Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Freunde sind niemals alleine: Zur Fanfreundschaft zwischen Bochum und den Münchnern

Timo Janisch ist gerne journalistisch unterwegs und Fan des VfL Bochum. Sein Herz hat er jedoch nicht komplett an den VfL vergeben. Auch dem FC Bayern München drückt er die Daumen und kam über die Fan-Freundschaft überhaupt erst zum VfL Bochum. In dem heutigen Gastbeitrag von Timo geht es folgerichtig um die (zum Teil gelebte) Fanfreundschaft zwischen dem VfL Bochum und dem FC Bayern München.

 

von Timo Janisch

München. Millionen-Metropole, Schickeria, hoher Lebensstandard. Bochum. Höchstens Pott-Metropole, Maloche und rau. Zwei Städte, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Auch die Fußballvereine der beiden Städte trennen sportlich zwar Welten, dennoch agieren sie seit jeher auf oberstem Niveau. Doch wie entwickelte sich ausgerechnet zwischen diesen beiden Vereinen eine innige Freundschaft?

Zunächst einmal muss festgehalten werden: Der FC Bayern München hat nach wie vor (2011 & 2012) eine Menge Fans im Ruhrgebiet. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Iris sind in Nordrhein-Westfalen 17% alles Fußball-Fans Anhänger des Rekordmeisters. Das sind logischerweise zwar weit weniger als von Borussia Dortmund (27%), überraschenderweise platziert man sich jedoch vor den Blauen aus Herne-West (13%).

Es bleibt festzuhalten: Trotz der hohen Vereinsdichte in NRW, speziell im „Pott“, unterstützen viele Menschen in einer Region mit einer hohen Bevölkerungsdichte Bayern München. Da der FCB nur zwei Mal jährlich im Ruhrgebiet und einmal mehr im Rheinland (Köln, Leverkusen und Gladbach) gastiert, sind regelmäßige Stadionbesuche rar gesät – und vor allem teuer.

Dem Spielbesuch liegen eine Menge Steine im Weg

Zudem ist die Ticketbeschaffung selten unkompliziert. Oft sind für den Gästebereich schon im Voraus deutlich mehr Bestellungen als verfügbare Karten zu erwarten, so dass die Eintrittskarten einfach verlost werden.

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Dass beispielsweise Dortmund alle „neutralen“ Karten im offenen Verkauf nur an BVB-Mitglieder abgibt, vereinfacht die Situation nicht gerade. Und einen Urlaub in München samt Stadionbesuch kann sich nicht jeder leisten – wobei Tickets dort auch nicht leichter zu erhalten sind. Einige Fans fangen deshalb an, sich nach Alternativen umzuschauen. Hier kommt der VfL Bochum ins Spiel.

Der VfL pflegt ebenso wie der FC Bayern eine innige Rivalität zu seinen beiden Nachbarn – auch wenn sich das Ganze in den letzten Jahren sportlich gesehen mehr als schwierig gestaltete. Wer aber die gleichen „Feinde“ hat, ist sich erst einmal sympathisch. Hört sich martialischer an, als der Fußball es verdient, ist aber wahr.

Zudem versprüht die Castroper Straße mit ihrer harten Ehrlichkeit eine nicht zu unterschätzende Attraktivität auf diese Zielgruppe. Schließlich kann man im Herzen gleichzeitig das Ruhrgebiet und einen Verein aus dem Süden tragen. Auch das Ruhrstadion mit seiner engen Bauweise und nicht selten feurigen Atmosphäre hat hier seinen Einfluss. Aber dazu später mehr. Denn die Freundschaft der beiden Vereine gibt es schon deutlich länger.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Bereits 1973 wurde das Fundament der freundschaftlichen Beziehungen gelegt. Der Auslöser dafür war damals jedoch ein eher unrühmlicher. Einige VfL-Fans sollen nach dem Bayern-Gastspiel „anne Castroper“ eine Gruppe der Rot-Weißen angegriffen haben. Die Gäste aus München hatten offenbar Probleme, sich zu verteidigen und so kamen ihnen die „Bochumer Jungen“ zur Hilfe. Die Bochumer Jungen sind der älteste Fanclub Deutschlands und in Bochum bis heute bekannt.

Die Zivilcourage wurde anschließend im stadtbekannten „Haus Frein“, einer Kneipe direkt am Stadion, betrunken. Seitdem hatte sich zunächst zwischen den beiden Gruppen, später zwischen größeren Teilen der beiden Fanlager eine positive Beziehung entwickelt.

