Galliges Lebenszeichen im Abstiegskampf

Der VfL Bochum gewinnt nach einer der besten Leistungen dieser Saison mit 3:2 gegen die TSG Hoffenheim und holt drei ganz wichtige Zähler. Wurde man unter der Woche im Bochumer Umfeld vom Pessimismus erschlagen, entfacht die Mannschaft mit einem großen Kampf neue Hoffnung. Ein Kommentar.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wann ich das letzte Mal nach einem Spiel des VfL Bochum körperlich und mental so fertig und ausgelaugt war. Der VfL gewinnt und trotzdem will bei mir nichts zur Ruhe kommen. Verwunderlich nach den letzten Wochen, den letzten Spielen und dem emotionalen auf und ab unter der Woche? Eher weniger.

10 Punkte Vorsprung verspielt. Auf Platz 16 abgerutscht. Massig Punkte liegen lassen. Den Trainer gewechselt. Wechselgerüchte um Leistungsträger. Es gibt Dinge, die machen aktuell deutlich mehr Spaß, als Fan des VfL zu sein. Als wäre das nicht schon genug, wurde die Stimmung unter der Woche noch mit immer weiteren ‚Horror-Flurfunk-Gerüchten‘ über die Stimmungslage innerhalb der Mannschaft gewürzt. Wie passend, dass da doch das zum wichtigsten Spiel der Saison ausgerufene Duell gegen Hoffenheim anstand. Alles oder nichts.

Und genau das sind die Spiele, die unser VfL nicht kann. Eigentlich. Ich bin mit einer gehörigen Portion Nervosität ins Stadion gegangen, die ich so von mir eigentlich eher weniger kenne. Aber irgendwas gab mir ein gutes Gefühl. Vielleicht war es die Aufstellung? Unsere Elf agierte im 4-4-2. Maximilian Wittek rutschte in die Startelf, genauso wie Moritz Broschinski. Vor allem ersteren haben viele gefordert. Heiko Butscher versprach eine Elf, die brennt.

Und die Mannschaft hielt Wort. Vom Anpfiff an war all das, was uns Fans seit Tagen und Wochen begleitet, wie weggeblasen. Die Mannschaft war gallig, zwang Hoffenheim eine intensive Spielweise auf, erspielte sich Chancen und konnte in starken Aktionen auch viele zweite Bälle gewinnen. Die Stimmung war fantastisch. Hatte man bei vielen der letzten Heimspiele oft das Gefühl, dass viel „tote Masse“ auf den Tribünen war, ließen sich die Ränge heute vom starken Auftritt des VfL schnell anstecken und verwandelten das Ruhrstadion in ein Tollhaus.

Es passte perfekt zur Dramatik der letzten Wochen, dass Hoffenheim in einer starken Bochumer Phase einen Elfmeter bekam und dieser dann durch den VAR annulliert wurde. Leid und Hoffnung sind im Fußball so nah beieinander – das führte diese Szene einem schonungslos vor Augen.

Dass wenige Minuten später ausgerechnet Kevin Stöger für die Führung sorgte, hätte nicht besser ins Drehbuch dieses Spiels passen können. Letzte Woche knapp einer roten Karte für ein Frustfoul entgangen, unter der Woche emotional angegangen von einigen Fans, weil Gerüchte über einen fixen Union-Wechsel aufkamen, zeigte der Österreicher eine seiner besten Leistungen im blau-weißen Dress. Im Pott würde man sagen: „Den Kritikern das Maul gestopft“.

Körpersprache – Laufbereitschaft – Spannung. 35 Torschüsse. Der höchste Wert seit Start der Datenerfassung für den VfL in einem Spiel. Es passte einfach alles bei allen elf Spielern auf dem Platz. Ich will niemanden besonders hervorheben, weil der Sieg heute eine geschlossene Mannschaftsleistung war. Trotzdem soll ein Felix Passlack an dieser Stelle kurz einzeln erwähnt werden. Komplett weg vom Fenster für einen großen Teil der Saison, liefert der Junge hier aktuell Woche für Woche mehr als solide Leistungen auf der rechten Seite ab. Nach Abpfiff sackte er an der Bank weinend auf dem Rasen zusammen. Der Junge scheint emotional komplett drin zu sein.

Dass man es am Ende nochmal unnötig spannend macht, muss allerdings bei aller Freude über die drei Punkte analysiert werden. Heiko Butscher muss Entscheidungen treffen. Es kann allerdings nicht sein, dass Spieler stehend KO sind, teilweise anzeigen, dass sie raus müssen und auf der Bank nicht reagiert wird. Zum Glück gibt es Co-Trainer Manuel Riemann, der nach dem 3:2 der Bank dann sehr vehement klar gemacht hat, dass man sich doch bitte nun am Wechselkontingent bedienen möge. Das war im Stadion zu sehen, ist aber auch mehr als deutlich in den TV-Bildern zu erkennen. Man mag darüber schmunzeln, aber ich bin heilfroh, dass unser Torhüter in der Situation mit dieser Vehemenz eingeschritten ist. Das muss besser werden.

Hatte man in den letzten Tagen das Gefühl, dass der Zug mit Volldampf in Richtung zweite Liga oder Relegation fährt, gibt die Mannschaft ein ganz starkes Lebenszeichen von sich und holt immens wichtige drei Punkte. Drei Punkte, die das Stimmungsbild einmal komplett drehen. Noch ist nichts erreicht, aber zu spüren, dass die Mannschaft lebt, kämpft und willens ist, sich zu zerreißen, wird im Bochumer Umfeld eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Denn mit dem Einsatz von heute hat man – insbesondere gegen die direkten Konkurrenten in Berlin und Bremen – gute Chancen den Klassenerhalt aus eigener Kraft zu packen. Der VfL aus Bochum lebt. Und ist gallig.

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Autor: Claudio Gentile

Als gebürtiger Bochumer wurde ich das erste Mal im zarten Alter von sechs Jahren ins Ruhrstadion geschleppt. Der VfL verlor. Was auch sonst. Trotzdem ließ mich der Verein nicht mehr los und spätestens als ich ein paar Tage nach meinem ersten Stadionbesuch das legendäre Papagei-Trikot mit einem "Peter Peschel"-Flock überstreifen durfte, war es um mich geschehen. Das ist jetzt 26 Jahre, wenig Siege und viele Niederlagen her. Wo die Liebe im Fußball hinfällt, kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen. Und eine Liga kennt Liebe auch nicht.

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