Manuel Riemann mit der Kapitänsbinde unseres VfL! Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Rückhalt oder Unsicherheitsfaktor? Manuel Riemann im Portrait

Wohl kaum ein Spieler im VfL-Dress sorgte in den letzten Jahren für mehr Diskussionen als Manuel Riemann. Manch einer sieht ihn als besten Torhüter der Liga, andere wiederum als ständigen Unruheherd und als Mitschuldigen für nicht wenige Gegentreffer. Liegt die Wahrheit wieder einmal irgendwo in der Mitte? Grund genug, Manuel Riemanns Karriere mal näher unter die Lupe zu nehmen.

Geboren wurde Manuel Riemann am 9. September 1988 in Mühldorf am Inn. Nach seinen ersten fußballerischen Gehversuchen beim TSV Ampfing und dem TSV 1860 Rosenheim wechselte Riemann im Alter von 15 Jahren zum SV Wacker Burghausen. Die Burghäuser haben ein für ihr niedriges Budget exzellentes Torwarttraining – so schafften es neben Riemann auch Benjamin Uphoff (Karlsruher SC) und Julian Pollersbeck (etwas geschliffen durch Gerry Ehrmann, heute beim HSV) in den Profifußball. Auch Riemanns fußballerisches Talent kommt nicht von ungefähr: Sein Großvater Hans Humpa spielte für den TSV 1860 München, sein jüngerer Bruder Alexander hat sich als Linksaußen mit dem LASK Linz für die Europa League qualifiziert.

Unsere Nummer 1, damals noch mit der 33: Mauel Riemann. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Zu seinem Debüt im Profifußball kam Riemann im Alter von 18 Jahren für den SV Wacker Burghausen. Am 34. Spieltag der Zweitligasaison 2006/07 spielten die bereits abgestiegenen Burghauser gegen den SC Paderborn. Die Ostwestfalen wurden mit 5:1 abgefertigt und Riemann schoss in der 80. Minute beim Stand von 4:1 sogar einen Elfmeter, den allerdings Lukas Kruse parierte. Dass Riemann beim Elfmeter antrat, war hingegen in Burghausen nichts ungewöhnliches. Schon im Laufe der Saison schoss Riemann die Elfmeter der A-Jugend und erzielte so insgesamt zwei Treffer.

From zero to hero – das Pokalspiel gegen die Bayern

Dem breiten Fußballpublikum bekannt wurde Riemann im Erstrundenspiel des DFB-Pokals 2007/08 gegen den FC Bayern München. Der Regionalligist ging gegen die Bayern sogar sensationell in Führung und zwang den FC Bayern ins Elfmeterschiessen. Dort parierte Riemann die Elfmeter von Sosá und Demichelis und verwandelte seinen Elfmeter sicher gegen Oliver Kahn. Trotz der Niederlage, Burghausen verlor mit 5:6, war Riemann am Tag daraufhin deutschlandweit in aller Munde. Riemann wurde als „Torwart-Titan“ bezeichnet und galt als ein Kandidat für die Kahn-Nachfolge. Uli Hoeneß fand sogar, dass Riemann sprichwörtlich Magneten in den Handschuhen hatte und mehrere schier unmögliche Bälle parierte. Auch ich war damals sehr beeindruckt von seiner Performance, sodass ich später seinen Werdegang immer mit einem Auge verfolgte.

Nach drei Jahren Abstiegskampf mit Burghausen in Deutschlands dritthöchster Spielklasse schloss Riemann sich zur Saison 2010/11 dem VfL Osnabrück an. Für die gerade in das Unterhaus aufgestiegenen Niedersachsen sollte Riemann der Herausforderer von Stammkeeper Tino Berbig sein. Zwar konnte er Berbig nicht verdrängen, nach dem Abstieg Osnabrücks wechselte Berbig allerdings nach Jena, sodass Riemann die neue Nummer 1 in Osnabrück wurde. In der Folgesaison wurde er nach dem Abgang einiger Oldies sogar zum Vize-Kapitän ernannt. Nachdem er mit Osnabrück Neunter und Vierter in der Dritten Liga wurde wurde, schloss er sich nach drei Jahren bei den lila-weißen im Sommer 2013 dem SV Sandhausen an.

