Auch in Bochum schloss sich das Zeitfenster, innerhalb dessen die Mannschaft durch Neuzugänge und Abgänge umstrukturiert werden konnte, am ersten September – dem sogenannten “Deadlineday”. So oft es schon hieß, dass unser Team in der Pause zwischen zwei Saisons vor dem großen Kaderumbruch stehe, ist es schon fast inflationär, im Sommer 2026 von dem Begriff Gebrauch zu machen. Das aktuelle Geschehen macht dies jedoch nahezu unumgänglich. Insgesamt 19 Spieler aus der hausinternen zweiten Mannschaft/Jugend und von externen Vereinen stießen zum Profikader hinzu. Währenddessen verließen 17 Jungs eben jenen. Personell hat sich bei unserem Herzensclub also einiges getan und die Truppe, die Coach Uwe Rösler ins Rennen schicken kann, wurde saftig umgebaut. Zeit, gemeinsam einen Blick auf die große Veränderung zu werfen und unsere Ansichten im Kollektiv darzustellen.
Moritz Möller: 36 Kaderbewegungen gab es diesen Sommer beim VfL Bochum. So viele wie lange nicht mehr. Von den Verpflichtungen aus dem letzten Sommer ist lediglich Philipp Strompf an der Castroper Straße geblieben – auch er war ein Abgangskandidat. Auf der Abgangsseite positionierte sich die sportliche Führung früh klar und auch „Sorgenkinder“ wie Ibrahim Sissoko, Samuel Bamba und Mathis Claricia konnte man von der Gehaltsliste streichen.
Die Transferziele des Vereins wurden früh kommuniziert: Mehr Kontrolle in der Spieleröffnung, mehr Ballbesitzfußball, Kaderwertmanagement, Identifikation mit dem Verein, Teamgeist, Einstellung, möglichst wenig Leihen.
Nur für Michael Steinwender wurde eine Ablöse bezahlt, an einigen der ablösefreien Spieler war man früh dran und konnte bei der Verpflichtung Vollzug melden. Mit Karol Mets kam pünktlich der zweite erfahrene IV zum Start ins Trainingslager. Zusammen mit Steinwender sorgt er für Stabilität und die Spieleröffnung die man sich gewünscht hat.
Früh hatte man sein Grundgerüst zusammen. Einige Spieler kamen erst spät in der Vorbereitung dazu oder kamen aus einer langen Verletzung (Mats Pannewig, Maxi Wittek, Gerrit Holtmann, Mikkel Rakneberg). Die Neuzugänge kamen alle mit unterschiedlichen Fitnesswerten, was die tägliche Trainingsarbeit erschwerte.
Die Abläufe bei der Defensivarbeit wirken deutlich sicherer, die Offensive wirkt im Gegensatz dazu noch holprig bis ideenlos in den ersten Spielen. Das Torverhältnis 3:3 in vier Pflichtspielen belegt das klar.
Bei den Talenten hat man Darnell Keumo bewusst in die 3. Liga verliehen, um ihm in Mannheim Spielzeit in einer Viererkette zu ermöglichen, die er in Bochum wahrscheinlich nicht bekommen hätte. Kacper Kocierski hat man dafür nach Aachen verliehen, hier wird die Dreierkette bevorzugt.
Viele Ziele des Transfersommers konnten erreicht werden, eine klare Herangehensweise war zu erkennen, auch wenn der Plan für die Fans nicht immer klar ersichtlich war. Eine Tatsache, die dem Budget und den Transferzielen geschuldet war. Dass nicht immer alles zur vollsten Zufriedenheit aller verlief, lässt sich an den Aussagen Uwe Röslers nach dem Saisonstart erkennen, der zwischenzeitlich deutlich angefressen wirkt und den Eindruck macht, dass Versprechen ihm gegenüber nicht eingehalten wurden.
