Eine neue Zeit in der Führungsetage. Welche Rolle spielt dabei die Ostkurve? Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Der VfL Bochum und seine neue Führung

Neuanfang. Ein schönes und passendes Wort für das Resultat der vergangenen Tage beim VfL Bochum. Die Nachfolge für den glücklosen Jens Rasiejewski ist nach einer sehr kurzen Interimszeit geklärt worden und ergab Robin Dutt als neuen starken Mann an der Linie. In der Führungsetage übernimmt Sebastian Schindzielorz die Geschicke von Christian Hochstätter, um den Verein sportlich zu führen. Zuletzt konnte man mit Ilja Kaenzig einen bekannten Mann für die Nachfolge des scheidenden Wilken Engelbracht präsentieren. Doch welche Rolle spielt dabei die Ostkurve?

Unser neuer Vorstandssprecher

Ilja Kaenzig ist seit mehr als einem Jahrzehnt ein Name im deutschen Fußball. Doch bereits zuvor hat der studierte Betriebswirt im Fußball gearbeitet und in seiner Heimat der Schweiz bei den Grasshoppers Zürich von 1994-1998 gearbeitet. Im Anschluss begann Kaenzig im Mai 1998 bei Bayer 04 Leverkusen als Leiter der Nachwuchsabteilung und wurde schließlich bereits im Dezember 1998 zum Koordinator Gesamtfußball befördert. Unter der Leitung seines Mentors Reiner Callmund konnte der heute 44 Jährige einige Erfahrung sammeln und wurde schlussendlich im Jahr 2002 zum Manager befördert. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war der Name Kaenzig den Fußballfans in Deutschland ein Begriff. Im Jahr 2004 emanzipierte sich Kaenzig und heuerte bei Hannover 96 an, um deren Geschicke als Manager und Sportdirektor in Personalunion zu leiten. Nach Zwischenstopps in fußballnahen Bereichen, arbeitete Kaenzig von 2010 bis 2015 erneut in seiner Heimat: Bei den BSC Young Boys Bern als Chief Executive Officer und ab 2013 für die schweizerische Fußballliga als Vorstandsmitglied. Die letzten drei Jahre verantwortete Kaenzig als Chief Executive Officer den FC Sochaux.

Bei unserem VfL Bochum wurde Kaenzig in der vergangenen Woche vorgestellt und soll mindestens für die kommenden drei Jahre als Finanzvorstand und Sprecher des Vorstandes fungieren. Bereits am 01. März wird Kaenzig einer der beiden starken Männer beim VfL Bochum. Bei seiner Vorstellung wusste Kaenzig mit den richtigen Worten seine Person vorzustellen. Geflügelte Worte wie „Tradition“, „Identität“ oder „Erstligist“ schmeicheln dem VfL und uns Anhängern. Dies soll nicht negativ belegt sein, denn es ist wichtig, dass Kaenzig eine Vision vorlebt, mit der sich alle im und um den Verein herum identifizieren können. Dennoch bedarf es den Beweis, dass man die Worte bei der Vorstellung mit Leben füllt. Hierfür kann unser neuer Vorstand auf eine Menge Erfahrung zurückblicken, bei dem er ein großes Netzwerk aufgebaut haben dürfte. Er kennt sich vom Nachwuchs, über die Managerebene bis hin zur Gesamtleitung von professionellen Fußballvereinen aus, arbeitet jedoch auch für die UEFA und die schweizerische Liga sowie für die Zeitung „Blick“ in der Schweiz. Kaenzig bietet als ein Gesamtpaket, das dem VfL Bochum gut tun kann und hoffentlich wird.

Unser neuer Sportvorstand

Blick nach vorne und nach oben: Sebastian Schindzielorz. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Sebastian Schindzielorz hat sich seit seiner Spielerkarriere äußerlich kaum verändert. Wie auch? Mit 39 Jahren ist Schindzielorz in einem Alter, mit dem er durchaus noch vor kurzem auf dem Rasen hätte stehen können. Seit 2013 jedoch ist Schindzielorz kein Spieler mehr, sondern in verschiedenen Bereichen tätig. Nach seiner Spielerkarriere studierte „Sesi“ bei der IST-Hochschule und bildete sich zum „Fußballmanager“ fort. Als Scout und Teammanager sammelte Schindzielorz zuletzt Erfahrung und beerbte Anfang Februar Christian Hochstätter als Vorstand Sport.

