Wohin geht die Reise? Erwartungen an die Saison 26/27

Es geht wieder los – endlich. Der VfL Bochum startet in die Saison 2026/27. Mit einem Heimspiel gegen die Hertha eröffnet unser Verein unter Flutlicht die neue Spielzeit. Welche Erwartungen haben wir an das zweite Zweitliga-Jahr? Wo geht die Reise für uns hin? Unsere Prognose.

Claudio Gentile – Saisonprognose: Solide Basis, kalkulierbares Risiko

Der VfL geht gut geordnet in diese Saison. Der Kader stand in weiten Teilen früh, in der Vorbereitung konnte entsprechend inhaltlich gearbeitet werden statt permanent auf Zugänge zu warten. Das ist kein kleiner Punkt: Automatismen brauchen Zeit und die hatte diese Mannschaft.

Bei den Verstärkungen fällt das Bild differenzierter aus. Einige Zugänge heben das Niveau unmittelbar, auf anderen Positionen bleiben deutliche Fragezeichen. Vor allem hängt viel daran, wie schnell Crimaldi, Sawas, Meyer und Isbruch den Sprung vom Jugend- in den Männerfußball schaffen. An der grundsätzlichen Qualität besteht wenig Zweifel, sonst wären sie nicht Teil des Kaders. Entscheidend ist das Tempo dieser Entwicklung und ob sie mit den Anforderungen einer kompletten Zweitligasaison Schritt hält. Rückschläge sind in diesem Prozess normal. Die Frage ist, ob der Kader sie abfedern kann. Denn dieser ist nicht allzu groß.

Der größte Risikofaktor liegt aber meiner Meinung nach woanders. Diese Saison steht und fällt mit Taz und Hofmann. Für beide gibt es im Kader keinen gleichwertigen Ersatz. Bleiben sie weitgehend gesund, hat der VfL eine belastbare Achse. Fallen nur einer oder gar beide längerfristig aus, fehlt eine Alternative. Das würde sich mit Sicherheit unmittelbar auf Ergebnisse durchschlagen.

Meine Erwartung: eine ruhige Saison im Mittelfeld der Liga, ohne ernsthafte Abstiegssorgen, aber auch ohne realistische Aufstiegsperspektive. Nach oben ist Luft, wenn die jungen Spieler früher greifen als erwartet und die zentralen Kräfte fit bleiben. Wahrscheinlicher ist eine unaufgeregte Platzierung im einstelligen Bereich (6-9).


Sebastian Hettmann – Eine spielerische Weiterentwicklung und das obere Tabellendrittel

Die Saison nach einem Bundesliga-Abstieg kann oftmals zum Wiederaufstieg führen, oder aber die Teams scheitern und ein erneuter Abstieg ist möglich. Letzteres konnte in der vergangenen Saison verhindert werden. Die Besinnung auf das sportliche Leitbild des VfL Bochum und die schnelle Trennung von handelnden Personen und Spielern haben unseren VfL wohl vor dem sportlichen und finanziellen Supergau bewahrt. Entsprechend darf es für mich eine ruhige Saison sein.

Ich erwarte jedoch, dass die intensive Spielart von Uwe Rösler konsequent verfolgt und weiterentwickelt wird. Die Aussagen in den vergangenen Wochen, dass einige Spieler nicht willens waren diesen Weg zu gehen, sind bezeichnend. Das neue Team muss nach dem großen Umbruch zusammenwachsen, jedoch sind die Führungsspieler, auf die man weiterhin setzen wollte, über Jahre in Bochum und neue Schlüsselspieler wie Michael Steinwender, Berkan Taz und Enis Cokaj scheinen sich gut integriert zu haben. Die Frischzellenkur wird der Mannschaft gut tun und eine neue Hierarchie wird sich etablieren.

