Kommentar: Ein Lächeln in harten Zeiten

20 Punkte nach 11 Spieltagen. Wer hätte das am Anfang der Spielzeit gedacht? Der VfL macht aktuell einfach nur Spaß. Ein Kommentar. 

Mitte Oktober bis Anfang Dezember sind in der Regel die Monate für einen Fan des VfL Bochum, in denen man nach einem ordentlichen Start, dem zarten Pflänzchen Hoffnung auf eine gute Saison, ziemlich schonungslos auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Der „Bochumer Herbst“ war in den letzten Jahren eine Erscheinung, auf die man sich nach subjektivem Empfinden stets verlassen konnte. Doch in diesem Jahr scheint es anders. Nach der schwachen Leistung vor der Länderspielpause gegen Fürth war sicherlich bei dem ein oder anderen die Befürchtung da, dass dieses Jahr genauso wird wie jedes andere. Doch was die Mannschaft seitdem zeigt macht einfach Spaß. 

Dass man mal die Art und Weise unserer blau-weißen Truppe über einen längeren Zeitraum als einzeln betrachtete 90 Minuten lobt, ist lange her. Eine klare Struktur, eine wunderbar identifizierbare Spielidee, sitzende Laufwege und Verschiebungen der ganzen Mannschaft, die einfach zueinander passen. Wenn man sich recht erinnert – eine solch dominante Handschrift eines Trainers gab es zuletzt unter Gertjan Verbeek – und das ist schon eine ganze Weile her. Reis schafft es aktuell wahnsinnig gut, der Mannschaft ein Konzept an die Hand zu geben, das hervorragend auf das vorhandene Spielmaterial passt. Hatte man vor nicht all zu langer Zeit noch dezente Angst, dass nach Freitagsspielen das ganze Wochenende versaut ist, hat man heute selbst nach Niederlagen wie gegen Kiel das Gefühl, dass die Mannschaft eigentlich gut gespielt hat, aber sich mit 2 Minuten ohne Konzentration einfach nur selbst um den Lohn gebracht hat – Mund abwischen und weitermachen. 

Wenn man etwas kritisieren will – und das ist kritisieren auf wahnsinnig hohem Niveau – dann, dass Reis wegen dem in diesen Jahr extrem harten Spielplan die Belastungssteuerung ggfs. noch mehr im Blick haben muss. Dauerläufer dürfen nach einer 3-0 Führung gerne früher raus. Mir ist auch klar, dass man nicht wie in einem Testspiel mal eben 5x durchwechseln kann. Trotzdem würde ich mir hier noch ein konsequenteres Vorgehen wünschen.

Drei Spiele gibt es noch vor der Winterpause – wenn man die paar Tage Pause denn so nennen mag. Der VfL kann sich in diesen 3 Spielen, 2 in der Liga, eines im Pokal, exzellent für die Spiele im neuen Jahr positionieren. Erstaunlich, wie fußballerisch stabil und erfolgreich unser Verein bisher durch dieses mehr als chaotische Jahr gekommen ist. Ja, es ist nur Fußball und die unwichtigste Nebensache der Welt, vor allem wenn man sieht, was gerade sonst so in der Welt passiert. Trotzdem, der VfL sorgt ein Stück weit dafür, dass man trotz aller Umstände die Belastungen des neuen Lockdowns vielleicht ein kleines bisschen besser aushalten kann und der ein oder andere Fan, der aktuell vielleicht auch aufgrund existenzieller Nöte eine wahnsinnig harte Zeit hat, zumindest für 90 Minuten am Wochenende und beim Blick auf die Tabelle ein kurzes Lächeln auf den Lippen hat.

Autor: Claudio Gentile

Als gebürtiger Bochumer wurde ich das erste Mal im zarten Alter von sechs Jahren ins Ruhrstadion geschleppt. Der VfL verlor. Was auch sonst. Trotzdem ließ mich der Verein nicht mehr los und spätestens als ich ein paar Tage nach meinem ersten Stadionbesuch das legendäre Papagei-Trikot mit einem "Peter Peschel"-Flock überstreifen durfte, war es um mich geschehen. Das ist jetzt 26 Jahre, wenig Siege und viele Niederlagen her. Wo die Liebe im Fußball hinfällt, kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen. Und eine Liga kennt Liebe auch nicht.

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