Vier Meinungen zum Befreiungsschlag gegen Braunschweig

Tore zur richtigen Zeit zementieren den höchsten Heimsieg unter Uwe Rösler

Der VfL Bochum gewinnt zu Hause gegen Eintracht Braunschweig mit 4:1. Könnte man bei dem Ergebnis ein einseitiges Spiel und eine durchweg überzeugende Leistung vermuten, war das mitnichten durchweg so. Schwacher Start, starke individuelle Leistungen und ein wildes hin und her. Vier Meinungen zum Spiel gestern.

Matthias Rauh: In Magdeburg noch 4:1 verloren, nun mit dem selben Ergebnis sich von der Abstiegszone abgesetzt. Gegen Eintracht Braunschweig war der VfL nicht immer das bessere Team, trotzdem konnte man einen überzeugenden Heimsieg einfahren. Das frühe Tor von Gerrit Holtmann gegen den Ex, das aberkannte Hofmann-Tor, wo auch sich so mancher im Stadion fragte, ob es hier einen VAR-Eingriff brauchte. Dann das 2:0 in der Nachspielzeit (psychologisch wichtiger Zeitpunkt) und nach der Pause das 3:0 durch Holtmann-Ersatz Alfa-Ruprecht. Ein bisschen Flipper im Bochumer Strafraum brauchte es, ehe Hoffi in der Nachspielzeit einen von Marshall (stark nach Einwechslung) rausgeholten Elfmeter sicher im rechten oberen Knick verwandelte. 36 Punkte nun. Stark!

Moritz Möller: Das Ergebnis war am Ende deutlicher als der Spielverlauf es vermuten ließ. Gegen die Braunschweiger Löwen gab es sicherlich den einen oder anderen Moment, in dem eine Unachtsamkeit das Spiel hätte kippen lassen können – wie so häufig in letzter Zeit. Mit etwas Glück und Einsatz zogen die Jungs von der Castroper Straße das Spiel auf ihre Seite und wurden im Verlaufe der ersten 45 Minuten immer sicherer. Trotzdem gab es immer wieder Situationen, wo einem der Atem stockte. Unser VfL ließ sich aber nicht beirren und spielte weiter nach vorne. Man hatte dein Eindruck, dass die Überzeugung und der Glaube an die eigenen Stärken mit zunehmender Spielzeit wieder zurückkehrte. Eine ebenso beherzte Leistung und einsatzfähige Leistungsträger wird es nächste Woche in Dresden brauchen, um nicht wieder direkt näher an die Abstiegszone heranzurücken.

Tobias Wagner: Lange keine Kontrolle, jedoch individuell stärker 

Als die Aufstellungen bekannt gegeben wurde, ging bei uns im Chat die Diskussion sofort wieder los. Erneut bekam Matus Bero den Vorzug vor Cajetan Lenz. Die Doppelsechs aus Bero und Mats Pannewig steht für Vertikalität, Läufe in den Strafraum und Einsatz – jedoch weniger für konstruktiven Spielaufbau.

Meine Annahme, dass es deshalb ein sehr wildes Spiel geben wird, bei dem individuelle Situationen den Ausschlag geben werden, bestätigte sich. Jedoch waren es dieses Mal die Braunschweiger, die lange Bälle nur sehr unbeholfen klären konnten, was beim 1:0 und 2:0 auch direkt bestraft wurde. Auf der anderen Seite zeigten wir  (zumindest in der ersten Halbzeit) die notwendige Kaltschnäuzigkeit, die es für Siege mit dieser Herangehensweise braucht. Individuelle Highlights von Miyoshi, Holtmann und Hofmann waren ausreichend.

Ansonsten war es ein typisches Spiel zweier ‘4-4-2’-Mannschaften, bei dem Rösler seinen Ansatz sehr gut auf die horizontal extreme enge ‘4-2-2-2’ Auslegung der Braunschweiger angepasst hatte. Die Flügel wurden weitgehend angeboten, was Braunschweig nur in den ersten 10 Minuten nutzen konnte. Im Zentrum wurde gut gepresst, besonders Pannewig tat sich mit drei direkt abgefangenen Bällen und weiteren drei erfolgreichen Ballgewinnen durch Tacklings hervor.  Nach diesen Eroberungen wurde direkt verlagert. So konnten Holtmann, Miyoshi und später Alfa-Ruprecht immer wieder direkt oder nach schnellen Weiterleitungen durch Holtmann oder Onyeka in freie oder 1-gegen-1 Situationen gebracht werden.

War es die Wiederaufstehung? Da bin ich skeptisch. Der Spielverlauf und die individuelle Klasse haben es dieses Mal gerichtet. Mein Anspruch ist es jedoch nicht, zu Hause gegen einen Abstiegskandidaten jeden dritten Ball zum Gegner zu spielen (Passquote war 69%). So wird der Zufall der enge Begleiter. Die Achterbahnfahrt der letzten Wochen hat strukturelle Gründe, die nicht behoben sind.

