Als VfL Fan hatte man in den letzten Jahren viel Zeit zum Nachdenken. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Was wollen wir Fans eigentlich?

Endlich Ruhe rund um den VfL Bochum! Was lange Jahre bei unserem beschaulichen Verein eher der Normalfall war, hat jetzt fast schon etwas Befreiendes. Skandale über Nudeln und Regionalbahnen, eine turbulente Ausgliederung, sportliche Existenzängste und Personen die ihr Ego über den Verein stellten – all dies mussten die Fans in der vergangenen Saison in Kauf nehmen. Seit Frühjahr ist dies alles Geschichte und doch, die Stimmung innerhalb der Fanszene ist noch lange nicht so wie man sich diese nach 36 Punkten aus den letzten 20 Ligaspielen vorstellt.

Schnell wird dabei klar, dass die Stimmungsprobleme in Bochum weit tiefer sitzen. Die einstigen Unabsteigbaren, der Traditionsverein der immer in der 1. Bundesliga zuhause war und nostalgische Momente in Europa zu verbuchen hatte ist nunmehr ein trister Zweitligist. Zwischen den ungeliebten Reviernachbarn war es immer eine Freude, als graue Maus den Großen in die Suppe zu spucken und mal einen Sieg abzuringen. Unvergessen bleiben viele Spiele im Oberhaus. Eines meiner persönlichen Highlights konnte ich live im Gladbacher Stadion feiern, als sich mit Dariusz Wosz einer unseren großen Helden im Jahr 2007 verabschiedete und ganz nebenbei mit seinem Tor die Gladbacher Schmach des Abstiegs in die 2. Liga noch vergrößerte. Doch diese Zeiten sind vorbei. Lange vorbei! Was bleibt ist ein Identifikationsverlust in einer Fußballwelt, die sich ohnehin immer mehr von uns Fans distanziert. Wo also steht man als Fan des VfL und was wollen wir?

Der VfL – ein Verein für Leidensübungen

Das verregnete Ruhrstadion steht sinnbildlich für die Gefühlswelt der VfL Fans. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Seit dem bitteren Abstieg vor mittlerweile 8 Jahren sind wir jedenfalls gefühlt unentwegt am Leiden. Nicht wenige, mich eingenommen, interpretieren in unseren VfL eher einen Verein für Leidensübungen – denn leiden müssen wir alle, die wir doch so sehr diesen Verein lieben und immer wieder enttäuscht werden. Seit dem Abstieg richten sich unentwegt all unsere Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr in die 1. Bundesliga. Genährt wird diese Hoffnung auch von den Verantwortlichen im Verein. Die Rede ist seit Jahren von einem mittelfristigen Aufstieg und wir Fans stellen uns die Frage, wann denn dieses „mittelfristig“ endlich mal vorüber ist. Statt Aufstieg hieß die Realität viele Jahre Abstiegskampf und Fußball zum Abgewöhnen. Ja, wir Fans haben es nicht leicht. Wir wollen doch letztlich nur eins und das ist wieder zurück in die erste Liga! So einfach dieser Gedanke in all seiner Emotionalität ist, so wenig vielschichtig ist er leider auch. Leicht lässt sich die Schuld bei den Verantwortlichen suchen und genauso leicht lassen sich Ansprüche oder auch Enttäuschungen äußern. Unsere entscheidende Frage sollte jedoch viel mehr anstatt „was wollen wir?“, „was wollen wir und ist gleichzeitig auch realistisch?“ lauten.

Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität ist riesig beim VfL

Denn die Erwartungshaltung deckt sich längst nicht mehr mit der Realität. Vorbei sind die Zeiten, als wir wirklich einer der „Big Player“ in der 2. Bundesliga hätten sein können. Zu viele Dinge wurden in eben jenen Jahren rund um der Abstiegssaison falsch gemacht und die jetzigen Verantwortlichen müssen es letztlich ausbaden. Dabei vedeutlichen mittlerweile alle ligaweiten Vergleichswerte zu Mitglieder- und Zuschauerzahlen, Umsatzzahlen, Merchandise oder Spieleretat die riesige Diskrepanz aus Anspruch und Wirklichkeit (nachzulesen in diesem Artikel). Vereine angelegt als große Werbekampagnen, Vereine die als Spielzeug von Privatinvestoren dienen und Vereine die schlichtweg durch einen höheren Zuschauerspruch weit mehr Gelder generieren sind nachhaltig an uns vorbei gezogen – das ist die nackte und vor allem ungeschönte Realität. Eine Realität, die kein Manager der Welt mal eben rückgängig machen kann. Dies bekommen nicht nur wir Bochumer zu spüren, sondern auch andere Traditionsvereine wie Kaiserslautern, Karlsruhe oder Rostock, die es noch weit schlimmer als uns traf. Dennoch hält sich eine Erwartungshaltung in Bochum, die auf Sicht einzig und allein einen Aufstieg akzeptiert und bei der alle Fakten, die eine gänzlich andere Sprache sprechen, ausgeblendet werden. Diese Haltung ist ungesund für das eigene Seelenwohl aber zuweilen auch unfair gegenüber dem agierenden Personal. Dies verdeutlichte beispielsweise die teils vehemente Kritik seitens der Fans an einzelne Spieler sowie der Kaderplanung noch bevor die Saison überhaupt begann. Sebastian Schindzielorz wurde in manchen Internetportalen als „Azubi“ in Anlehnung an seine Zeit unter Christian Hochstätter verunglimpft, weil er schlicht nicht Transfers vollzog, wie sie deutlich vermögendere Vereine wie zum Beispiel Union Berlin vorzeigen konnten. Die Geduld bis ans Ende der Transferperiode oder gar zur Winterpause mit einem Resümee zu warten wird schlicht nicht mehr aufgebracht. Dabei hat uns Schindzielorz doch gemeinsam mit seinem Wunschtrainer Robin Dutt gelinde gesagt den Arsch in der vergangenen Saison gerettet. Doch Positives wird schnell vergessen, denn immer schwingt die Unzufriedenheit der letzten Jahre tief im Unterbewusstsein mit. Schnell entlädt sich all der aufgestaute Unmut und Ärger der letzten Jahre und letztlich bleibt das auf der Strecke, was doch eigentlich für uns alle das Schönste sein sollte – Fußball anne Castroper! Fußball, der einfach nur Spaß machen soll!

Einfach wieder Spaß am Fußball haben!

Hinterseer und Co. boten die letzten Monate eigentlich genug Grund zum Jubeln. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Höchste Zeit also, sich endlich wieder voll und ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren. So habe ich persönlich gelernt wieder kleine Siege zu feiern und einfach nur Spaß am Fußball zu haben – meinetwegen auch in der 2. Liga (aber selbstverständlich immer noch mit einem Schielen nach oben). Meine eigene Zeit des Leidens ist für den Moment vorbei und gerade unter Dutt, Butscher und Schindzielorz bin ich froher Dinge, dass wir wieder ordentlichen Fußball geboten bekommen. Das mag höchstwahrscheinlich am Ende der Saison nicht zum Aufstieg reichen und es werden unter Garantie auch mal wieder richtig bescheidene Spiele dabei sein – was letztlich zählt ist, dass ich meinen Einklang mit der Mannschaft und der Art wie wir Fußball spielen wiedergefunden habe. Der Glaube daran, dass etwas Besonders entstehen kann ist wieder vorhanden. Dieses Besondere kennt meiner Meinung nach keine Ligazugehörigkeit, sondern liegt in erster Linie an uns selbst. Uns Fans des geilsten Vereins der Welt, an unserer Identifikation mit unserem Verein und selbstverständlich mit dem zurückgewinnen unserer eigenen Identität. Scheißegal ob wir in der 2. Bundesliga spielen oder ob nun Hoffenheim und Leipzig anstatt dem VfL in der 1. Bundesliga sind. Wir wollen etwas Besonderes sein, dann lasst uns bei uns selbst anfangen! Nach nun 36 Punkten aus 20 Spielen sind nicht die Mannschaft, der Trainer oder gar der Sportvorstand in der Bringschuld – nein, einzig wir Fans müssen jetzt wieder liefern! Nicht die anderen haben dies in der Hand, sondern jeder einzelne für sich selbst. Es ist an der Zeit für eine neue Einigkeit unter den Fans und für volle Unterstützung von den Rängen. Es ist Zeit, dass die Bude bei Heimspielen wieder voll ist und es dem Gegner allein schon wegen uns wieder dünn durch die Hose läuft. Letztlich ist es doch egal ob in Liga eins, zwei, drei oder vier – VfL wir stehen zu dir!

Gemeinsam können wir wieder etwas Besonderes sein! Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)
Jens Hartenstein

Jens Hartenstein

In Bayern geboren, führte mein Weg zum Fußball über den FC Bayern München erst über Umwege zum geliebten VfL. Hierbei hat mich insbesondere die Phase Mitte der 90 geprägt, als man unter anderm in den UEFA Cup einzog. Nach einer jugendlichen Trotzphase, in der ich mich fast gänzlich dem Fußball, aber vor allem der Kommerzialisierung von selbigem abgewandt hatte, fand ich dann Anfang des neuen Jahrtausends wieder zurück zum Fußball. Ein echter Fußballfan kann eben doch nicht ohne seine Leidenschaft. Spätestens als ich dann beim Abschiedsspiel von Darius Wosz dessen letztes Bundesligator, den Abstieg Gladbachs und unseren beinahe Einzug in den UI-Cup live im Gladbacher Stadion feiern durfte, wars um mich dann komplett geschehen. Seitdem sind mäßige Spiele, Niederlagen, Abstiege und sämtliches Leid aller VfL Fans mein ständiger Wegbegleiter.

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