Die Sicht des Gegners: 10 Fragen zum FC Bayern

Da ist es, das Spiel des Jahres! Der VfL Bochum empfängt am Dienstag in der zweiten Runde des DFB-Pokals den FC Bayern München im heimischen Ruhrstadion. Vor dem großen Spiel habe ich mich mit Justin von „Mia San Rot“ in Verbindung gesetzt und ihm 10 Fragen zum FC Bayern gestellt. Justin schreibt nicht nur für miasanrot.de, Focus Online und NTV.de, sondern ist auch Buchautor. Sein letztes Werk zum FCB findet ihr hier. Heute bietet er euch jedoch einen Einblick, wie die andere Seite auf das Spiel schaut.

01. Als der VfL Bochum und der FC Bayern die letzten beiden Male im DFB Pokal aufeinandertrafen, hießen die Trainer Jupp Heynckes und Pep Guardiola. Trifft der VfL in diesem Jahr auf den gleichen FC Bayern oder was hat sich zu damals verändert?

Die kurze Antwort auf die Frage ist ein klares Nein. Müsste ich nun ausführen, warum das so ist, würde das den Rahmen dieser und der nächsten drei Artikel vermutlich sprengen. Ich versuche es trotzdem mal anzureißen: Nachdem die Bayern und Pep Guardiola im Sommer 2016 getrennte Wege gingen, wurde im Klub – so zumindest mein Eindruck – die Entscheidung getroffen, sich ganz bewusst von der akribischen und mental anstrengenden Arbeit der Vorgänger zu lösen. Carlo Ancelotti sollte gleichzeitig verwalten und mental entspannen. Was in der ersten Saison noch halbwegs funktionierte, führte im darauffolgenden Jahr zum Kollaps, den Jupp Heynckes auch nur in Maßen reparieren konnte. Niko Kovač sollte dann vermutlich die Zwischenlösung aus akribischer Arbeit und langen Leinen sein. Auch das funktioniert, so viel kann man nach über einem Jahr sagen, höchstens teilweise.

Was hat sich nun konkret verändert? Das Spiel ist längst nicht mehr so durchgeplant. Die Spieler haben in den einzelnen Situationen weniger Lösungen parat und reagieren eher spontan. Ein Gedanke dabei könnte sein, dass die Spieler individuell so überragend sind, dass sie ihre Qualität so besonders gut zeigen können. Unter Kovač ist zudem zu beobachten, dass die Mannschaft nicht mehr als Ganzes angreift, sondern zugunsten einer vermeintlich kontrollierteren Offensive und defensiven Stabilität auf ihre Klasse vorn vertraut.

Warum funktioniert es nicht? Ich persönlich glaube, dass den Bayern diese akribische und fast schon übertriebene Planung in ihrem Spiel fehlt. Tuchel meinte mal zu den Guardiola-Bayern, dass sie eine Maschine gewesen wären, die die Liga erdrückte. Das ist längst nicht mehr der Fall. Viele einfache Fehler schleichen sich ins Spiel der Münchner, weil sie als Kollektiv nicht mehr gut stehen und so auch nicht mehr so gut ins Gegenpressing kommen. Das kurze Fazit der langen Rede ist also: Die Bayern verfolgen vielleicht dieselbe Philosophie wie vor einigen Jahren. Sie haben aber nicht mehr die taktischen Mittel, um sie dominant umsetzen zu können. Das macht sie verwundbar.

02. Die Bilanz der letzten fünf Pflichtspiele des FC Bayern lautet: drei Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage. In jedem der Spiele hat man zwei Gegentore hinnehmen müssen. Trifft der VfL Bochum auf einen schwächelnden FCB, der vielleicht sogar unter besonderem Druck steht?

Das ist definitiv so. Der Druck ist in München immer hoch. In einer solchen Situation ist er nochmal deutlich höher. Auch wenn es derzeit aufgrund der öffentlichen Aussagen nicht den Anschein macht, wird intern, aber auch von außen alles hinterfragt. Eine solche Situation müssen die Verantwortlichen dann durchstehen. Passiert das nicht, wird es schnell eng.   