Als Spieler blickt Schindzielorz auf eine bewegte Karriere zurück. Bereits in seiner Jugend kickte „Sesi“ beim VfL Bochum und kann 166 Spielen für den VfL in der ersten und zweiten Liga aufweisen. Somit kommen schnell 14 Jahre als Spieler in Bochum zustande. Weiterhin ist Schindzielorz deutscher Meister. Er erreichte diesen Titel im Jahr 2009 mit dem VfL Wolfsburg unter Trainer Felix Magath. Zuvor ist Schindzielorz beim 1. FC Köln und im Ausland bei Kristiansand in Norwegen und APO Levadiakos in Griechenland aktiv gewesen. Diese Erfahrung können ihm dabei helfen kreative Lösungen zu finden, um den Kader des VfL Bochum weiterhin auf einem guten Niveau zu halten und hoffentlich weiterzuentwickeln. Mit unserem Trainer Robin Dutt konnte Schindzielorz den Grundstein für seine Überlegungen in der vergangenen Woche präsentieren, da unser neuer Trainer die ausgesprochene „Wunschlösung“ unseres neuen Vorstand Sport darstellt. Auf der Pressekonferenz konnte man bereits erkennen, dass sich unsere sportliche Führung auf einer Wellenlänge befindet.

Unser neuer Trainer

Robin Dutt ist 53 Jahre alt und in Köln geboren, jedoch im Umland des Stuttgarter Kessels groß geworden. Als Spieler auf Amateurniveau, arbeitete sich Dutt als Trainer von der Kreis- bis in die Oberliga, bevor er im Jahr 2002 die zweite Mannschaft der Stuttgarter Kickers, im Anschluss bis 2007 die Stuttgarter Kickers und danach den SC Freiburg in der zweiten Liga übernahm. Dutt war damals einer der aufstrebenden Trainer im deutschen Fußball und konnte mit den Stuttgarter Kickers und noch mehr mit dem SC Freiburg viele Ergebnisse erzielen, die Fußballdeutschland aufhorchen ließen. Nach dem geglückten Aufstieg mit dem SC Freiburg 2009 konnte er den Sportclub zu guten Ergebnissen in der ersten Bundesliga führen und hielt den Club die beiden Jahre in der ersten Bundesliga, bevor er sich im Jahr 2011 gegen den FC Schalke und für die Nachfolge von Jupp Heynckes bei Bayer 04 Leverkusen entschied. Im Anschluss begann dem ausgewiesenen Fußballfachmann Dutt (Abschlussnote 1,4 und damit bester seines Lehrgangs) der raue Wind der Bundesliga ins Gesicht zu blasen und seine Station bei Leverkusen endete Anfang April 2012. Im Anschluss wurde Dutt für einige Monate Sportdirektor beim DFB, bevor er sich entschied das Traineramt vor der Saison 2013/2014 bei Werder Bremen zu übernehmen. Im ersten Jahr konnte er Bremen noch ins untere Mittelfeld führen und schloss die Saison auf Platz 12 ab, in der folgenden Saison musste Dutt hingegen Ende Oktober, mit Werder auf dem letzten Tabellenplatz, sein Trainerbüro räumen. Nach zwei Monaten Pause, übernahm Dutt im Januar 2015 den Posten des Vorstand Sport beim VfB Stuttgart und kehrte damit für 1 1/2 Jahre in seine Heimat zurück. Bereits während seiner Zeit beim SC Freiburg sollte Dutt Trainer vom VfB Stuttgart werden, damals widerstand Dutt jedoch den Verlockungen des damaligen Managers Horst Heldt und seinen Vertrag beim SC Freiburg ein.

Der neue Mann auf dem Trainerstuhl: Robin Dutt. Foto: VfL Bochum 1848

Schaut man sich die Vita von Robin Dutt an, dann dürfen wir uns über einen Trainer freuen, der den Fußball kennt, versteht und lebt. Sicherlich ist er Schwabe und damit ruhiger, aber auch bei seinen vergangenen Stationen war er stets nah am Fan und lebte zeitweise auch Emotionen an der Seitenlinie vor. Dutt ist er selbst und erinnert an Marcel Koller, der damals besonnen und mit viel Sachverstand den VfL Bochum lange Jahre mit bescheidenen Mitteln in der ersten Liga halten konnte. Wir brauchen keinen Schausteller an der Seitenlinie, sondern einen Trainer, der den Spielern Lösungen an die Hand gibt um Spiele zu gewinnen. In Kombination mit Heiko Butscher, der nah an der Mannschaft ist und noch mit einigen Spielern zusammen auf dem Rasen stand und dem Trainerteam, welches bereits seit Jahren beim VfL Bochum arbeitet, kann Dutt neue Impulse vermitteln und hoffentlich das kurzfristige Ziel Klassenerhalt schnell sichern. Durch seine Erfahrungen bei den Stuttgarter Kickers und dem SC Freiburg weiß er mit den vorhandenen Spielermaterial, dem Nachwuchs und wenig Budget auszukommen und dennoch Erfolg zu haben. Etwas, das beim VfL Bochum stets notwendig ist. Zudem kann er zusammen mit Ilja Kaenzig und Sebastian Schindzielorz viel sportliche Erfahrung in die Waagschale werfen, wenn es darum geht die richtigen Entscheidungen für den VfL Bochum zu treffen.

Die Aufgabenstellung der neuen Führung

Die Aufgabenstellung ist schnell umrissen: Sportlich erfolgreich sein und den Verein seriös und wirtschaftlich gesund führen. In diesem Artikel klammern wir die sportliche Komponente weitestgehend aus, da wir auf diese vermutlich noch zur Genüge eingehen werden.

