Er war Teil der Revolution

Eine Legende feiert Geburtstag: Thomas Stickroth wird 55

Er trug sieben Spielzeiten lang das Trikot des VfL, lebte 20 Jahre in Bochum und sagte vor gut einem Jahr im Interview mit „einsachtvieracht“ über seine Verbundheit mit dem VfL: „Das hat nie aufgehört“. An diesem Ostermontag feiert der Mann, den die VfL-Fans bis heute als Fußballgott verehren, seinen 55. Geburtstag. Ein schöner Anlass, an seine Zeit im blau-weißen Trikot zu erinnern. Alles Gute, Thomas Stickroth!

Wenn man die Geschichte von Thomas Stickroth beim VfL Bochum erzählen will, darf man eine andere Person nicht unerwähnt lassen. Denn es war Klaus Toppmöller, der im Sommer 1995 beim VfL eine Revolution einleitete, im Rahmen derer Thomas Stickroth den Weg zur Castroper Straße fand. Im November 1994 hatte Toppmöller den sehr beliebten, aber schlussendlich glücklosen Coach Jürgen Gelsdorf abgelöst. Trotz einer respektablen Rückrunde konnten der Pfälzer und seine Mannschaft die übernommene Hypothek nicht ablösen und den zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte verhindern.

Mit Präsident Werner Altegoer und Manager Klaus Hilpert hatte Toppi jedoch zwei Männer an seiner Seite, die felsenfest hinter ihm standen und seinen Weg mitgingen. Der Weg sollte den VfL vom kampfbetonten zum spielerischen Fußball führen und somit zum direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga. Dazu wurde in der Transferperiode 1995 der halbe Kader ausgetauscht. Zu den Neuzugängen zählten u. a. Torsten Kracht, Thomas Reis, Uwe Gospodarek, Peter Közle, Mathias Jack und eben Thomas Stickroth. „Ich kann einem Fußballspieler das Kämpfen beibringen, aber nicht einem Kämpfer das Fußballspielen“, lautete das Credo von Klaus Toppmöller, nach dem er den Kader zusammenstellte.

Thomas Stickroth beim Spiel der Traditionsmannschaften des VfL und des BVB im März 2011. Foto: Stephan Kottkamp.
Thomas Stickroth beim Spiel der Traditionsmannschaften des VfL und des BVB im März 2011. Foto: Stephan Kottkamp.

Viel Überzeugungsarbeit notwendig

Einer dieser Spieler war der damals 30-jährige Thomas Stickroth. Nach zahlreichen Stationen im In- und Ausland stand der gebürtige Stuttgarter beim 1. FC Saarbrücken unter Vertrag. Sein Ruf war nicht der beste und so war es nicht verwunderlich, dass Toppmöller ein dickes Brett zu bohren hatte und eine gehörige Portion Überredungskunst benötigte, um diesen Transfer gegenüber Altegoer und Hilpert durchzusetzen. Im Nachhinein muss man attestieren: Es hat sich gelohnt und es war eine goldrichtige Entscheidung! Denn von Beginn an spielte Stickroth eine tragende Rolle in der in Bochum neu eingeführten Viererabwehrkette. Neben ihm agierten mit Tomasz Waldoch und Torsten Kracht zwei Innenverteidiger, die in der 2. Liga ihresgleichen suchten. Links verteidigte der heutige VfL-Trainer Thomas Reis.

In der Aufstiegssaison 95/96 absolvierte Stickroth 33 von 34 Spielen und erzielte dabei drei Treffer. Es dauerte nicht lange, bis sich Stickroth dank seiner spektakulären Spielweise in die Herzen der VfL-Fans kickte und den Spitznamen Stickinho verpasst bekam. Nicht nur die Siegermentalität, die er auf und neben dem Platz ausstrahlte, sondern auch die von ihm zelebrierten Übersteiger, ließen ihn zum Publikumsliebling werden. Die männlichen Fans liebten seine filigrane Technik, die weiblichen Fans schwärmten für den „schönsten jemals in Deutschland geborenen Spieler“ (Zitat von Uwe Fellensiek). A propos Übersteiger: So gern gesehen diese bei den Fans waren, so differenziert wurden diese in der Mannschaft betrachtet. Rein van Duijnhoven erinnert sich mit einem Augenzwinkern: „Und dann wollten immer alle den Übersteiger sehen, war natürlich total überflüssig von ihm, das zu machen, aber er wollte die Fans immer begeistern.“ Auch deswegen schallten immer wieder die „Fußballgott“-Sprechchöre durchs Ruhrstadion.