Manuel Riemann vor der Ostkurve. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Die Sandhäuser, die nur durch den Lizenzentzug des MSV Duisburg als 17. in der zweiten Liga blieben, bekamen mit Riemann ihren Wunschkeeper, der das Torwartduell gegen den Österreicher Marco Knaller gewann. Im ersten Jahr im Hardtwaldt hielt Riemann sogar 15 mal seinen Kasten sauber und auch im Folgejahr konnte Riemann mit dem SV Sandhausen die Klasse souverän halten. Da Sandhausen aber überwiegend defensiv agierte, Riemanns Spielweise aber offensiv geprägt ist, schloss sich Riemann zur Saison 2015/16 dem VfL Bochum an. Riemanns wechsel war nicht nur mit seinen fußballerischen Qualitäten begründet, die Gertjan Verbeek forderte und förderte. Er formulierte sogar das ambitionierte Ziel, mit dem VfL in die Bundesliga aufzusteigen. Riemanns letzter Einsatz im SVS-Trikot war passenderweise sogar in Bochum. Von den Sandhäuser und den Bochumer Fans gefeiert, hielt Riemann seinen Kasten sauber, Bochum und Sandhausen trennten sich 0:0.

Riemann zeigte schon in der Vorbereitung, dass er mehr Libero als der klassische Torhüter ist. Er wies von hinten seine Mitspieler an und dirigierte nicht nur lautstark seine Abwehr, sondern auch das gesamte Aufbauspiel. Da allerdings auch Stammkeeper Andreas Luthe tadellose Leistungen zeigte, war bis kurz vor dem ersten Saisonspiel unklar, wer als Nummer 1 im Tor stehen wird. Während ich fest davon ausging, dass Riemann beim Saisonauftakt in Paderborn das Tor hüten wird, entschied sich Verbeek für Andreas Luthe.

Riemann saß also beim Saisonauftakt draußen und sah, wie das Team ohne ihn fünf Siege aus den ersten fünf Spielen holte. Auch bei der Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte Sandhausen war Riemann nur die Nummer zwei. Lediglich im Pokal wurde rotiert, sodass Riemann gegen Oberligist Salmrohr und Kaiserslautern randurfte. In beiden Partien kassierte Riemann keinen Gegentreffer.

Riemanns Rückkehr ins Tor und Etablierung als Nummer 1

So sehen wir ihn am liebsten: Beim Torjubel! Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Während der VfL nach starkem Start im Herbst 2015 in der Liga nicht mehr gewinnen konnte, man war mittlerweile fünf Spiele sieglos, suchte Verbeek nach Lösungen. Beim Heimspiel gegen Heidenheim nominierte Verbeek schließlich Riemann als Torhüter für das Spiel, woraufhin Andreas Luthe über Facebook seinem Ärger Luft machte und bis Winter suspendiert wurde. Nach dem 1:1 gegen Heidenheim blieb Riemann unter anderen fast fünf Spiele ohne Gegentreffer und etablierte sich als Nummer 1. Luthe wechselte nach der Saison zum FC Augsburg und so bekam Riemann letztendlich auch die Nummer 1 auf dem Trikot.

Während Riemann vom kicker sogar als notenbester Torhüter der zweiten Bundesliga ausgezeichnet wurde, war die Saison 2016/17 wahrlich nicht seine Spielzeit. Während er im Jahr zuvor des öfteren unmögliche Bälle rausfischte, gegen Bayern sogar einen Elfmeter hielt, schlug fast es bei jedem Spiel in Riemanns Kasten ein. Mit 28 Gegentreffern in der Hinrunde gehörte der VfL mit zu den Schießbuden der Liga. Erst am 16. Spieltag spielte Riemann erstmals beim 1:0 gegen 1860 München zu Null, woraufhin Riemann deutlich seine Meinung über dieses Zu-Null rausließ und auf Platz 3 der 1Live-O-Ton-Charts landete.

