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Fußball wie am Reis-Brett

Hat endlich auch mal beim Torabschluss den Bizeps angespannt: Gerrit Holtmann.

Nach einer rasanten ersten Halbzeit und vier Toren übernimmt der VfL Bochum in der zweiten Halbzeit am Millerntor das Ruder. Die erste Führung bringen unsere Mannen routiniert und mit Selbstvertrauen ins Ziel und holen damit drei Punkte gegen den FC St.Pauli. Der Sieg zum Abschluß des 18. Spieltages verschafft den Blau-Weißen einen optimalen Start in die Rückrunde und Kraft für die nächsten Aufgaben in der doppelten englischen Woche.

Vor dem Spiel beim allseits beliebten FC St.Pauli standen die Vorzeichen nicht unbedingt auf Sieg: Der Gastgeber im Aufwind mit zwei Siegen in Folge und unter Anderem mit einer Raute im Mittelfeld – einer taktischen Formation, die dem VfL diese Saison schon mehr als einmal Probleme bereitete. Zudem erwartete man vier Tage nach dem Heimspiel des FC St. Pauli gegen Regensburg nicht unbedingt einen Rasen, der den VfL zum Fußball spielen einladen konnte. Einige Beobachter sahen die Belastung der zwei englischen Wochen schon jetzt auf der Leistung der Mannschaft lasten. Trainer Thomas Reis machte aber das, was den VfL diese Saison schon die ganze Saison auszeichnet: Von Spiel zu spielen schauen und sich bestmöglich mit höchster Konzentration auf die nächste Aufgabe vorzubereiten.

Stürmische erste Halbzeit auf beiden Seiten

Der Gastgeber nahm den Schwung der letzten beiden Partien von der ersten Minute mit auf den Platz. Unser VfL hatte in den ersten Minuten mit seinem Ballbesitzfußball noch nicht die Präzision und ließ sich vom wilden Pressing und aggressiven Nachrücken der Nordeutschen das ein oder andere Mal überraschen. Nach einem schnellen Seitenwechsel flankte Paqarada von der linken Seite scharf in den Fünfer, Armel Bella-Kotchap rückte nicht mit in Richtung des Balles und übte keinen Druck auf Guido Burgstaller aus. Dieser traf erst die Latte und schob dann den Abpraller mühelos an Manuel Riemann vorbei ins Tor.

Hatten mir zunehmender Spieldauer die Offensive St.Paulis immer besser im Griff: Cristian Gamboa, Maxim Leitsch und Danilo Soares – Bild: VfL Bochum

Das Selbstvertrauen des VfL sorgte dafür, dass man sich wenig vom frühen Rückstand beirren ließ und nach und nach immer mehr zu seinem Spiel fand. Holtmann spielte wie gewohnt seine Geschwindigkeit auf dem linken Flügel aus, seine Flanken landeten jedoch meist beim Gegner. So brachten er uns seine Kollegen die Abwehr der Kiezkicker zwar immer mal wieder ins Wanken, ohne dabei jedoch richtig zwingende Abschlusssituationen zu erzeugen. Insbesondere Bockhorn konnte auf der rechten offensiven Flügelposition keine Werbung für sich machen.

Nach gut einer halben Stunde sezierte die zentrale Achse des VfLs jedoch den gesamten St. Pauli-Abwehrverbund: Manuel Riemann machte mit einem Abwurf auf Robert Tesche das Spiel schnell, dieser leitete mit zwei Kontakten auf Robert Zulj im freien Sechserraum der Hausherren weiter, welcher das Auge für den startenden Simon Zoller hatte, der „nur“ noch den herauseilenden Keeper tunneln musste und dann einschob. Handgestoppte 9,5 Sekunden und 6 Kontakte zum Ausgleich dauerte dies! Eine Szene die sicherlich im Jahresrückblick zu sehen sein wird. Nur zwei Minuten später hatte man die Gelegenheit in Führung zu gehen. Becker klärte jedoch auf der Torlinie nach einem Kopfball von Tesche, dem ein Standard von Zulj vorausging.

Aber auch die Gastgeber ließen sich nicht beirren und so fasste sich David Kyereh im direkten Gegenzug nach unserer Hundertprozentigen durch Tesche ein Herz und zog aus rund 25 Metern in den Winkel ab. Auch nach dem zweiten Treffer bewahrten die Blau- Weißen die Ruhe und spielte weiter ihren Stiefel auf das Tor des Gegners herunter. Gerrit Holtmann ging ausnahmsweise mal nicht auf dem linken Flügel ins Dribbling zur Grundlinie, sondern flankte aus dem Halbfeld. Simon Zoller nutzte die Überraschung von Ziereis, Buballa und dem neu verpflichteten Schlussmann Stojanovic und nickte am langen Pfosten ein. Mit einem Unentschieden ging es in nach einer wilden Halbzeit in die Kabine.