Nach dem souveränen Aufstieg in die Bundesliga folgte die bislang erfolgreichste Saison in der langen Vereinshistorie. Mit attraktivem Offensivfußball stürmte der VfL auf Platz 5 der Bundesliga und qualifizierte sich erstmals für den UEFA-Cup. Neben Kapitän Dariusz Wosz gehörte der Mann mit der Rückennummer 2 zu den Stützen der Mannschaft. Er beschrieb diese Zeit mal mit den Worten: „Es war wie ein Rausch!“

Vielleicht das größte Spiel von Stickinho während seiner Zeit beim VfL. Foto: Stephan Kottkamp.

Dem Rausch folgt die Ernüchterung

Im September 1997 kam es zum unvergesslichen Spiel gegen Trabzonspor. Kurz zuvor hatte Stickroth sich verletzt und drohte gegen den türkischen Spitzenclub auszufallen. Trainer Toppmöller ließ die Öffentlichkeit im Glauben, er müsse auf den Rechtsverteidiger verzichten. Doch als die Mannschaft zum Warmmachen ins Stadion einlief, war der Mann mit der schwarzen Matte dabei und stand sogar in der Startelf. Sein Tor zum 1:0 und der Rest des Abends sind legendär.

Dem Rausch folgte nur wenige später die Ernüchterung. Es war der 12. Spieltag und der VfL trat beim Nachbarn in Gelsenkirchen an. Nach einer knappen Stunde musste Stickinho verletzt ausgewechselt werden. Tage später die Diagnose: Kreuzbandriss. Es dauerte 16 Monate, bis er auf den Platz zurückkehren konnte. Freilich hatte sich während seiner Verletzungszeit die Situation beim VfL verändert. Der Rausch war verflogen, es herrschte mal wieder der Abstiegskampf. Im Mai 1999 stieg der VfL zum dritten Mal aus der Bundesliga ab und Klaus Toppmöllers Zeit in Bochum ging zu Ende.

Neuer VfL-Trainer wurde Ernst Middendorp, der in seiner kurzen Amtszeit auf den Routinier Thomas Stickroth setzte. Auch unter Middendorps Nachfolgern Ennatz Dietz und Ralf Zumdick war Stickroth Stammspieler und stieg im Jahr 2000 schließlich zum zweiten Mal mit dem VfL in die Bundesliga auf. Es folgten der erneute Ab- und der direkte Wiederaufstieg. Nach Rolf Schafstall und noch mal Ennatz Dietz verpflichtete der VfL Peter Neururer, unter dem Thomas Stickroth bereits beim 1. FC Saarbrücken gespielt hatte. Mit nunmehr 37 Jahren und nach vielen Verletzungen spielte der Fußballgott nur noch eine ergänzende Rolle beim VfL und beendete im Frühjahr 2002 seine aktive Karriere.

Thomas Stickroth und Marcel Maltritz im Mai 2016 bei der Präsentation der Legenden-Elf. Foto: Stephan Kottkamp.

Fans wählen ihren Stickinho in die Legenden-Elf

Auch nach seiner Laufbahn als Spieler blieb er Bochum treu. Er arbeitete bei mehreren Vereinen als Co- bzw. Mentaltrainer, so z. B. beim Wuppertaler SV, bei Westfalia Herne und beim FC St. Pauli. Im Jahr 2016 wählten die VfL-Fans Thomas Stickroth in die Legenden-Elf. Deshalb steht er nun in einer Reihe mit Spielern wie Ata Lameck, Hermann Gerland oder auch Dariusz Wosz und schmückt sein Bild eine der Säulen zwischen dem Stadion und der Geschäftsstelle.

Nach Stationen beim FSV Frankfurt, dem FC Vaduz und dem FC Ingolstadt arbeitet Stickinho seit November 2019 als Co-Trainer von Jens Keller beim 1. FC Nürnberg, der sich in dieser Zeit etwas Luft im Abstiegskampf verschaffen konnte und knapp vor dem VfL in der Tabelle rangiert. Und so steht zu hoffen, dass es in der kommenden Saison – wann auch immer diese starten wird – zu einer Rückkehr von Stickinho ins Ruhrstadion geben wird. Die Freude wäre auf beiden Seiten groß.

In diesem Sinne, herzlichen Glückwunsch, alles Gute und auf bald im Ruhrstadion!

Stephan Kottkamp

Stephan Kottkamp

Meine Liebe zum VfL hat ganz klassisch angefanegen. Im Mai 1986 hat mich mein Vater zum ersten Mal mit ins Ruhrstadion genommen. Der VfL spielte gegen die Bayern und holte ein 1:1-Unentschieden (Tore: Frank Benatelli und ein gewisser Lothar Matthäus). Seither war ich unzählige Male im Ruhrstadion und erinnere mich am liebsten an die Zeit unter Klaus Toppmöller. Auch deshalb zählt Fußballgott Thomas Stickroth für mich zu den größten VfLern aller Zeiten.

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