Nullnummer mit Kampf und Dampf

Viele Schüsse, keine Tore im Heimspiel gegen Paderborn

Feinste Wohnzimmeratmosphäre. Foto: Lukas Böll.
Feinste Wohnzimmeratmosphäre. Foto: Lukas Böll.

Der VfL Bochum und der SC Paderborn trennten sich am 22. Spieltag der zweiten Bundesliga unentschieden mit 0:0. Ein Ergebnis, das zunächst einen müden Kick vermuten lässt – tatsächlich jedoch einen äußerst lebendigen Fight mit hohem Unterhaltungswert beinhaltete.  Der Sonntag an der Castroper Straße hatte einiges zu bieten – auch ohne Tore. Nun können wir in Bochum etwas besser nachvollziehen, was es mit dem schon oft zitierten „Null zu null der besseren Sorte“ auf sich hat. Ein Resümee von Lennart Markmann, gepaart mit der taktischen Spielanalyse von Tobias Wagner.  

Atmosphärisch konnte sich der Start in den 22. Spieltag der zweithöchsten Fußballklasse des Landes in und über dem schönen Bochum sehen lassen. Schon am frühen Sonntagmorgen kribbelte es unter den Fußsohlen, als ich mir zum ersten grenzwertig stark dosierten Kaffee die Tore aus vergangenen Heimspielen gegen den SC Paderborn reinzog.  

Wenige Stunden später schien der Lorenz bei kernig frischen drei Grad vom moderat bewölkt blauen Himmel auf das Ruhrstadion hinab. Nach dem vergleichsweisen tristen Flair, welches wir in der Vorwoche auf der Münsteraner Baustelle erlebten, konnten wir uns nun wieder mit feinstem Hygge-Feeling im geliebten betonierten Wohnzimmer niederlassen.  

Die Vorzeichen für das von Uwe Rösler als “richtiges Brett prognostizierte Heimspiel gegen den Tabellenfünften aus Ostwestfalen standen schon einmal gut. Zumindest metaphorisch und emotional.

 

Ein Wechsel in der Startelf, der ins Auge sprang

Um den Bohrer auf eben jenem Brett anzusetzen, änderte der Coach die Startelf personell und systemisch in feinen Nuancen. Anstelle des zuletzt offensiv stark aufspielenden Callum Marshalls begann Mats Pannewig. Die weiteren zehn blau-weiß (in diesem Spiel – nicht unumstritten – schwarz) gekleideten Superstars standen schon am vergangenen Spieltag in Münster auf dem Rasen. 

Nach Abpfiff des Heimspiels gegen Paderborn begründete Rösler sowohl Marshalls Bankplatz, als auch die Systemumstellung. Wegen des zu erwartenden diagonalen Aufbauspiels der Gäste habe es für ihn „keinen Weg vorbei an der Fünferkette“ gegeben. Hinzu sei gekommen, dass Pannewig schlichtweg 23 Zentimeter größer als Marshall ist und Uwe dementsprechend einen relevanten Faktor darin sah, große Spieler als Mittel gegen die Standardstärke der Paderborner aufzustellen. 

 

Co-Darstellung des Spielverlaufs

Folgend stellen wir euch den Spielverlauf aus zwei subjektiven Perspektiven vor. Bei der kursiven Schrift handelt es sich um die Wiedergabe aus der Sicht des taktisch geschulten Auges von Tobias, der die Spiele bekanntermaßen professionell liest wie kein Zweiter. Die regulär geschriebenen Beobachtungen nahmen Lennarts Augen auf, welche vom bitterlich kalt durch das Ruhrstadion peitschenden Wind tränten und ein Fußballspiel eher emotional und atmosphärisch wahrnehmen.  

 

Auf wildes Treiben im ersten Durchgang …  

In der ersten Halbzeit fiel Cajetan Lenz im Spiel gegen den Ball zwischen die zwei Innenverteidiger in eine Fünferkette zurück. Somit entstand ein ‚5-1-3-1‘, das Paderborns ‚4-3-3‘ erfolgreich die Stirn bot. Der VfL konnte somit die hohen Achter und/oder asymmetrisch aufrückenden Außenverteidiger der Ostwestfalen aufnehmen, ohne in Situationen zu geraten, in denen man den Gästen defensiv in Gleich- oder Unterzahl auf der letzten Linie begegnete.

Das funktionierte im Spiel gegen den Ball gut. Im Umschaltspiel in Richtung Offensive fehlten jedoch die ballnahen Optionen im Zentrum, um sich direkt zu befreien. Zusammen mit dem tief stattfindenden Pressing konnte Paderborn so zunächst Druck in der Bochumer Hälfte aufbauen und viel Ballbesitz sammeln.