Der VfL hat die “andere” Hamburger Raute im Griff

Zum Wiederanpfiff wechselte Thomas Reis ungewöhnlich früh für seine Verhältnisse und brachte Milos Pantovic für Herbert Bockhorn. Mit diesem Wechsel gingen auch kleine aber feine Anpassungen im Spielaufbau einher. Die Außenverteidiger blieben tiefer und insbesondere Tesche bot sich tiefer und breiter an. So wurden die Halbspieler der Raute St. Paulis herausgelockt und dann durch das kombinative Trio aus Soares, Tesche und Pantovic überspielt. Dahinter gab es genug Raum, um den Ballbesitz zu sichern und in Ruhe nach der entscheidenden Lücke zu suchen. Wie schon gegen Heidenheim nutze der VfL den Ballbesitz, um das vorher wilde Spiel zu beruhigen und kontrolliert zu Torchancen zu kommen.

Zeigte gegen St. Pauli wo es lang geht: Simon Zoller - Bild: VfL Bochum

Der VfL hatte nun noch mehr vom Ball. Durch den einfachen Weg nach Vorne, die höhere Absicherung durch die tiefen Sechser und Außenverteidiger sowie den flügellastigeren Spielaufbau gab es quasi keine aussichtsreichen Ballgewinne und Konter von St. Paul mehr. Dass man nicht nur mit Geschwindigkeit über die Flügel in dieser Saison zum Erfolg kommen kann, zeigte dann der Führungstreffer: Soares spielte den herausrückenden Zoller im Sechzehnmeterraum an, der ließ auf Robert Zulj abtropfen und dieser zog von der Strafraumkante ab, Buballa fälschte noch leicht ab und der Ball zappelte im Netz. Die Führung, der VfL hatte das Spiel gedreht!

Damit ging der Plan von Thomas Reis vollends auf, denn in der Folge zeigte sich wie ruhig und erfahren die Mannschaft mittlerweile mit Führungen umgeht: man ließ aus der angepassten Struktur den Ball ruhig durch die eigenen Reihen laufen und St. Pauli bekam wenig Zugriff, geschweige denn Möglichkeiten vor dem Bochumer Tor. Auch nach der Hereinnahme von Leuchtturm Simon Makienok ließ man keine langen Bälle ins Sturmzentrum zu. Erst nach Hereinnahme von Masovic für Zulj in der 89. Minute und der Umstellung auf ein 5-4-1 gab es eine kurze Drangphase, die jedoch ebenfalls verpuffte.

Mit drei Punkten im Gepäck traten die Bochumer die Rückreise vom Millerntor an. Zuletzt gelang dies vor fast genau sieben Jahren im Februar 2014 unter Trainer Peter Neururer, der mit Maltritz, Bastians, Fabian und Eyjólfsson vier Innenverteidiger aufbot, um drei Punkte mitzunehmen.

Soweit wie dieser Punktgewinn zurück liegt, kommen einem die inkonstanten Leistungen der Hin- und teilweise auch der Rückrunde der vergangen Saison wieder vor Augen. Der VfL zeigte gestern vor allem in der zweiten Halbzeit eine starke Leistung: Man ließ Ball und Gegner laufen, zeigte sich unbeeindruckt von zwei Rückständen und fand einen effektiven Plan gegen die bisher ungeliebte Raute des Gegners.

Am Sonntag begrüßt man die ebenfalls formstarken Karlsruher im heimischen Ruhrstadion, die schon im Hinspiel mit ihrem schnellen und zielstrebigen Umschaltspiel dem VfL einige Probleme bereiteten. Man darf gespannt sein wie der VfL diese Herausforderung meistert.

Written by Moritz Möller

Über 20 Jahre begleitet mich der VfL jetzt schon - oder ich ihn. Ein Heimspiel Anfang der 90ziger gegen Leverkusen war der Auslöser, dann ging es auf einmal aus der zweiten Liga nach Europa, Abstieg, Aufstieg, wieder Europa, Abstieg und Relegation. Manch euphorische Saisonphasen die vom Auf.... träumen ließen, dazwischen Heimspiele mit 9000 Zuschauern gegen Aue, Mettbrötchen auf dem Weg nach Oberhausen, eine enttäuschende Auswärtsbilanz meinerseits und viele andere schöne Erinnerungen gehören dazu. Immer dabei: Dauerkarte, ein Fiege und eine Gruppe aus guten Freunden in Block Q sind für mich mit dem VfL einfach untrennbar verbunden.

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