Der VfL Bochum nutzt das Winterfenster früh für eine gezielte Kaderanpassung. Mit Mikkel Rakneberg wechselt ein 23-jähriger Norweger von Kristiansund BK an die Castroper Straße. Ablösefrei und ursprünglich offensiv ausgebildet, soll er den Druck auf Maxi Wittek erhöhen. Wir haben den Transfer basierend auf Daten und Video-Eindrücken analysiert. Eine gemeinsame Arbeit von Louis (X:@LouSc48) und Claudio Gentile.
Die Verpflichtung von Mikkel Rakneberg folgt einem klaren Muster: Ein junger, entwicklungsfähiger Spieler, dessen Vertrag ausgelaufen ist und der athletische Voraussetzungen mitbringt, die im aktuellen Kaderprofil unterrepräsentiert sind. Rakneberg ist vor allem ein Transfer mit Perspektive.
Wer ist der Neue? Rakneberg spielte in der Jugend und im frühen Seniorenbereich als Stürmer oder im linken Mittelfeld. Erst gegen Ende der Saison 2023 wurde er bei Kristiansund BK konsequent zum Linksverteidiger umgeschult. Diese Umschulung prägt sein gesamtes Spielprofil: Seine offensiven Fähigkeiten sind auffallend gut, während das defensive Grundhandwerk noch einen „Reifeprozess“ benötigt.
Athletik und Physis: Gardemaß für die Außenbahn
Mit 1,87 Metern ist Rakneberg für einen Außenverteidiger überdurchschnittlich groß. Er verbindet diese Statur mit einer hohen Endgeschwindigkeit und einem starken Antritt. Diese Kombination aus Körperlichkeit und Tempo ist sein größtes Asset und prädestiniert ihn für den Umschaltfußball, wie ihn Uwe Rösler bevorzugt.
Das Spiel mit Ball: Progression und Entscheidungsfindung
In der norwegischen Eliteserien war Rakneberg statistisch eine Ausnahmeerscheinung in Sachen Spielvortrag. Er war der progressivste (d.h. der in Ballbesitz die Distanz zum gegnerischen Tor am häufigsten verkürzende) Linksverteidiger der Liga und dominierte das U23-Ranking deutlich.
Progressive Pässe: 10,1 pro 90 Minuten.
Progressive Läufe (Carries): 2,7 pro 90 Minuten.
Diese Werte belegen seinen Drang, das Spiel nach vorne zu tragen. Technisch zeigt er sich dabei sauber: Seine Ballannahme ist gut, das Kurzpassspiel präzise.

Die Einschränkungen unter Druck: Auffällig ist jedoch, dass Rakneberg unter Gegnerdruck oft statisch wirkt. Er benötigt mitunter zu viel Zeit für die Entscheidungsfindung. In der Eliteserien blieb dies oft ungestraft, in der zweiten Bundesliga könnte er häufiger Probleme bekommen. Wenn er gepresst wird, leidet die Präzision seiner langen Bälle spürbar. Zudem nutzt er seine technischen Anlagen taktisch noch nicht optimal. Anstatt freie Halbräume im letzten Drittel selbstbewusst zu belaufen, wählt er oft die Sicherheitsvariante (Abspiel auf den Flügel). Hier liegt Potenzial.
Flankenverhalten: Im letzten Drittel zeigt sich ein differenziertes Bild. Seine Halbfeldflanken sind statistisch und optisch ineffektiv und ungenau. Zieht er jedoch mit Tempo zur Grundlinie, werden seine Hereingaben gefährlich. Er variiert dort gut zwischen hohen Bällen und scharfen Rückgaben. Die taktische Marschroute muss also für ihn lauten: Weg vom Halbfeld, hin zur Grundlinie.
Das Spiel gegen den Ball: Solide Quote, technische Mängel
Defensiv liefert Rakneberg solide Zahlen (65,2 % gewonnene Defensivduelle, Top 18 % in Norwegen), doch die qualitative Analyse offenbart Arbeitsbedarf.
Zweikampfführung: Trotz seiner fast 1,90 Meter nutzt er seinen Oberkörper zu selten. Er verteidigt primär mit den Beinen, was gegen physisch starke Stürmer riskant ist. Ihm fehlt hier noch die nötige körperliche Robustheit im direkten Kontakt.
Stellungsspiel: Er tendiert dazu, zu weit vom Gegenspieler entfernt zu stehen. Dieses fehlerhafte Abstandsverhalten führt dazu, dass sein Timing beim aktiven Rausrücken in den Zweikampf oft nicht stimmt.
Luftduelle: Solange er unbedrängt zum Kopfball gehen kann, ist sein Timing exzellent. Wird er jedoch im Sprung körperlich attackiert, verliert er an Stabilität.
Fazit und Einordnung
Mikkel Rakneberg ist eine logische und risikoarme Ergänzung für den Kader.
Kaderstruktur: Er schließt die Lücke hinter Maxi Wittek. Bisher gab es keinen klaren zweiten Linksverteidiger im Kader. Dazu hat er ein Stärkenprofil, was auf die linke Schiene passt, sollte Rösler doch wieder mit einer Dreierkette experimentieren wollen. Auch wenn Wittek sich seit der Amtsübernahme von Uwe Rösler mehr als stabilisiert hat, Konkurrenz belebt das Geschäft.
System-Fit: Für den Umschaltfußball unter Rösler bringt er die nötige Dynamik mit. Seine Schwächen (Stellungsspiel, Entscheidungsfindung unter Druck) sind typisch für umgeschulte Angreifer und durch Training adressierbar.
Der VfL Bochum bekommt einen „Rohdiamanten“ mit starken athletischen Grundlagen. Gelingt es dem Trainerteam, sein Defensivverhalten körperlicher zu gestalten und seine Entscheidungsfindung zu beschleunigen, kann Rakneberg mehr werden als nur ein Backup. Vorerst ist er jedoch eine sinnvolle Verbreiterung des Kaders mit klarem Entwicklungspotenzial.
Willkommen in Bochum, Mikkel.
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