Die Neustrukturierung der Vorstandsposten ist absolut sinnvoll, damit sich Schindzielorz auf seine Kernkompetenz konzentrieren und die sportlichen Entscheidungen treffen kann. Robin Dutt ist ein Trainer, der durch seine Vita geprägt, die Aufgabengebiete von Schindzielorz bereits bekleidet hat und somit eine Verzahnung von Mannschaftsführung und -entwicklung, Kaderplanung und Einbindung des Nachwuchses (mit-)vorantreiben kann.

Ilja Kaenzig hingegen darf man als neuen „starken“ Mann beim VfL Bochum bezeichnen, obliegt ihm die Verantwortung außerhalb vom Sportlichen. Auf der erfolgreichen Arbeit von Wilken Engelbracht wird er aufbauen und sie fortführen, um den Weg für mögliche Investoren in den Verein weiter zu ebnen und eine Brücke zwischen Moderne und Tradition zu bauen. Hierfür sind die Worte bei seiner Vorstellung auf der Pressekonferenz wohl gewählt und werden in Zukunft des Öfteren in verschiedenen Zusammenhängen zu hören sein. Gerade mit der Frage nach der „50+1“ Regel positioniert sich Kaenzig zwischen Tradition und Moderne. Es geht für den VfL Bochum nicht ohne sein familiäres Charisma, sein Vereinsleben und seine Tradition – Das weiß auch Kaenzig. Genau das sind die Verkaufsargumente, die Anteile an einem Fußballverein für mögliche Investoren interessant macht. Dafür bedarf es jedoch einen gesunden Verein, der geschlossen hinter der demokratischen Entscheidung der letzten Mitgliederversammlung steht. Diese Herkulesaufgabe sollte daher für Kaenzig derzeit auf der Prioritätenliste weit oben angesiedelt sein. Das Ressort „Kommunikation“ bei Kaenzig anzusiedeln hat somit strategische Gründe.

Darüber hinaus darf der Einfluss der Ostkurve auf die sportlichen Ergebnisse nicht vergessen werden. Durch die überschwappende Euphorie konnte schon der ein oder andere Punkt gesichert werden. Das merken wir nicht nur auf der Tribüne, das hat zuletzt auch Patrick Fabian bestätigt. Demnach wird die von vielen Fans angemakelte Kommunikation ein Grundpfeiler sein, um den Verein wieder zusammenrücken zu lassen und damit auch den sportlichen Erfolg zurückkehren zu lassen und den Wert des VfL Bochums für Investoren zu steigern. Ohne einander geht es nicht.

„Wir können nicht auf jeder Ebene Probleme haben, auf jeder Ebene Unstimmigkeiten: im Aufsichtsrat, im Vorstand und bei den Fans.“ – Patrick Fabian

Ein Ausblick auf die kommenden Wochen, Monate, Jahre

Es wird interessant sein, und wir hoffen alle darauf, ob die neue Führung den VfL Bochum weiterentwickeln und nachhaltig stärken kann. Die Wahl der handelnden Personen ist schlüssig und die Grundlagen wurden von der scheidenden Führung in den vergangenen Monaten und Jahren gelegt. Nun gilt es das solide Fundament zu nutzen und mit Weitblick und Bedacht den VfL Bochum so aufzustellen, dass ein Aufstieg in die Bundesliga möglich ist. Nur damit kommt man an die wirklich großen „Fleischtöpfe“ der TV Vermarktung und kann die immer größer werdende Lücke zu anderen Vereinen zumindest ein Stück weit schließen. Hierfür bedarf es Kreativität, Mut, aber auch Seriosität. Hoffentlich Tugenden, die unsere neue Führung spätestens mit Ihrer Unterschrift bei unserem VfL Bochum verinnerlicht hat.

Eine leere Ostkurve im Sonnenlicht hat zwar seinen Charme, aber schlussendlich ist es wichtig, dass die Ostkurve von der neuen Führung überzeugt wird, damit der VfL Bochum am Ende wieder das ist, was ihn jahrelang ausgemacht hat: Eine verschworene Gemeinschaft. Daher sollte der Neuanfang den Übergang zur Zukunft darstellen und einen gemeinsamen Weg in die Zukunft ebnen. Glückauf!

Sebastian Hettmann

Sebastian Hettmann

Als ich zum ersten Mal bewusst im Ruhrstadion war, spielte der VfL Bochum in der Saison 2002/2003 gegen den Hamburger Sport Verein und ein direkt verwandelter Eckstoß sowie einige Anekdoten von meinem Großvater lassen mich seither den Rothosen die Daumen drücken. Ich kam allerdings nie wieder vom Ruhrstadion los und bin seitdem regelmäßig ins Ruhrstadion gegangen. Seit der Saison 2006/2007 fiebere ich als Dauerkarteninhaber im Block N2 bei Spielen unseres VfL mit.

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