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Ausgelebt wurde diese damals jedoch anders als heute. Viel mehr waren es private Freundschaften und Treffen im Rahmen der direkten Duelle, die aus dem Vorfall 1973 hervorgingen. Doch im Laufe der Jahre schlief die Verbindung mehr und mehr ein – vor allem in den Neunzigern. Die Akteure beider Fanlager änderten sich. 1997 kam es im Düsseldorfer Nachtleben sogar zu einem (gewaltsamen) Vorfall, der die Beziehungen schlagartig beendete.

Ultras beleben Beziehungen wieder

Erst knapp zehn Jahre später wurde die Freundschaft wieder aktuell – allerdings auf anderer Ebene. Die Ultra-Bewegung hatte in Deutschland Einzug erhalten. Bei einem Hobby-Turnier der Fanprojekte in Berlin trafen Mitglieder der Münchener „Schickeria“ und der „Ultras Bochum“ auf dem dazugehörigen Zeltplatz aufeinander und waren sich sofort sympathisch. Der Beginn der zweiten Episode von „Bayern und der VfL“ begann also wie schon 1973 mit dem einen oder anderen Bier.

Im Laufe der Jahre festigte sich das Bündnis immer mehr. 2005 folgte der erste Besuch von „Schickeria“-Mitgliedern bei einem VfL-Spiel im Süden der Republik. Diese Art der gegenseitigen Unterstützung wurde in den kommenden Jahren immer mehr ausgebaut. So schwappte die Sympathie für die Münchner in Bochum auch auf ganz normale Fans – vor allem im Stehplatzbereich – über, die mit den Ultras wenig bis gar nichts zu tun haben.

Kein Scherz: Attraktiver VfL

Im Gegenzug wurde der VfL Bochum für die Bayern-Fans im Revier attraktiver. Zu den genannten Aspekten Stadion, Stimmung und Mentalität kam eine gewisse Offenheit der Bochumer für diejenigen hinzu, bei denen der VfL nur die Nummer zwei ist. Im Zuge der mehr und mehr voranschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs wirkt ein Besuch im Ruhrstadion für viele, die nur den internationalen Spitzensport des FCB kennen, wie ein Ausflug in eine andere Zeit.

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Das Stadion befindet sich im Stadtzentrum, Tickets gibt es in der Regel zuhauf an der Abendkasse – und das zu deutlich erschwinglicheren Preisen. Halbzeit- oder Lasershows sucht man an der Castroper Straße 145 ebenfalls vergeblich. Es ist alles ein bisschen kleiner, ehrlicher.

Dem VfL Bochum bringt dies eine beschauliche, aber zu Zweitligazeiten samt gesunkener Attraktivität für junge Fans, nicht zu unterschätzende Generation neuer Fans ein. Vor allem Jugendliche, die ihren Stammverein nur sehr selten ohne größeren logistischen Aufwand lautstark unterstützen können, finden in der Bochumer Ostkurve ein neues fußballerisches Zuhause. Für zehn Euro pro Spiel können sie hier 90 Minuten Gas geben und einen Verein unterstützen, der sich mit ihrer eigentlichen Liebe nicht im Wege steht. Eine solide Alternative zu ellenlangen Auto- oder Zugfahrten und Tickets, die ein vielfaches kosten.

Bis heute umstritten

Nichtsdestotrotz ist die mittlerweile innige Beziehung beider Fanszenen in Bochum nicht unumstritten. Der langjährige VfL-Fan, Autor und Filmemacher Ben Redelings sagt, wenn man jemanden in Bochum anspreche, stünde die Chance bei Fünfzig zu Fünfzig, dass er die Fanfreundschaft gutheiße. Damit kommt er der Wahrheit sehr nahe.

Das Sitzplatzpublikum in Bochum tut sich schwer mit der Beziehung nach München. In der Ostkurve ist die Freundschaft akzeptiert, aber bei weiten nicht von allen gewünscht. Doch dass mittlerweile bei jedem VfL-Heimspiel einige Vertreter der Münchener Ultraszene und normale Bayern-Fans in der Kurve des VfL stehen, verwundert niemanden mehr. Auch Mitglieder der Bochumer Szene haben sich Bayern-Spiele inzwischen fest im Kalender notiert.

In Zeiten der Kommerzialisierung und dem in machen Teilen gewaltsamen und somit nicht besseren Protest der Fans ist die freundschaftliche Beziehung beider Vereine eine angenehm ruhige Erscheinung in der deutschen Fußballlandschaft.

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