Für mich ist und bleibt es positiv, dass wir einen Trainer haben, der mit seiner Mentalität zur Region passt und den Fußball spielen lässt, den die Zuschauer frenetisch fordern und unterstützen. Es gilt jetzt jedoch den teils holprigen Spielaufbau zu strukturieren und weiterhin konsequent das letzte Drittel zu suchen. Der Abschluss wird sich verbessern, wenn die Fallzahl an Chancen hoch gehalten werden kann und mit Taz gibt es nun einen Spieler um Zielspieler Hofmann herum, der den Abschluss auch Außerhalb des Sechzehners konsequent und treffsicher suchen kann. Überbrückt man weiterhin schnell und passsicher den Raum nach Ballgewinn, wird man in der Liga immer seine Spiele gewinnen. Die, zumindest in der Vorbereitung augenscheinlich, verbesserte Abwehrreihe wird den offenen Raum hoffentlich besser kontrollieren.

Das obere Tabellendrittel ist für mich realistisch, gerade wenn noch die angedachten zwei Verstärkungen kommen, um Philipp Hofmann (notfalls auch mit einem anderen Stürmertyp) ersetzen zu können oder im Mittelfeld nachlegen zu können. Die nächsten Bausteine können vermutlich folgen, wenn sich auf der Abgangsseite noch etwas tut.


Stefan Zils – Nur der Aufstieg zählt

Zu Beginn jeder Zweitligasaison gilt für mich dieses Motto. Aber das ist natürlich nicht als realistische Einschätzung gedacht, da ist eher der Wunsch Vater des Gedankens. Das soll allerdings nicht heißen, dass ein Aufstieg nicht realisiert werden kann, als Spitzenteam sehe ich den VfL aber angesichts vieler Neuzugänge und anderer Fragezeichen zumindest nicht vor der Saison.

Der große Umbruch ist zwar noch nicht ganz vollzogen, die Hoffnung auf weitere Neuzugänge ist da, was auch von den Verantwortlichen immer wieder benannt wird. Man hat aber in der Vorbereitung einen Eindruck gewinnen können, wie die bisherigen Zugänge ticken.

In der erwarteten ersten Elf fällt als Erstes die komplett neu gestaltete Innenverteidigung auf. Letztes Jahr hatten wir hauptsächlich ein Duo aus Noah Loosli (Abgang) und Philipp Strompf (weiterhin im Kader) auf dem Platz stehen, die sehr von ihrer Mentalität und dem Willen profitierten. Der gepflegte Ball aus der Defensive heraus gehörte nicht unbedingt zu ihren Stärken. Für mich ist hier der Wechsel zu Michael Steinwender und Karol Mets (oder Yigit Karademir) die größte Veränderung im Kader. Die Hoffnung liegt auf einer deutlich höheren Pressingresistenz und einem deutlich verbesserten und kreativeren Ball aus der Defensive heraus und insbesondere Steinwender fiel bislang durch seinen gefühlten Ruhepuls von 10 auf.

In der Offensive konnte sich der VfL bislang nur vereinzelt so überzeugend darstellen wie in der Verteidigung. Gerrit Holtmann und Christian Rasmussen sind aber beide auch nur zeitweise auf dem Platz gewesen und benötigen noch etwas Zeit. Sie werden in der Mannschaft vermutlich eine größere Rolle spielen, weshalb man das auch relativieren kann. Mit Alessandro Crimaldi hat ein junger Spieler dafür immer wieder sein Talent aufblitzen lassen und macht Hoffnung auf mehr.

Sollte der VfL von größerem Verletzungspech verschont bleiben, traue ich der Mannschaft eine gute Rolle im oberen Drittel zu und dabei würde ich einen Aufstiegsplatz auch nicht ausschließen. Ich erwarte mir aber auf jeden Fall eine ruhige Saison ohne Abstiegskampf mit viel aggressivem “Bochum-Fußball” und mitreißenden Spielen.


Robin Wagner – Zwischen Umbruch und Aufbruch

Der Sommer brachte dem VfL einen der größten Umbrüche der vergangenen Jahre. Zahlreiche Abgänge, viele neue Gesichter und ein Trainer, der dem Verein bereits nach wenigen Monaten seinen Stempel aufgedrückt hat. Eine Prognose fällt deshalb schwer – trotzdem blicke ich optimistisch auf die neue Saison. Warum? Uwe Rösler. Selten konnte ich mich so sehr mit der Persönlichkeit eines VfL-Trainers identifizieren. Entscheidend wird sein, dass er seine Werte erfolgreich auf die Mannschaft überträgt: Aggressivität, Emotionalität, Mut. Gleichzeitig muss sich das Team natürlich auch fußballerisch weiterentwickeln.

