Thomas Stickroth beim Spiel der Traditionsmannschaften des VfL und des BVB im März 2011. Foto: Stephan Kottkamp.
Thomas Stickroth beim Spiel der Traditionsmannschaften des VfL und des BVB im März 2011 im Ruhrstadion. Foto: Stephan Kottkamp/Einsachtvieracht.

„Das hat nie aufgehört“

Vor dem Spiel in Ingolstadt: Im Gespräch mit Thomas Stickroth

Viele von uns werden sich noch lebhaft und sehr gerne an die Zeit erinnern, als der VfL als Aufsteiger die Bundesliga aufmischte und erstmals in der Vereinsgeschichte in den UEFA-Cup einzog. Trainer Klaus Toppmöller hatte binnen zwei Jahren eine Mannschaft geformt, die einen in Bochum zuvor unbekannten Fußball spielte und gespickt war mit begnadeten Technikern. Einer der damals populärsten Spieler wird dem VfL Bochum am Samstag wieder begegnen, da er nun beim FC Ingolstadt als Co-Trainer auf der Bank sitzt: Thomas Stickroth. Wir hatten die Gelegenheit, im Vorfeld der Partie mit dem Mann zu telefonieren, der aufgrund seiner filigranen Spielweise und Eleganz in Bochum bis heute den Spitznamen Stickinho trägt.

Thomas Stickroth war in seiner Karriere als Spieler viel unterwegs. Nach Stationen beim SC Freiburg, dem FC Homburg, Bayer Uerdingen, dem schottischen FC St. Mirren und dem 1. FC Saarbrücken zog es den damals 30-jährigen schließlich zum VfL Bochum, wo er von 1995 bis 2002 insgesamt 133 Pflichtspiele bestritt und dabei neun Tore erzielte. Drei Aufstiege, zwei Abstiege und die Qualifikation zum UEFA-Cup stehen in den sieben Jahren zu Buche und zeigen, dass es sich um eine niemals langweilige Zeit an der Castroper Straße handelte. Unvergessen ist Thomas Stickroths Tor gegen Trabzonspor, bei dem es sich um das allererste VfL-Tor in einem internationalen Wettbewerb im Ruhrstadion handelte und das zugleich den Weg in die 2. Runde des UEFA-Cups ebnete.

Ein Traum aus 1001 Nacht: Fans und Medien feierten den VfL nach dem legendären Sieg gegen Trabzonspor. Thomas Stickroth spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Auch nach dem Ende seiner Spielerkarriere war Thomas Stickroth schon bei mehreren Vereinen in unterschiedlichen Funktionen tätig. Unter anderem fungierte er beim FC St. Pauli als Mentalcoach und lernte bei diesem Engagement den damaligen Pauli-Trainer Roland Vrabec kennen. Als dessen Co-Trainer stand Stickroth dann beim FSV Frankfurt und zuletzt beim FC Vaduz unter Vertrag. Seit Dezember ist er nun als Assistent von Jens Keller beim abstiegsbedrohten FC Ingolstadt tätig und kümmert sich insbesondere um die Bereiche Technik und Mentales.

Wärmste Empfehlung aus Vaduz

„Der Kontakt zu Jens Keller bestand schon seit mehreren Monaten. Ein Mitglied des Trainerstabs des FC Vaduz hatte mich ihm empfohlen. Nach mehreren Gesprächen zwischen Jens Keller und mir stand fest, dass er mich bei seinem nächsten Job als Co-Trainer verpflichten würde“, schildert Thomas Stickroth, wie es zu seinem Engagement in Ingolstadt kam. Dort fühlt er sich sehr wohl: „Ingolstadt ist eine sehr schöne Stadt. Ich komme aus Stuttgart, so dass ich jetzt relativ nah bei meiner Familie wohne.“

Jens Keller und Thomas Stickroth haben der Mannschaft in kurzer Zeit eine Grundordnung gegeben, die eine zuvor fehlende Stabilität gebracht hat. Auch Robin Dutt und Heiko Butscher lassen den VfL im Zentrum aggressiv auf Ballgewinne agieren. „Jens Keller ist ein aggressives Anlaufverhalten wichtig. Gleichzeitig setzen wir aber auch auf viel Ballbesitz. Die Balance muss einfach stimmen. Mit Träsch, Kittel und Cohen haben wir insbesondere im offensiven Mittelfeld sehr gute Fußballer, die für diese Spielweise prädestiniert sind“, beschreibt Stickroth eine Stärke der Ingolstädter.

