Der VfL Bochum reagiert auf die qualitative Vakanz im Angriffszentrum. Mit der Leihe von Callum Marshall (21, West Ham United) kommt ein anderer Stürmertyp an die Castroper Straße, als wir bisher im Kader haben. Der Nordire ist kein Komplettpaket, sondern ein spezifischer Rollenspieler, der vor allem eine Aufgabe hat: Das Rösler-System gegen den Ball zu schärfen. Wir haben den Transfer basierend auf Daten und Video-Eindrücken analysiert. Eine gemeinsame Arbeit von Louis (X:@LouSc48) und Claudio Gentile.
Mit den bisher mehr als enttäuschenden Saisonverläufen der Neuverpflichtungen aus dem Sommer, Sissoko (9), Clairicia und Obafemi fehlte im Bochumer Sturmprofil neben Qualität ganz generell eine klare Komponente: Tiefe und Intensität. Philipp Hofmann steht für Physis und Wandspieler-Qualitäten, aber das Element der Geschwindigkeit ging dem VfL zuletzt ab.
Callum Marshall soll dieser Qualitätsanforderung und Komponente gerecht werden. Wer bei einem Premier-League-Talent jedoch technische Brillanz erwartet, dürfte überrascht werden.
Physisches Profil: Explosivität statt Wucht
Mit 1,72 Metern und einem schmalen Körperbau ist Marshall kein klassischer Zielspieler für die 2. Bundesliga. Zwar wirkt er für seine Statur durchaus stabil, doch mit dem Rücken zum Tor dürfte er gegen die physisch starken Innenverteidiger der Liga Probleme bekommen. Seine Waffe ist die Dynamik: Marshall ist auf den ersten Metern extrem explosiv. Er verfügt über eine hohe Endgeschwindigkeit, die ihn für das Umschaltspiel prädestiniert.
Taktisches Verhalten: Der „Lauernde“ an der Kette
Marshall agiert als klassischer Umschaltstürmer. Er positioniert sich fast durchgängig auf der letzten Linie der gegnerischen Abwehr und versucht, durch permanente Tiefenläufe die Innenverteidiger zu binden (“Pinning”).
Der Vorteil: Er zieht die Kette auseinander und schafft Raum im Rücken für nachrückende Mittelfeldspieler.
Das Risiko: Durch die hohe Frequenz seiner Läufe bewegt er sich naturgemäß regelmäßig an der Schwelle zum Abseits. Hier müssen Abstimmung und Timing perfekt sein für Ertrag. Aber gut, das Dingen mit dem Abseits sind wir ja in Bochum gewohnt und kennen es noch zu gut vom König des Bermuda-Dreiecks.

Technik und Ballbesitz: Licht und Schatten
In der technischen Bewertung zeigen sich deutliche Defizite, die eingeordnet werden müssen.
Ballbehauptung: Seine Ballannahme ist oft unsauber, der Ball verspringt häufig. Auch im Dribbling (“Carrying”) über längere Distanzen verliert er oft an Tempo und Kontrolle.
Einfüßigkeit: Marshall agiert fast ausschließlich mit links. Das macht ihn im 1-gegen-1 ausrechenbarer und in seinen Bewegungsabläufen teils etwas steif, da er sich Bälle oft umständlich auf den starken Fuß legen muss.
Die Stärke im Mangel: Interessanterweise resultiert aus diesen technischen Limits eine Stärke. Da er den Ball nicht lange halten kann, sucht er schnelle Lösungen. Sein “Link-Up-Play” (das Weiterleiten) per One-Touch ist erstaunlich gut. Für den schnellen, vertikalen Bochumer Umschaltfußball ist das wertvoller als ein Stürmer, der den Ball zu lange hält.
Abschlussqualität und Kopfballspiel
Im Strafraum agiert Marshall eher wuchtig als präzise. Ihm fehlt oft die Ruhe (“Composure”), den Torwart auszugucken; stattdessen sucht er den schnellen, harten Abschluss. In der Luft ist der Neuzugang faktisch kein Faktor. In der League One gewann er in der Saison 24/25 lediglich 16,42 % seiner Kopfballduelle. Hohe Flanken auf ihn sind im Zweitliga-Kontext daher wenig erfolgversprechend. Er muss flach oder in den Lauf angespielt werden.
Gegen den Ball: Der ideale Pressing-Stürmer
Der Hauptgrund für diesen Transfer dürfte in Marshalls Arbeit gegen den Ball liegen. Er gilt als unfassbar fleißig und aggressiv. Er scheut keinen Weg, geht bissig in die Zweikämpfe (manchmal an der Grenze zum Foul) und fungiert als Auslöser für das Pressing. Diese Intensität deckt sich zu 100 % mit der Philosophie von Uwe Rösler. Marshall ist bereit, die “Drecksarbeit” in der ersten Linie zu verrichten, was ihn trotz technischer Mängel wertvoll für das Mannschaftsgefüge macht.

Fazit: Ein Transfer für das System
Zusammenfassend lässt sich sagen: Callum Marshall ist – isoliert betrachtet – ein Zweitligastürmer mit klarem Stärken- und Schwächenprofil. Ihm gehen Physis im Zentrum, Beidfüßigkeit und Präzision im Abschluss etwas ab.
Aber: Im Kontext des Bochumer Kaders und der Spielidee von Uwe Rösler ergibt der Transfer Sinn. Der VfL brauchte keinen Ballverteiler, sondern einen schnellen Umschaltspieler, der die Tiefe attackiert und das Pressing anführt. Marshall ist ein “Rollenspieler”, der im richtigen System funktionieren kann. Er ist eine Investition in die Intensität des Bochumer Spiels. Willkommen in Bochum, Callum!
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