Ab der 25. Minute presste der VfL höher und auch Lenz verblieb im ersten Pressing im Mittelfeld, wich weniger/nicht mehr in die Verteidigung zurück. So sahen wir wieder das übliche ‚4-2-3-1‘, das häufig sogar in ein aggressiveres ‚4-1-3-2‘ verschoben wurde. Dies geschah in erster Linie dann, wenn Francis Onyeka und Pannewig/Lenz weiter vorrückten. In diesem Fall wurden die beiden Innenverteidiger von Paderborn direkt zugestellt. Somit kam es zu vielen Ballgewinnen und sehr vielen Kontern zu unseren Gunsten. Paderborn verlor hingegen völlig die Sicherheit.

Im Ballbesitz spielte Bochum im ‚4-2-3-1‘ leicht asymmetrisch. Koji Miyoshi rückte weit ins Zentrum ein und zog nur dann auf den Flügel hinaus, wenn Leandro Morgalla tief im Ballbesitz war. Ansonsten kippte auch Lenz oft nach rechts neben/zwischen Noah Loosli und Philipp Strompf, sodass Morgalla die freie rechte Bahn besetzen konnte. Auf der linken Seite stand Gerrit Holtmann breiter und höher.

Er lauerte permanent auf Bälle von Maximilian Wittek, Philipp Hofmann und Onyeka, die diese hinter die Abwehrkette der Paderborner spielten und ihm die Möglichkeit zum Durchbruch über den linken Flügel gaben. Mit Miyoshi, Onyeka, Pannewig und Hofmann gab es ergänzend permanente Optionen im Raum zwischen Paderborns Ketten (Mittelfeld und Abwehr). Von dort aus konnte der VfL ebenfalls Angriffe einleiten.

Ergänzend (oder konträr – sucht es euch aus) zum Adlerblick von Tobias sah ich einfach einen munteren Kick, der zunächst fünfzehn Minuten brauchte, um ins Rollen zu kommen. 

Die erste Viertelstunde des Spiels gestalteten die Gäste aus Paderborn mit einem Übergewicht an Ballbesitz, aus dem wenig bis gar nichts Nennenswertes resultierte. Von Minute sechzehn an gelang es dem VfL, in regelmäßiger Frequenz teils große Chancen und Torabschlüsse zu erspielen. So etablierte sich bis zum Halbzeitpfiff ein wiederkehrend auftretendes Bild.  

Auf diesem Bild sahen wir immer und immer wieder Paderborns Keeper Dennis Seimen, der den Einschlag der Kugel im Netz der Ostwestfalen verhinderte. Dies tat er nach Schlenzern und Vollspannschüssen von Myoshi auf das lange Eck und die Tormitte. Ebenso nach Abschlüssen von Philipp Hofmann von der Strafraumkante und nach Versuchen von Gerrit Holtmann, den Ball, vom linken Flügel hereinziehend, im kurzen oder langen Eck unterzubringen. Unsere Jungs droschen den Ball wieder und wieder auf das Tor und Seimen hielt ihn. Jedes verdammte Mal.  

Hätte gerne mal zwei Dinger machen können: Philipp Hofmann. Foto: VfL Bochum

Auch ein zunächst von Schiedsrichter Tom Bauer gepfiffener Handelfmeter, der nach VAR-Check aufgrund eines vorherigen Fouls zurückgenommen wurde und ein auf die Latte tropfender Kopfball von Ostwestfalenangreifer Steffen Tigges änderten nichts daran, dass die Teams beim Stand von 0:0 in die Kabinen gingen.  

 

… folgte wildes Treiben im zweiten Durchgang 

Die zweite Hälfte setzte sich exakt in dem Maße fort, in dem die erste ihr Ende fand. Bochum presste weiter hoch, nun oft auch in Form eines ‚4-2-2-2‘. In diesem schob sich Miyoshi von rechts nach vorn neben Hofmann, während sich Holtmann tiefer einordnete. Zwischenzeitlich gab es eine kurze Phase mit ein paar Situationen für Paderborn, da unseren Jungs einfachere Passfehler im Umschaltspiel unterliefen. Nach dieser Phase erlebten wir jedoch unmittelbar ein erneutes Chancenfestival für den VfL.

Auf dieses reagierte Paderborn in der 64. Minute mit der systemischen Umstellung auf ein ‚5-2-3/3-4-3‘. Das beruhigte das Spiel deutlich. Auf Bochumer Seite übernahm der mittlerweile eingewechselte Marshall die Rolle von Miyoshi nahezu identisch – auch, wenn es ihm im Anschluss an die Umstellung der Gäste leider in weniger Situationen gelang, gefährliche Spielsituationen zu kreieren.