03. Wer jedenfalls ständig unter Druck zu stehen scheint, ist Niko Kovac. Wie wackelig ist sein Stuhl wirklich?

Ich schätze am FC Bayern, dass er trotz dieses Drucks nur selten Aktionismus betreibt. Entscheidungen werden zwar kontrovers diskutiert und getroffen, aber letztendlich hat der Klub eine Geduld in Personalfragen, die beispielsweise bei Real Madrid so nicht immer vorhanden war. Trotzdem wird die Situation für Niko Kovač jetzt unangenehmer. Die Ereignisse des letzten Herbsts scheinen sich zu wiederholen und die Parallelen zu damals sind tatsächlich auffällig. Einerseits die großen taktischen Schwächen im Mittelfeld und in der Ballzirkulation sowie die daraus resultierenden Defensivprobleme. Andererseits die kippende Stimmung innerhalb der Mannschaft. Wie man hört, sollen eine unklare Hierarchie und Unzufriedenheiten einzelner Spieler im Moment einen negativen Effekt auf die Mannschaft haben. Es ist nun mal die Aufgabe eines Trainers, das moderieren zu können. Im vergangenen Jahr konnte Kovač das Blatt nochmal wenden. In dieser Saison braucht es dazu sicher mehr als eine starke erste Elf, auf die er sich festlegen kann. Deshalb glaube ich, dass sein Stuhl jetzt gerade noch nicht wackelt, aber mindestens stark gefährdet ist. Gibt es nicht bald einen großen Fortschritt, dürfte es eng werden.

04. Niko Kovac ist nun in seinem zweiten Jahr beim FC Bayern, hat allerdings in Hansi Flick einen neuen Co-Trainer an die Seite gestellt bekommen. Welche Neuheiten kann man gegenüber der vergangenen Saison feststellen?

In der Sommervorbereitung wurde ein anderer Fokus im Spielaufbau trainiert. Verschiedene Trainingsübungen sollten den Spielern das „U“ in der eigenen Ballzirkulation abgewöhnen. Damit meine ich, dass die Bayern vorzugsweise in der Abwehr quer und auf den Außenbahnen dann rauf und runter spielen, das Zentrum aber verwaist. Durch die Verpflichtung Coutinhos erhoffte man sich noch mehr Präsenz. Umso überraschter bin ich, dass davon seit einigen Wochen nichts mehr zu sehen ist. Bayern spielt wieder genauso wie in der vergangenen Saison und offenbart dabei dieselben Probleme. Statt die positiven Ansätze der ersten Wochen zu vertiefen – mehr Pässe durch die Mitte, erst im letzten Drittel Breite und deutlich mehr Steil-und-Klatsch-Pässe – scheint man einen Rückzieher gemacht zu haben. Das ist schade und macht die Situation von Kovač nicht besser. Denn letztendlich ist ein Scheitern deutlich akzeptabler, wenn man wenigstens etwas probiert. Selbst Jürgen Klinsmann hat bis zum Schluss darum gekämpft, seine Ideen mit verschiedenen Wegen umzusetzen. Er hat es nur nicht geschafft. Im Moment ist das aber mutlos und vorhersehbar.

05. Wo siehst du die Stärken und Schwächen in eurem Spiel?

Die Stärken liegen ganz klar im Pressing, wenn der Gegner den Ball hat und das Spiel aufbaut. Da sind die Bayern gut organisiert und sehr aggressiv. Manchmal sind sie auch im Gegenpressing gut. Die Schwächen im Positionsspiel verbauen aber die Chance, dort noch besser zu werden. Im Zentrum sind die Münchner häufig unterbesetzt und dadurch behäbig in der eigenen Ballzirkulation. Leider kann man nur spekulieren, warum die Abstände vertikal zwischen Abwehr und Angriff so riesig sind. Eine Begründung wäre, dass Kovač das Spiel über die Flügel sicherer findet und er sich mit einer Überladung ein effizientes Gegenpressing erhofft. Praktisch geht das aber oft nach hinten los. Mannschaften erobern den Ball, weil die Bayern durch die Außenlinie begrenzt sind und finden oft genug den Weg ins unterbesetzte Zentrum. Dann ist die Restverteidigung natürlich überfordert und es kommt zu Gegentoren trotz viel Ballbesitz. Vorne gibt es so auch zu selten Durchbrüche. Man ist abhängig von Geistesblitzen Lewandowskis oder Gnabrys. Coman hat aufgrund seiner schlechten Einbindung eher Probleme, dem Spiel einen Mehrwert zu geben. Und so ist man zwar scheinbar dominant, erspielt sich letztendlich aber nicht genug Chancen, um einen tiefstehenden Gegner souverän zu besiegen.

