, sollte hinter den ersten Pressinglinien jedoch auch Räume finden. Auf der linken Seite klappte das Zusammenspiel zwischen Danilo Soares, Gerrit Holtmann und dem aus dem Zentrum oftmals ausweichenden Robert Zulj schon ganz ordentlich, doch konnten die Angriffe nur selten wirklich ausgespielt werden, auch weil die Bewegungen in die Spitze nicht stimmten. Auf der rechten Seite waren Danny Blum und Gamboa jedoch zu isoliert, wodurch keine Gefahr erzeugt werden konnte, sondern zumeist nur der Rückpass blieb.

Eigenen Ballbesitz hatte Mainz 05 zwar kaum, doch in solchen Momenten rückte Jonathan Burkardt vom rechten Flügel ein und erzeugte ein 4-3-3, welches der VfL allerdings in der Regel zu verteidigen wusste. So beendete Manuel Riemann bei einer Ecke die erste Halbzeit, indem er für jeden Fernsehzuschauer hörbar die aktuelle Lage auf den Punkt brachte: „Die tun nichts für‘s Spiel, aber führen 1:0, weil wir so dumm sind.“

Zweite Halbzeit

Der zweite Durchgang startete ähnlich wie der erste zu Ende gegangen war. Der VfL hatte zwar eine dominantere Spielanlage, so richtig zählbares kam dabei trotzdem nicht herum. Als der FSV in der 55. Minute erneut konterte und am Ende dann der freistehende Ex-Bochumer Danny Latza mit einem flachen Schuss in die rechte untere Ecke für das 2:0 sorgte, schien das wie eine Vorentscheidung. In der 62. Minute brachte Thomas Reis dann Silvere Ganvoula für den blassen Simon Zoller. Einhergehend mit dem Wechsel tauschten auch Holtmann und Blum die Seiten – nur vier Minuten später machte sich das bezahlt. Nach einer Ecke konnte Blum den Ball per Druckpass in den Rückraum spielen, wo Holtmann den Ball wiederum per Direktnahme einnetzte. Der Seitenwechsel der beiden war in gewisser Weise der Türöffner. Die inversen Dribblings auf den Flügeln sorgten von nun an für deutlich mehr Präsenz im letzten Drittel von unserer Mannschaft.

“Die erste Bundesliga ist für mich eine Qualitätsliga. Die zweite Bundesliga eine Mentalitätsliga” – sagte Thomas Reis am Montag. Unheimlich, wie klar einem genau das in den letzten Minuten dieses Spiels vor Augen geführt wurde. Die Mannschaft unseres VfLs zeigte einen Kampf, wie man ihn lange nicht gesehen hatte. Riemann trieb die Mannschaft aus der letzte Reihe förmlich an, Zulj suchte bis zur Auswechslung passende Räume für die langen Bälle. So wurde der buchstäblich letzte lange Ball des Spiels nicht von der Mittellinie aus geschlagen, sondern zunächst auf den im Halbfeld postierten Zulj geleitet, dessen Hereingabe, nun aus etwas geringerer Distanz, landete perfekt bei Robert Tesche im gegnerischen Strafraum und daraufhin im Tor. Chapeau. Schreiend auf dem Sofa stehen und den Emotionen freien Lauf lassen, auch wenn es nur im eigenen Wohnzimmer war – ker’ was haben wir das vermisst!

Sorgte für das späte 2-2: Stabilisator Tesche. Foto: David Matthäus Photography

Mit alten Tugenden durch die Verlängerung

Der VfL Bochum machte da weiter, wo er in der zweiten Halbzeit aufgehört hatte. Die Mainzer taumelten noch nach dem Ausgleichstreffer. Doch Petersen war, wie schon den ganzen Abend, zur Stelle. Im Mainzer Strafraum wurde nach einer Hereingabe von Zulj weder das Foul an Bella-Kotchap, noch ein Handelfmeter gepfiffen. Dafür führte der schnelle Gegenangriff der Mainzer zu einem unnötigen Foul von Riemann, der sehr weit aus seinem Tor herausstürmte, um den Angriff zu unterbinden. Dong-won Ji ist mit der Blickrichtung zur Außenlinie, der Ball in einer ungefährlichen Zone und noch genügend Bochumer in Reichweite, um selbst nochmal für die Verteidigung relevant zu werden. In der Realgeschwindigkeit sah das Foul schwerwiegender aus, während die Wiederholung es richtigerweise als eher harmlos offenbarte. Die hatte Schiedsrichter Petersen nicht, da es noch keinen Videobeweis in der zweiten Runde des Pokals gibt und wohlwollend war er dem VfL das ganze Spiel sowieso nicht zugeneigt. Das bedeutete wiederum die rote Karte für Riemann (95.). Patrick Drewes ersetzte ihn.

Im Anschluss war die restliche Verlängerung ein einziger Krampf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der VfL war sichtlich erschöpft und von Krämpfen geplagt, aber verteidigte mit Mann und Maus das eigene Tor. Die Blau-Weißen retteten sich mit Kampf und Leidenschaft bis ins Elfmeterschießen.

Elfmeterschießen ist nicht so Mainz

Bochum: Pantovic ist der Erste. Reingezimmert!

Mainz: Szalai beginnt für die Roten. Ich dachte der streikt noch? Scheinbar nicht. Scheinbar doch! Pfosten! Wir führen!

Bochum: Masovic ist der Zweite. Der ruhige Serbe kann das. Und wie souverän er den versenkt. Ganz cool. Ganz cool.

Mainz: Stöger kommt zum Punkt. Nicht noch ein Ex-Bochumer, der ins Herz sticht. Ach.. was rede ich da, der ist so unglücklich in Mainz, der verschießt. An die Latte. Sehr schön Kevin, die Bewerbung zur Rückkehr ist angekommen.

Bochum: Ganvoula war der etatmäßige Elfmeterschütze. Das wird schon. Hui… unter dem Zentner her. Eine knappe Kiste, aber drin! Da kann er sich selbst das Lächeln nicht verkneifen.

Mainz: Es kann sich nun entscheiden. Mateta ist der Nächste. Der beste Torschütze der Mainzer. Hochtalentiert. Aber der Anlauf weiß zu gefallen. Zu lässig und Drewes schnappt ihn sich mit Leichtigkeit.

Jaaaaa! Foto: David Mattäus Photography

ACHTELFINALE!

Partyweihnachten schrieb der offizielle Account des VfL. Aber hallo! Danke Männer. Das ganze schwierige Jahr über habt ihr uns mit eurer Leistung aufgemuntert. Der gestrige Abend war dafür der perfekte Abschluss, indem er die Emotionen nochmal auf die Spitze trieb. Die Zeit wird uns wieder sachlicher werden lassen, aber bis dahin genieße ich das Gefühl der Unbesiegbarkeit. Kein Erstligist, kein Schiedsrichter, kein Krampf, nein, uns kann nichts und niemand aufhalten!

Written by Janik Aschenbrenner

In meinem Freundeskreis dreht sich alles um die Blau-Weißen, für die ich in meiner Jugend selbst die Schuhe schnüren durfte - so kommt es, dass der VfL auch mich nicht los lässt. Durch meine Affinität zur Spielanalyse und Trainingslehre bin ich ansonsten bei Konzeptfußball zu finden. Fußball ist für mich eine Kunstform, die ich mitgestalten möchte.
Twitter: @Janik_Asc / janik.aschenbrenner@einsachtvieracht.de

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