Die bisherige Transferphase hat für mich zwei Seiten. Die Zahlen sehen ernüchternd aus. Der Kaderwert liegt laut Transfermarkt.de aktuell bei nur noch rund 19 Millionen Euro – etwa 30 Millionen weniger als am Ende der vergangenen Saison, was größtenteils an den Abgängen von Onyeka und Lenz liegt, deren Marktwerte zuletzt stark gestiegen waren. Damit liegt der VfL beim Kaderwert derzeit nur im unteren Mittelfeld der Liga, was bei vielen Fans verständlicherweise für Unruhe sorgt.

Trotzdem glaube ich, dass die Zahlen in diesem Sommer weniger aussagekräftig sind als in vielen Jahren zuvor. Der VfL hat Spieler geholt, die ihren Marktwert schnell in die Höhe schrauben können – Karademir, Rasmussen, Steinwender. Dazu hofft man, dass Crimaldi den Durchbruch schafft und einen ähnlichen Weg wie Lenz geht. Rösler kündigte außerdem mehrfach an, dass noch zwei Spieler mit höherer Qualität kommen sollen. Ich hoffe sehr, dass hier ein Teil der Lenz-Millionen mutig reinvestiert wird – in Spieler, die sportlich sofort helfen und gleichzeitig einen vielversprechenden Wiederverkaufswert in der Zukunft bieten.

Damit die jüngeren Spieler à la Crimaldi ihr Potenzial schnellstmöglich entfalten können, braucht es ein stabiles Gerüst aus den Führungsspielern Hofmann, Taz, Çokaj, Mets, Wittek und Horn. Finden sie schnell in die Saison, werden die Jüngeren mitziehen – Talent und Ehrgeiz sind meiner Meinung nach jedenfalls genug vorhanden. Mit der komplett neuen Innenverteidigung, in der ich qualitativ ein klares Upgrade gegenüber der vergangenen Saison sehe, sollten wir die nächsten Schritte im Spielaufbau gehen können. Mit Çokaj hat der VfL zudem einen Pitbull auf der Sechs, der an Ex-Kapitän Bero erinnert – allerdings mit besserem Passspiel. Vorne wird Hofmann der wichtige Wandspieler sein, der Spielmacher Berkan Taz die Räume verschafft, um das Spiel zu lenken und die schnellen Außenspieler in die Tiefe zu schicken.

Mein Optimismus beruht auf der Geschlossenheit im Verein, an der Rösler seit seinem Amtsantritt arbeitet. In der 2. Bundesliga entscheidet nicht der höchste Kaderwert über den Saisonverlauf, sondern ein mental starkes Kollektiv, das auch bei Rückschlägen auf beiden Beinen stehen bleibt. Dazu gehört auch ein Ruhrstadion, das die Mannschaft stets nach vorne peitscht und ihr auch mal eine Schwächephase zugestehen kann.

Abgesehen von all dem freue ich mich extrem darauf, am Freitag komplett die Fassung zu verlieren, wenn der Schiedsrichter mal eine falsche Einwurfentscheidung trifft. Das sind Emotionen, die einem nur der Fußball – und ganz besonders der VfL – geben kann.


Tobias Wagner – Hohe Qualität in der Startelf aber limitiert in der Breite

Blickt man rein strukturell auf die Vorbereitung und den Kader zeichnet sich ein differenziertes Bild ab. Defensiv wusste die Vorbereitung – unter anderem in den Testspielen gegen Swansea und Sheffield – sehr zu gefallen. Das 4-2-3-1/4-4-2 ist trotz geringer Intensität beim Anlaufen sehr stabil. Hofmann und Taz verstehen es, gemeinsam mit den einrückenden Außen, das Zentrum zu schließen und Bälle auf die Außen anzubieten. Wenn Gegner damit zögern, verstehen Sie es mit ihrer hohen Körperstabilität Zugriff gewinnen. Insgesamt werden die gefährlichen Zonen sehr gut abgeschirmt.