Auch seine Aussagen über die Transferphase auf der PK nach Schließung des Transferfensters geben Einblick in die letzten Monate: „Ich habe noch nie so einen Umbruch gemacht. Es war sehr, sehr schwierig und zeitraubend. Die erste Phase der Rekrutierung lief sehr gut. Die nächste Stufe hat sich als schwieriger herausgestellt, weil wir viele, viele Leute getroffen haben, auch Absagen bekommen haben. Hintenraus wurde es sehr hektisch.“
Dass man auf den letzten Metern mit Charlie Patino und Jarne Steuckers noch hochveranlagte Spieler an die Castroper Straße lotsen konnte, darf man als gelungenen Abschluss der Transferphase sehen. Dass manchmal Kleinigkeiten das Zünglein an der Waage sein können und diese Spieler nicht unterschreiben, hat man in Bochum häufiger erlebt. Ob die Alternativen auf der Liste den Anspruch erfüllt hätten, wird man nie erfahren. Der Anspruch selbst wurde von Vereinsseite den ganzen Sommer über hochgehalten – daran wird der Kader jetzt gemessen.
Als erste Bewertung lässt sich festhalten: Die arbeitsteilige sportliche Leitung, in der jeder ein Themengebiet verantwortet, hat einen guten Eindruck hinterlassen. Gerade das Verhandlungsgeschick von Jonas Schlevogt ist in der ersten Reihe eine echte Bereicherung – die Leihen von Patino und Steuckers wären ohne die gesicherten Kaufoptionen nur die Hälfte wert. Schlagen die beiden ein, ist das auch in Sachen Kaderwertmanagement die erste echte Perspektive seit Jahren. Verhandelt hat Schlevogt, Überzeugungsarbeit dürfte auch Uwe Rösler geleistet haben. Heißt für mich: Die Spieler sind von der Spielweise des Trainers und den Möglichkeiten überzeugt – trotz allem, was vorher schiefgelaufen ist.
Ein Restrisiko bleibt, wenn man sich die Besetzung der zweiten Reihe ansieht. Wie schnell es gehen kann, hat man beim Pokalspiel in Fürth gesehen, als Oliver Olsen und Jean-Manuel Mbom angeschlagen vom Platz mussten. Einen Ausfall auf einer Position kann man als Zweiligist absichern, einen zweiten in der Regel nicht. Die feste Verpflichtung von Sean Klaiber, der den Trainer und dessen Spielweise kennt, ist die logische Konsequenz.
Blickt man allerdings auf den Platz hinter Philipp Hofmann, kann es eng werden. Hier hat der VfL nur wenig bis keine Alternativen. Dass Daniel Hanslik keine 1:1- Alternative darstellt, haben seine bisherigen Einwechslungen gezeigt. Auch da bieten die Neuverpflichtungen Möglichkeiten die Fähigkeiten einiger Spieler besser einzubinden.
Lennart Markmann: Um ehrlich zu sein verfolgte ich die Saisonvorbereitung und Transferphase in diesem Sommer einen Schnuff weniger intensiv, als es in den Vorsaisons der Fall war. Als umso intensiver und umfassender stellte es sich anschließend heraus, mich einzulesen und mir vor dem ersten Saisonspiel gegen Hertha BSC einen Überblick über all die neuen Spieler zu verschaffen.
Dementsprechend gespannt war ich beim ersten Besuch des Ruhrstadions unter Flutlicht, was die neu formierte Mannschaft um Berkan Taz, Michael Steinwender und Enis Cokaj (um nur einen Bruchteil der Namen zu benennen) auf den Rasen zaubern kann. Dass diese Spannung nach dem mauen 0:1 einen ersten Dämpfer kassierte muss ich wohl nicht weiter ausführen.
Im Anschluss an den knappen 0:1 Auswärtssieg bei Eintracht Braunschweig und die letztendlich erfolgreiche Zitterpartie im DFB Pokal bei Greuther Fürth ging ich davon aus, dass der derzeit bestehende Kader ausreichen könnte. Zumindest, um die Basisziele zu erreichen und um einen einstelligen Tabellenplatz mitzuspielen. Immerhin stand die Defensive weitestgehend stabil und die benötigten Tore wurden minimalistisch effizient erzielt.
