Wir steigen in die Zeitmaschine und blicken auf ein paar vergangene Jahre mit Höhen und Tiefen zurück. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Eine blau-weiße Zeitreise

Ein weiteres Jahr zweite Liga. Um genau zu sein, das neunte in Folge nach dem Abstieg 2010. Wo ist die Zeit nur hin? Doch ist die zweite Liga wirklich so ätzend und nervend, wie die meisten denken? Oder finden wir uns in einer neuen Zeit wieder, in der unser VfL stolz darauf sein kann, Teil dieser Spielklasse zu sein, den Anspruch zu haben, zu den Top 25 Vereinen Deutschlands zu gehören statt vom Mittelfeld der Bundesliga zu träumen?

„Der Fussball veränderte sich“

Setzen wir uns in den DeLorean und springen ca. 16 Jahre zurück. Wir sprechen von einer Zeit, in der Facebook noch nicht existent war, niemand ein iPhone in der Tasche hatte und die PS4 mit bestechender Grafik noch nicht mal als Entwurf in Sonys Schublade lag. Man erinnert sich an, für unsere Verhältnisse, glorreiche Zeiten zurück. Spiele gegen Trabzonspor, Brügge, Amsterdam, Lüttich usw. waren zwar die Ausnahme, doch haben diese in unseren Erinnerungen rund um unseren VfL einen großen, sehr zentralen Wert. Man erinnert sich immer wieder gerne an den für unmöglich gehaltenen Last-Minute-Aufstieg am altehrwürdigen Tivoli zurück, an die geschlagenen Schlachten der Neuzeit gegen Schalke und Dortmund, als wir im „goldenen Herbst“ beide hintereinander bezwangen. Flanke Hashemian, Kopfball Sestak, TOOOR…oder Peter Madsens 1:0-Siegtreffer gegen die übermächtigen Bayern. Gänsehaut, manch einer hat sicher auch ein paar Tränchen im Auge.

Auf diese Erlebnisse wollen wir später noch einmal zu sprechen kommen. Gerade für die jüngeren Fans war die Zeit zwischen 2002 bis 2010 trotz eines zwischenzeitlichen Abstieges und zwei Aufstiegen eine tolle und unvergessliche Zeit, in dem der VfL aufblühte und Teil der deutschen Fußball-Welt war. Auch für mich. Der Fußball veränderte sich. Und irgendwie hatte man das Gefühl, ein fester Teil des großen Zirkusses „Bundesliga“ zu sein. Es war selbstverständlich, sich Samstag morgens auf ein Bier zu treffen und gegen 13 Uhr die Castroper Straße hoch zu wandern. In der Ostkurve war eine grandiose Stimmung und schon eine halbe Stunde vor Anpfiff wurde lauthals das Team angefeuert. Im Jahr 2006 war „RasenBallsport“ Leipzig (Tradition seit 2009) noch nicht mal gegründet. In der Folgezeit bis 2010 schaffte es der VfL Bochum immer, wieder die Klasse zu halten. Mit Hoffenheim spielte ein „neuer“ Verein in der Bundesliga und das auch noch sehr erfolgreich. Ein Platz weniger für die alten Schwergewichte in der Bundesliga.

Der VfL Bochum für immer erstklassig? Wir wagen den neunten Anlauf Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

„Hoffnung auf den Aufstieg“

Der Tag des Abstieges 2010 war wohl einer der dunkelsten unserer Vereinsgeschichte. Man wusste irgendwie schon auf dem Weg ins Stadion zum Spiel gegen Hannover, dass es diesmal böse enden könnte. Ein Bauchgefühl, dass wir Bochumer hatten und uns nicht täuschen sollte. Man verabschiedete sich mit einem Knall und viel Rauch aus der Bundesliga. Seitdem ist viel passiert…
In der folgenden Spielzeit 2010/11 gab es nur ein Ziel: Unter Funkel wollte man den direkten Wiederaufstieg packen. Nach einem eher durchschnittlichen Start konnte man im zweiten Saisonabschnitt eine Serie starten und sicherte sich mit Ach und Krach noch Platz 3.  Ja, und sogar Platz 2 war noch möglich am Tag des Auswärtsspiels in Osnabrück. In der Nachspielzeit brachte Freier einen Freistoß aus dem Mittelfeld in den Strafraum, Marcel Maltritz (Fußballgott) war zur Stelle und schoss die Bochumer in Führung. Was ein Jubel im weiten Rund! Als Saglik noch das 1:3 machte, brachen alle Dämme und der Sieg gegen einen schwachen MSV war für uns nur noch Formsache. Wir waren wieder wer.