Auch personell haben wir in der Spitze zugelegt. Michael Steinwender strahlt sofort Stabilität aus und hat sich bereits als neue Säule in der Innenverteidigung etabliert. Als Taktgeber im Aufbauspiel und beim geschickten Anlocken des gegnerischen Pressings ist er unersetzlich. Berkan Taz bekommt zwar beim VfL nicht so viele Bälle wie noch bei Verl. Wenn er den Ball jedoch bekommt, dann wird es direkt gefährlich. Seine Pässe und Abschlüsse geben uns die viel vermisste Effektivität. Enis Cokaj ist ebenfalls eine Überraschung, die bereits die Fußstapfen von Cajetan Lenz füllen kann. Defensiv stark mit gutem Aufbauspiel hat er sich direkt in den Kreis der Führungsspieler gearbeitet.

Ein echter Schlüsselfaktor in den Tests war zudem Alessandro Crimaldi. Anders als ein klassischer Schienen- oder Flügelspieler beschränkt er sich nicht auf Reintempo und Flanken an der Linie. Grimaldi überzeugt auch durch Defensivarbeit und intelligentes Pressing. Mit Ball bietet er auch im Zentrum extrem wertvolle Entlastungsmomente. Seine Fähigkeit, sich in engen Räumen mit Dribblings zu befreien und ambitionierte Zwischenlinienpässe oder Abschlüsse zu suchen, hebt ihn derzeit deutlich von Mitspielern wie Holtmann (dem nach der Verletzung im Test gegen Sheffield noch deutlich Timing und Positionsspiel fehlen) oder Rasmussen ab.

Hier zeigt sich auch das zentrale Problem der aktuellen Kaderkonstellation. Es gibt einen großen Abstand zwischen erster Elf und der zweiten Reihe. Bei Karol Mets zeigt sich, dass eine finale Bewertung noch Zeit benötigt; nach seiner Verletzung und erst wenigen Tagen beim Team wäre es schlicht ungerecht und verfrüht, von einer sofortigen, nahtlosen Integration auszugehen. Yiğit Karademir ist defensiv stark, kann jedoch im Aufbauspiel nicht wie Steinwender überzeugen. Ohne das Duo auf der 9 und 10 bricht unser komplettes Offensivspiel zusammen. Daniel Hanslik kann Hofmanns Physis und Übersicht nicht ersetzen und Taz ist ebenfalls einzigartig im Kader.

Die fehlende Kaderbreite stellt das größte Risiko für den weiteren Saisonverlauf dar. Sobald Ausfälle durch Verletzungen oder Sperren kompensiert werden müssen, droht ein spürbarer Leistungsabfall. Hoffen wir, dass uns das dankbare Startprogramm in eine Euphorie versetzt, die Zauberhand von Markus Brunnschneider den Kader noch etwas aufbessert und wir weitgehend frei von Verletzungen bleiben. Dann ist durchaus ein Angriff auf die oberen Plätze möglich.

Glück auf, nur der VfL!

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Autor: Matthias Rauh

Obwohl in Bayern wohnhaft besitze ich eine Dauerkarte beim VfL und versuche, jedes Heimspiel und jedes Auswärtsspiel im Süden vom VfL mitzunehmen. Meine Begeisterung für den VfL entwickelte sich in der Saison 2006/07, endgültig besiegelt wurde sie bei dem eigentlich völlig belanglosen Spiel Karlsruher SC gegen den VfL im Jahr 2008. Während eines Fußballturniers wollten meine Mannschaftskameraden in der Bundesligakonferenz ständig die Zwischenstände von Bayern München und Nürnberg wissen, ich erntete misstrauische Blicke, als ich den Zwischenstand von Bochum wissen wollte. Abstieg, Relegation, Funkel, Neururer... ich bin immer noch dabei und freue mich immer mehr auf Spiele wie Bochum gegen Sandhausen als Bayern gegen Dortmund.

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Einsachtvieracht-Stammtisch #117