Nach Abpfiff des vergangenen Heimspiels und dem damit einhergehenden 0:1 gegen den VfL Osnabrück fragte ich mich jedoch im Stadion sitzend bedrückt, wie es sein kann, dass unser frisch umgebrochenes Team einen derart blutleeren und qualitativ mangelhaften Auftritt aufs Grün bringt. Besonders erschreckend empfand ich es, dass es keinem der Jungs gelang, genug kreative Qualität am Ball zu erzeugen, um einen Aufsteiger aus Liga drei mittels gezielt eingeleiteter Spielzüge, erfolgreicher Dribblings und zum Erfolg führender Torabschlüsse in die Bredouille zu bringen.
Von dem Freitagabend an ließ mir die Frage (bzw. Sorge) keine Ruhe, ob die vorhandenen Spieler tatsächlich nicht “gut genug” sind, um in der zweiten Bundesliga (erfolgreich) mitzuspielen.
Mein sich dahingehend aufgestauter Pessimismus wurde durch den vergleichsweise soliden und furiosen Transfer-Schlussspurt im Zuge des Deadlineday etwas ins Optimistische verschoben. Durch die Last-Minute-Verpflichtungen von Sean Klaiber, Charlie Patino und Jarne Steuckers wurden unserem Team drei Kaliber hinzugefügt, von denen ich mir – unter Berücksichtigung der klassischen Bochumer Skepsis – einen Aufschwung in der Gesamtspielqualität erhoffe.
Klaiber wurde ablösefrei fest verpflichtet und für Patino und Steuckers konnten, ergänzend zu ihren Leihen, Kaufoptionen heraus gehandelt werden. Definitiv ein Fortschritt zu den teilweise verzweifelt wirkenden Not-Leihen der vorherigen Saison, die kaum Aussicht auf perspektivisches Gelingen boten. Zudem befinden sich alle drei im fußballerisch guten Alter ihrer Zwanziger und frischen Dreißiger und konnten Erfahrungen in den jeweiligen höchsten Spielklassen ihrer vorherigen Stationen sammeln.
Gerne darf Klaiber seine scheinbar zuletzt gute Form aus der Zeit bei seinem letzten Arbeitgeber Brondby IF fortsetzen, mit der er sich an der Konsole eine Specialcard erspielte.
Ich hoffe und wünsche mir, dass es Rösler gelingt, die drei späten Neuzugänge behutsam aber auch zeitnah in das Gefüge des bis dahin bestehenden Teams zu integrieren. Sollte dies gelingen, bin ich optimistisch, dass sich unser Spiel im Fortlauf der Saison steigern kann und wird.
Claudio Gentile: Die drei späten Transfers machen für mich vor allem deshalb Sinn, weil mindestens zwei davon genau die Profile ergänzen, die dem Kader bislang gefehlt haben. Mit Patino kommt ein pressingresistenter Mittelfeldspieler, der den Spielaufbau sauberer strukturieren und den Ball kontrollierter ins letzte Drittel bringen kann. Steuckers bringt dafür Kreativität, Übersicht und den letzten Pass aus dem rechten Halbraum mit. Klaiber wiederum gibt der rechten Seite Erfahrung und Robustheit. Gerade nach Olsens bisher durchwachsenen Leistungen war das nötig.
Besonders Patino und Steuckers dürften die spielerische Qualität des VfL deutlich anheben. Davon kann vor allem Taz profitieren, der sich bislang zu oft tief fallen lassen musste, um überhaupt ins Spiel zu kommen. Mit mehr Qualität hinter und neben ihm kann er häufiger in den Räumen auftauchen, in denen er am gefährlichsten ist: zwischen den Linien und rund um den Strafraum.
Natürlich müssen alle drei ihre Leistung erst noch auf den Platz bringen. Patino kommt aus keiner einfachen Saison, Klaiber fehlt Pflichtspielrhythmus und auch Steuckers muss sich an die zweite Bundesliga gewöhnen. Von den Profilen her sind das aber sehr sinnvolle Ergänzungen. Der Kader wirkt nach dem Deadline Day deutlich runder und vor allem spielerisch wesentlich variabler.
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