„Eine neue Zeitrechnung“

Was in der Relegation geschah, braucht man nicht weiter erwähnen. Nach großen Kampf schaffte der VfL leider nicht die Rückkehr ins Oberhaus. Für Gladbach, das bis dato lange Zeit nur noch ein Verein im Niemandsland der Bundesliga war, brach hingegen eine neue Ära unter Favre an. Genau wie für uns. Die Fohlen spielten in den Spielzeiten darauf international, und wir…ja wir, wir waren Teil einer „dreckigen“ zweiten Bundesliga, in der auch  Traditionsvereine, wie wir es sind, keine Garantie mehr hatten, oben mit zu spielen.  Es gab und gibt keine schwachen Gegner mehr, die Liga rückte zusammen. Somit stand der VfL zwischen Anspruch und Wirklichkeit im luftleeren Raum. Die Realität hieß Abstiegskampf. Keine neuen, tollen Stammtischgeschichten, die wir stolz erzählen konnten, keine Bochumer Identifikationsfiguren wie einst. Es gab nur noch pure Angst, ganz von der Bildfläche zu verschwinden.

„Die große Show: Bundesliga“

Jahre zogen ins Land. Würden wir in einen Zeitraffer schauen, würden wir einen Schnäuzer auf der Bank sehen, einige Siege, viele Niederlagen, Hoffnung und Angst, ein Megatalent, dass uns verließ, Trainer, die scheiterten, Spieler, die kamen und gingen, einen kauzigen Niederländer, der auf Kriegsfuß mit der Bild ist und war, eine Spaltung der Fanszene, den Auf- und Abstieg des Christian Hochstätters und eine neue Hoffnung mit Schindzielorz und Dutt. Die Bundesliga, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Der Zirkus, der er einst war, ist mittlerweile eine große, internationale Show geworden. Die Gelder, die fließen, seien es Ablösesummen, Sponsorengelder und finanzielle Investments von Fonds, Unternehmen und Einzelpersonen sind für uns, Stand heute, so weit entfernt wie der Mars von der Erde. Man fragt sich, wie bitte sollen wir dort eine Nische finden, um konkurrenzfähig zu sein? Und wollen wir das überhaupt? Auf der einen Seite ist die Sehnsucht da und auch groß. Aber wollen wir auch die Begleiterscheinungen in Form von absoluter Kommerzialisierung dieser Liga in Bochum haben?

Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

„Wir sind jemand“

Und da stehen wir nun heute. Wir haben uns neu ausgerichtet und sind wieder wer- zumindest im Unterbau der Bundesliga! Die Ostkurve scheint sich neu zu finden nach den Verwerfungen innerhalb der Szene in der letzten Spielzeit. Der VfL steht auf gesunden Beinen mit einem Konzept und einer frischen, hippen Außendarstellung dar.
Wir sind der VfL Bochum, ein ehemaliger Bundesligist, der in der ewigen Tabelle auf Platz 13 mit 1129 Punkten steht. Wir können auf jedes Jahr in der Bundesliga stolz sein. Denn eines hatten wir nie – Geld. Nur diese Bundesliga, in der wir mitgespielt haben, existiert nicht mehr. Das muss jedem Blau-Weißen, der es mit dem VfL hält, bewusst sein. Uns muss bewusst sein, das wir eine tolle Geschichte haben, und das diese Geschichte, wenn auch anders, weiter erzählt wird. Natürlich geben Spiele gegen Heidenheim, Sandhausen und Co. nicht die Storys her wie die großen Duelle gegen unsere Nachbarn. Trotzdem gibt es einen Mittelweg, den wir versuchen müssen zu finden. Spiele gegen Duisburg, Union , Bielefeld und weitere Spiele auf Augenhöhe versprechen Emotionen und einen fairen Wettbewerb. Das Ziel dieser weiteren Zweitliga-Saison muss es sein, Bochum so gut wie es geht zu präsentieren und sportlich attraktiven Fußball zu zeigen. Die Menschen der Stadt müssen sich mit dem, was auf dem Platz passiert, identifizieren. Was am Ende dabei herum kommt? Das weiß dann nur der Fußballgott.

Und ja, sollten wir irgendwann einmal Gast in dieser großen Show, Bundesliga sein, freut es uns um so mehr, weil wir den Weg, der teil unseres Vereins ist, durch Himmel und Hölle mit gegangen sind.

 

Glück auf !

Sebastian Heise

Sebastian Heise

Ich halte dem VfL nun seit mehr als 23 Jahren die Treue. Eine Saison ohne Dauerkarte geht natürlich nicht. Ich bin durch und durch Lokalpatriot und kein anderer Verein und keine andere Stadt hat einen so großen und wichtigen Platz in meinem Herzen und Leben. Danke Papa. Gefühlt ist Bochum für mich immer noch ein Erstligist, so wie damals, als meine Jungs und ich die ersten Fahrten nach Bremen, Hamburg und wie sie nicht alle hießen auf uns genommen haben. Na ja, aber wie wir alle wissen ist seitdem wir zuletzt in einem Pflichtspiel auf Schalke oder Dortmund trafen viel passiert. Aber hey, auch das gehört nun zu unserer Geschichte. Dass ich Musik mache und auch Songs für unseren Verein geschrieben haben, erwähne ich mal dezent am Rande. Nun gehen wir in das neunte Zweitligajahr und die Motivation mit den Jungs in der Kurve zu stehen und tolles zu erreichen mit dem Verein ist ungebrochen. Wahre Liebe kennt halt keine Liga. Daher, immer vorwärts VfL.

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