Auch deshalb konnte der FCI die letzten beiden Auswärtsspiele gewinnen (in Fürth und Aue). Nun sollen endlich auch vor heimischem Publikum drei Punkte eingefahren werden. „Wenn man sich die Tabelle anschaut, sind wir ja fast zum Siegen verdammt“, formuliert Stickroth ein klares Ziel für Samstag. „Es wäre wichtig, nach dem Sieg in Aue nachzulegen und einen Lauf zu starten.“

Das Spiel in Aue als Messlatte

In der jetzigen Situation ist der mentale Bereich besonders wichtig. Es geht um Sicherheit, die Spieler benötigen, um gute Leistungen abrufen zu können. Daran arbeitet Stickroth jeden Tag mit den Spielern. Den oft gemachten Vorwurf, Spieler brächten keine Leistung, weil sie unmotiviert seien, kann er nicht so stehen lassen: „Generell hat jeder Fußballspieler eine hohe Grundmotivation und Leistungsbereitschaft.“ Es könne aber eine Demotivation entstehen, beispielsweise durch eine gestörte Beziehung zum Trainer oder durch Unstimmigkeiten im Team. „Man muss dann versuchen, im Gespräch mit dem Spieler herauszufinden, was los ist, ob es ihm zum Beispiel an Wertschätzung fehlt. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.“

Das explizite Ziel der Ingolstädter ist natürlich der Klassenerhalt. Fußballerisch möchte man aber auch an der Zweikampfstärke und der Konzentration arbeiten. „Unser Spiel in Aue war wirklich stark und sollte uns zukünftig als Messlatte dienen.“ Wichtig sei es, ein klares System zu finden, zu festigen und dadurch das Selbstvertrauen zurückzugewinnen. „Dabei sind Siege natürlich besonders hilfreich.“

Dass der VfL mit unbedingtem Siegeswillen nach Ingolstadt reist, ist aber auch dem ehemaligen Allrounder Stickroth klar, der deshalb ein intensives und umkämpftes Spiel erwartet: „Nach den zwei Niederlagen und dem Abrutschen ins Mittelfeld will der VfL sicher keine dritte Schlappe in Folge einstecken.“

20 Jahre in Bochum gelebt

Im Jahr 2016 wählten die VfL-Fans Thomas Stickroth in die Legenden-Elf, weshalb er seitdem neben dem Tiger, Ata, Darek und weiteren ehemaligen Spielern an einer Säule am Stadion verewigt ist. „Da habe ich mich wirklich riesig gefreut.“ Zur Einweihung der Säulen reisten damals alle Legenden an – auch Stickinho.

UEFA-Cup-Helden unter sich: 20 Jahre nach dem Einzug in den internationalen Wettbewerb trafen sich die Spieler und Trainer wieder, unter ihnen auch Thomas Stickroth (8. von links zwischen Georgi Donkov und Peter Közle). Foto: Tim Kramer (Tremark)

Nun trifft der Fußballgott, wie Stickroth von den Fans auch genannt wurde, erstmals nach dem Ende seiner Karriere in einem Pflichtspiel auf den VfL Bochum. Der für seine Übersteiger gefeierte Ballästhet lässt keine Zweifel daran, dass da ganz besondere Gefühle mit im Spiel sind: „Das ist schon etwas Besonderes, gegen den VfL zu spielen. Ich hänge immer noch sehr am Club und verfolge das Geschehen. Das hat nie aufgehört. Schließlich habe ich 20 Jahre in Bochum gelebt, so lange wie in keiner anderen Stadt.“

Thomas Stickroth trifft am Samstag nicht nur auf seinen ehemaligen Verein, sondern auch auf alte Bekannte: „Mit Sesi habe ich ja sogar noch zusammengespielt und Heiko Butscher kenne ich sehr gut, da wir beide mit Martin Meichelbeck befreundet sind.“ Sollte der FC Ingolstadt den Klassenerhalt schaffen, gäbe es für den einstigen Publikumsliebling in der kommenden Saison auch ein Wiedersehen mit Bochum und dem Ruhrstadion. „Das wäre riesig“, herrscht beim ehemaligen Rechtsverteidiger schon jetzt große Vorfreude. Und auch die VfL-Fans würden sich garantiert freuen, ihren Stickinho im Ruhrstadion begrüßen zu können.

Stephan Kottkamp

Stephan Kottkamp

Meine Liebe zum VfL hat ganz klassisch angefanegen. Im Mai 1986 hat mich mein Vater zum ersten Mal mit ins Ruhrstadion genommen. Der VfL spielte gegen die Bayern und holte ein 1:1-Unentschieden (Tore: Frank Benatelli und ein gewisser Lothar Matthäus). Seither war ich unzählige Male im Ruhrstadion und erinnere mich am liebsten an die Zeit unter Klaus Toppmöller. Auch deshalb zählt Fußballgott Thomas Stickroth für mich zu den größten VfLern aller Zeiten.

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