Nach dem Dreifachwechsel in der 74. Spielminute (Kjell Wätjen, Oliver Olsen und Marcel Sobottka betraten den Rasen) positionierte sich Wätjen im rechten Offensivbereich und Marshall kehrte in den linken Halbraum zurück, den er in den vorherigen Spielen beackerte. Sobottka und Olsen ersetzten Lenz und Morgalla positionsgetreu. Besondere Impulse konnte jedoch, um es knapp und klar zu benennen, keiner der drei setzen.

In Minute 82 wurde Erhan Masovic für Pannewig eingewechselt. Er übernahm die Hybridrolle zwischen der Sechs und der Innenverteidigung, die Lenz in den ersten 25 Minuten einnahm. Im Ballbesitz bespielte Erhan die nach rechts verlagerte Sechs, sodass Sobottka sich offensiver in den ‚box-to-box-Bereich‘ orientieren konnte. In verteidigenden Situationen gegen den Ball rückte Masovic als zusätzliche Absicherung in die Fünferkette zurück. Nachdem beide Teams in den letzten Spielminuten im ‚5-4-1‘ agierten, entstand von da an eine deutlich kleinere Zahl an Torchancen.  

Auf Grundlage der Einwechslung Masovics erlebten wir wahrscheinlich erstmals, dass Uwe Rösler sich in der Schlussphase eines Spiels für einen Sicherheitswechsel entschieden hat. Eventuell (oder vermutlich) wollte er so dem klassischen Schicksal des bitteren (und vermeintlich unverdienten) späten Gegentores, welches hervorragend zum Slogan „was du vorne nicht machst, das kriegste hinten“ gepasst hätte, entweichen.

So viel zum Professionellen. Ich sah auch im zweiten Abschnitt kaffeetrinkend und zunehmend ungeduldiger werdend ein Spiel, welches gut anzuschauen war. Kaum war die Halbzeit angepfiffen, schoss Holtmann wieder auf das Tor. Wenig später traf Mika Baur nach einer Ecke beinahe für die Gäste und Onyeka drosch die Kugel postwendend am Paderborner Tor vorbei ins Fangnetz vor der Ostkurve. 

Kam “dank” Dennis Seimen leider nicht zum jubeln: Gerrit Holtmann. Foto: VfL Bochum

In dieser intensiven Frequenz ging es weiter. Hochkaräter hüben, Hochkaräter drüben. Pannewig, Holtmann, Hofmann, Marshall, Miyoshi, Onyeka – jeder durfte mal drauf ballern. Eins war und blieb konstant: die unfassbar sichere Präsenz von Dennis Seimen auf der Linie. Ohne einen einzigen Stellungsfehler oder Fehlgriff war der Mann zur Stelle. Ein letztes Mal knallte Wittek den Ball in Minute 94 auf das Tor. Natürlich parierte Seimen.

Wieder und wieder flogen die Hände im Verlauf des zweiten Abschnitts auf den Rängen, in von Unfassbarkeit getriebenen Bewegungen, über die Köpfe und durch die Luft. In Richtung Flutlicht, Stadiondach, der eigenen Mütze, zum Fiegebecher oder sonst wo hin. Jedes Mal wurde, mit zunehmender Lautstärke und Ungeduld, geraunt. Der Ball ging dadurch leider nicht ins Tor, es blieb beim torlosen 0:0.

 

Ein grundsätzlich akzeptables Endergebnis, das dennoch für Kopfschütteln sorgt

Nach Darmstadt, Elversberg und Schalke gelang es unseren Jungs und Rösler nun auch, gegen den SC Paderborn mindestens einen Punkt zu erspielen. Zuletzt in neun Spielen in Reihe und gegen die Top-Vier der Tabelle (und Münster) ungeschlagen – das ist vollends in Ordnung. Hätte uns nach den fünf blutleeren Auftritten zum Saisonauftakt jemand das Szenario vorgelegt, in dem wir im Februar 2026 auf dem neunten Tabellenplatz stehen und gegen keines der Topteams punktlos vom Rasen kriechen – wir hätten es zweifelsohne alle unterschrieben. 

Kommen wir nun zum großen „aber“, welches statistisch niedergeschrieben ist und sich nicht beschönigen lässt: 22 : 7 Torschüsse, 2,24 : 0,39 xGoals und 0:0 Tore. Eine Statistik, auf Grundlage derer in regelmäßigen Abständen Ikea-Tische und Playstation-Controller auf bestialische Art und Weise in Wohnzimmern ihr Leben lassen. Da kann der Gegner auch Real Madrid heißen – von 22 Torschüssen, unter anderem aus 4,75 Metern Distanz zum Tor,  gehört mindestens einer in die Kiste! 