06. Gibt es Spielweisen, mit denen der FC Bayern bisher seine Probleme hatte? Wenn ja, wie sollte der VfL Bochum die Partie angehen, um die derzeitig schwächelnden Bayern möglichst ein Bein zu stellen?

Vier Dinge reichen momentan, um den Bayern den Zahn zu ziehen: Erstens eine kompakte Defensive. Gerade im Mittelfeldzentrum müssen die Räume eng sein, damit der Flügelfokus der Bayern verstärkt wird. Zweitens die nötige Aggressivität, um Bayerns Aufbauspieler im zentralen Mittelfeld zu stören und Ballgewinne dort oder auf den Außenbahnen zu provozieren. Drittens ein schnelles Umschaltspiel, das bei Ballgewinnen sofort die Räume findet, die die Bayern in Ballbesitz zu schwach besetzen. Und viertens das Glück, dass Lewandowski mal nicht trifft.

07. Vor welchem Spieler muss der VfL sich besonders in Acht nehmen?

Die Frage ist im Moment einfach zu beantworten: Robert Lewandowski.

08. Die Spieler des FC Bayern sind eigentlich allen Fußballfans geläufig. Gibt es dennoch einen Spieler, der in der äußeren Wahrnehmung unter dem Radar läuft?

Eigentlich nicht. Wobei mich schon interessieren würde, wie Lukas Mai sich in der Liga macht. Ich halte ihn sowohl intern als auch extern für unterschätzt. Vor rund zwei Jahren deutete er an, dass er in der Bundesliga mindestens nicht abfällt. Mit einem gewissen Rhythmus könnte er sich endlich weiterentwickeln. Die 3. Liga unterfordert ihn eher.

09. Die aktiven Fanszenen unserer Vereine unterhalten eine enge Freundschaft. Wie lautet deine Meinung zum VfL Bochum?

Ich verfolge die zweite Liga nicht ganz so intensiv wie die Bundesliga und stehe dem VfL eher neutral gegenüber. Das mag auch daran liegen, dass ich in der Fanszene des FC Bayern nicht so tief verankert bin und meine Bezugspunkte nach Bochum deshalb eher gering sind.

10. Was sind deine Erwartungen an das Spiel und abschließend möchte ich gerne noch deinen Tipp hören.

Meine Erwartung ist, dass die Bayern früh Kontrolle in eine wilde Anfangsphase bringen können und schlussendlich souverän gewinnen. Mein Tipp hingegen ist, dass ihnen das höchstens teilweise gelingt. Bochum wird ein sehr unangenehmer Gegner sein und Bayern das eine oder andere Problem offenbaren. Durch zwei relativ späte Tore gewinnen sie aber mit 3:1.

 

Justin, herzlichen Dank, dass du uns zur Verfügung standest. Wir wünschen den Bayern Fans eine gute Anreise und freuen uns auf das Spiel.

Janik Aschenbrenner

Janik Aschenbrenner

In meinem Freundeskreis dreht sich alles um die Blau-Weißen, für die ich in meiner Jugend selbst die Schuhe schnüren durfte - so kommt es, dass der VfL auch mich nicht los lässt. Durch meine Affinität zur Spielanalyse und Trainingslehre bin ich ansonsten bei Konzeptfußball zu finden. Fußball ist für mich eine Kunstform, die ich mitgestalten möchte. Twitter: @Janik_Asc / janik.aschenbrenner@einsachtvieracht.de

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