„… aber ich bin froh, dass dieses „zu Null“ jetzt endlich mal weg ist. Ich konnte es einfach irgendwann nicht mehr hören. Jeder Freund, jeder Kumpel, jeder, der dich anruft, jeder vom Fernsehen redet von „zu Null“. In der Kabine hörst du tausendmal „zu Null“. Ganz ehrlich, und jetzt leckt mich alle am Arsch, ich habe zu Null gespielt … „

Die Meinung von Manuel Riemann ist stets gefragt. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

In der Rückrunde trug Riemann plötzlich die Kapitänsbinde beim Spiel gegen den Karlsruher SC. Vorausgegangen war eine Entmachtung von Felix Bastians, sodass Riemann fortan der Stellvertreter von Patrick Fabian war und an insgesamt 15 Rückrundenpartien die Binde trug. Für Riemann blieb die Saison trotzdem eine zum Vergessen. Zwar spielte Riemann noch fünf weitere Male zu Null, doch der kicker kürte Riemann zum notenmäßig zweitschlechtesten Zweitliga-Keeper.

In der abgelaufenen Saison fehlte Riemann sechs Spiele aufgrund von Muskelfasserrissen. Während er in der ersten Saisonhälfte noch wegen diverser Patzer (Bielefeld, Kiel) im Mittelpunkt der Kritik stand, konzentrierte Riemann sich in der zweiten Saisonhälfte auf seine Aufgaben im Torwartspiel und spielte insgesamt sieben Mal zu Null. Außerdem kassierte er nur 28 Gegentreffer, so wenige wie kein anderer Keeper in Liga zwei. Bei abgewehrte Torschüsse und seiner Strafraumbeherrschung zeigte er sich oft in glänzender Form. Also wieder der Riemann, den man sich gewünscht hat.

Überflieger oder Bahnschranke?

Während ein Andreas Luthe das „klassische“ Torwartspiel präferiert und lebt, steht Riemann für das vor allem durch Manuel Neuer geprägte „moderne“, mitspielende Torwartspiel. Riemann bleibt immer eine Anspielstation für die Verteidiger und kann mit Befreiungsschlägen oder Steilpässen das Aufbauspiel neu beleben. Verhältnismäßig wenige seiner Bälle gehen dabei ins Seitenaus. Was Riemann auf der Linie oder im 1 gegen 1 gegenüber klassischen Torhütern abgeht, kompensiert er durch seine Strafraumbeherrschung. Aber sein Spiel bleibt risikobehaftet: Macht Riemann einen Fehler, ist der Ball so gut wie sicher im Tor.

Bei Riemann bewegt sich das Ganze durchaus öfters zwischen Genie und Wahnsinn. Seinem Eigentor gegen Kiel, welches in „Zeiglers Kacktor-Auswahl“ schaffte, stehen Spiele wie gegen Ingolstadt oder Paderborn gegenüber, bei denen er die Punkte festhielt oder eine höhere Niederlage verhinderte. Auch ist Riemann keiner, der sich der Verantwortung entzieht. Er sieht Fehler ein und spricht diese offen an. Aber sein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein wird ihm vom ein oder anderen dabei auch als Arroganz ausgelegt. Nur kann eine gesunde Arroganz auch etwas gutes haben.

Fazit

Ich bin froh, dass wir einen Schnapper wie Riemann unter Vertrag (bis 2020) haben. Unser Aufbauspiel profitiert mit den richtigen Vorderleuten unter ihm und er ist ein starker Führungsspieler in der Mannschaft. Ich ganz persönlich allerdings hätte mir lediglich einen stärkeren Herausforderer auf der Torhüterposition für diese Saison gewünscht, aber das bleibt Geschmackssache.

 

 

Matthias Rauh

Matthias Rauh

Obwohl in Bayern wohnhaft besitze ich eine Dauerkarte beim VfL und versuche, jedes Heimspiel und jedes Auswärtsspiel im Süden vom VfL mitzunehmen. Meine Begeisterung für den VfL entwickelte sich in der Saison 2006/07, endgültig besiegelt wurde sie bei dem eigentlich völlig belanglosen Spiel Karlsruher SC gegen den VfL im Jahr 2008. Während eines Fußballturniers wollten meine Mannschaftskameraden in der Bundesligakonferenz ständig die Zwischenstände von Bayern München und Nürnberg wissen, ich erntete misstrauische Blicke, als ich den Zwischenstand von Bochum wissen wollte. Abstieg, Relegation, Funkel, Neururer... ich bin immer noch dabei und freue mich immer mehr auf Spiele wie Bochum gegen Sandhausen als Bayern gegen Dortmund.

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