 

Und wieder das ethische Duell: Gelingen des Einen gegen Scheitern des Anderen

Laut der ‚Bild‘ „unbezwingbar, für die ‚Sportschau‘ der Grund für die „Bochumer Verzweiflungund dem ‚Kicker‘ zufolge ein „Hexer, der seinen maßgeblichen Anteil an der „absurden Nullnummer“ hatte. 226 Punkte bei Kickbase, „Man of the Match und ein Gerrit Holtmann, der ihm die Tauglichkeit für Liga eins zusprichtDer 15.02.2026 war – da lehne ich mich ohne tieferes Fachwissen aus dem Fenster – einer der größten Tage im Sportlerleben von Dennis Seimen. Meine Glückwünsche für diese überragende Leistung.

Und dennoch darf nicht unerwähnt bleiben, dass es unseren Jungs schlichtweg nicht gelang, den Ball ins Tor zu schießen. An Gelegenheiten und aussichtsreichen Positionen hat es sicher nicht gemangelt. 

Ja – die Paraden waren bombastisch. Aber: Hatten die Abschlüsse unseres VfL die ausreichende und notwendige Präzision und Technik? Hatten sie den Biss und die Vehemenz, die es im Profisport braucht, um den zum Greifen nahen Heimsieg gegen einen Gegner aus der Spitzenregion der Tabelle einzufahren? Hätte Marshall durch ein längeres Mitwirken eventuell einen feineren Riecher als die von Beginn an Gestarteten gehabt? 

Fragen über Fragen, deren Antwort wir nie erfahren werden.

 

Mund abwischen und die Woche intensiver Torabschlüsse trainieren

Ich persönlich komme zu dem Schluss, dass insgesamt nach wie vor alles im Lack ist. Neunter Tabellenplatz, seit neun Spielen unbesiegt, attraktive Heimspiele unter beißendem Flutlicht an der Castroper Straße vor der Brust und der Beweis, dass Uwe Rösler fähig ist, der Mannschaft mit personellen und systemischen Änderungen Leben und Variation einzuhauchen. Das ist völlig in Ordnung so. 

Vor allem, wenn man sich nochmal bewusst vor Augen führt, welche positive Entwicklung der VfL seit der Amtsübernahme von Rösler im Saisonverlauf genommen hat und weiter nimmt. Seine Entscheidung, Pannewig zur defensiven Stabilisierung für Marshall zu bringen, wirkt rückblickend vertretbar. Vielleicht hätte Marshall die erlösende Bude erzielt. Vielleicht hätte Pannewigs fehlen aber auch dazu geführt, dass ein Paderborner Standard hinter Timo Horn im eigenen Tor eingeschlagen wäre.

Nun bleiben dem Team vier Tage, um sich intensiv auf das am Freitagabend bevorstehende Heimspiel gegen den FC Nürnberg vorzubereiten und zu überlegen, wer anstelle der gelbgesperrten Myoshi und Strompf mitwirken wird. Die Franken wiederum überholten uns an diesem Spieltag in der Tabelle und sprangen auf Platz acht. Es scheint, als hätte das Team von Miroslav Klose wieder in die Spur gefunden.

Zeit, an der Castroper Straße dafür zu sorgen, dass der FC Nürnberg aus dem ruhigen Fahrwasser in Richtung eines unangenehmen und punktlosen Wellengangs gedrängt wird. Und auch die vermutlich mitreisenden Fanfreunde der Clubberer aus Gelsenkirchen zum zweiten Mal in kurzer Zeit im Ruhrstadion keinerlei Grund für Freude erhalten. 

Vielleicht lässt Uwe die Jungs, ergänzend zu seinen solide fruchtenden Ideen, nochmal verstärkt Abschlüsse im eins gegen eins trainieren – schaden würde es definitiv nicht. 

 

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Autor: Lennart Markmann

Am 19.02.2005 stand ich erstmals in der Ostkurve. Die geschenkte Karte eines Bekannten öffnete mir damals die Tür zu Block O links. Drei traumhaft rausgespielte Buden von Zwetschge Misimovic, Raymond Kalla und Tommy Bechmann sorgten dafür, dass der SC Freiburg punktlos aus der Stadt und der VfL nicht mehr aus meinem Herzen verschwand. Seitdem genieße ich die Höhen und Tiefen als Bochumer Junge. Lange Zeit in der Ostkurve stehend, anschließend in Block H1 sitzend und mittlerweile mit 34 Jahren auf dem Altherrenplatz in Block M1.

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Einsachtvieracht x Tief im Westen #012: Taktik, Transfers und Tabelle: Entwicklungsschritte beim VfL Bochum