Lennart Markmann: Trotz des massiv in die Hose gegangenen Auswärtsspiels beim 1. FC Magdeburg in der Vorwoche wirkte die Stimmung vor Anpfiff relativ entspannt auf mich. In ersten Diskussionen im Biergarten wurde die aktuelle Situation reflektiert und analysiert. Dabei schienen alle der Ansicht zu sein, dass die Situation zwar brenzlig, jedoch auch ergreifend und keineswegs hoffnungslos ist.

Dies spiegelte sich auch bereits 45 Minuten vor Anpfiff im Stadion wider. Die organisierte Fanszene nutzte die sich zuletzt anspannende tabellarische Situation, um der Mannschaft während des Warmmachens bedingungslosen Rückhalt zu demonstrieren und bereits eine Halbzeit vor Anpfiff des Spiels mit dem Support einzusetzen. Meiner Meinung nach eine gute Sache, die Anklang fand und der Mannschaft ein pushendes Signal vermittelte. In einer komplizierten sportlichen Situation aus Fanperspektive mit abwertender Haltung und negativer Konfrontation auf die Spieler einzuwirken hat aus (sport-)psychologischer Sicht selten Sinn ergeben und dazu geführt, dass die Mannschaft zu mehr Selbstsicherheit findet und ihre Kompetenzen ausschöpft. Es ins Positive zu kippen offensichtlich umso mehr.

Nachdem unser VfL die ersten Minuten des Spiels von aggressiv auftretenden Braunschweigern überrascht wurde und ins Straucheln geriet, drohte die gute Stimmung jedoch zügig zu kippen. Es dauerte keine vier Fehlpässe des VfL und drei Torschüsse der Gäste, bis erstes lautes Raunen und abwinkende Hände durch die Luft des Ruhrstadions flogen.

Dies änderte sich nach Gerrit Holtmanns präzise vollendetem Konter zum 1:0. Dieser fegte den Wind, den er den stark agierenden Gästen nahm, zweifelsohne ins Stimmungsbild auf den Rängen. Aufgrund des sich stabilisierenden Auftretens der Mannschaft wirkte auch die Atmosphäre von da an ausgeglichener. Koji Myoshis feiner, mit dem Halbzeitpfiff Hand in Hand gehender Schlenzer zum 2:0 ins lange Eck sorgte dafür, dass auf der Tribüne mit entspannter Miene in Gespräche, zum Bierstand oder auf`s Klo gegangen wurde.

Hätte Holtmann seine erste Chance nach Wiederanpfiff zum 3:0 genutzt, wäre es wohl selbst mir altem Skeptiker gelungen, mich zurück zu lehnen und davon auszugehen, dass das Ding in der Tasche ist. Da er dies nicht tat, blieb die altbekannte Sorge, einen sich sicher anfühlenden Vorsprung aus der Hand zu geben, präsent. Obwohl der BTSV keinen spielerisch zwingenden Anlass dazu gab, hat man beim VfL doch schon so manch grausames Wunder erlebt, was bei mir dazu führt, dass sich selbst hohe Führungen nie wirklich sicher anfühlen.

Farid Alfa-Ruprecht war letztendlich derjenige, der mittels des dritten Tores für unseren VfL Ruhe hinein brachte. Mir – und, so wie ich es um mich herum wahrnahm auch den meisten anderen Anwesenden – war danach relativ klar, dass der Heimsieg sicher sein sollte. Den kurzen Ärger über das 1:3 durch Lino Tempelmann (eine weiße Weste wäre cool gewesen) egalisierte Hofmanns eiskalter Elfmeterstrahl in den Knick in der späten Nachspielzeit.

Resümierend betrachtet bin ich froh, dass es den Jungs und Rösler gelungen ist, ein symbolisches Ausrufezeichen zu setzen und das 1:4 vom vorherigen Spieltag exakt ins Positive zu drehen. Existenziell gesichert ist dadurch noch nichts und am kommenden Spieltag wird sich in Dresden zeigen, ob unsere teils eklatante Unsicherheit auf fremden Plätzen auch trotz des kleinen Befreiungsschlags Bestand hat. Dennoch hat der im Ergebnis vergleichsweise klare Sieg dafür gesorgt, dass die Bauchschmerzen, die der Gedanke an den Kampf gegen den Abstieg in Liga drei generiert hat, wieder abflauen. Die erleichtert lauten Gesänge während des Spiels und nach Abpfiff geben mir Grund zur Annahme, dass es uns allen so erging.

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Autor: Matthias Rauh

Obwohl in Bayern wohnhaft besitze ich eine Dauerkarte beim VfL und versuche, jedes Heimspiel und jedes Auswärtsspiel im Süden vom VfL mitzunehmen. Meine Begeisterung für den VfL entwickelte sich in der Saison 2006/07, endgültig besiegelt wurde sie bei dem eigentlich völlig belanglosen Spiel Karlsruher SC gegen den VfL im Jahr 2008. Während eines Fußballturniers wollten meine Mannschaftskameraden in der Bundesligakonferenz ständig die Zwischenstände von Bayern München und Nürnberg wissen, ich erntete misstrauische Blicke, als ich den Zwischenstand von Bochum wissen wollte. Abstieg, Relegation, Funkel, Neururer... ich bin immer noch dabei und freue mich immer mehr auf Spiele wie Bochum gegen Sandhausen als Bayern gegen Dortmund.

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