Foto: VfL Bochum 1848

Die Einführung des Talentwerks & die Abschaffung der U23 – genialer Coup oder doch eine schwerwiegende Fehlentscheidung?

Drei Jahre sind vergangen, seit der VfL Bochum im Frühjahr 2015 die Auflösung der U23 und kurz darauf die Einführung des „Talentwerks“ bekanntgegeben hat. Damals wie auch heute werden diese Entscheidungen hitzig unter den Anhängern diskutiert. War die Auflösung der U23 und die einhergehende Umstrukturierung ein großer Fehler oder doch ein wichtiger Meilenstein für eine Neuausrichtung des Vereins? Was hat sich überhaupt geändert im Positiven wie im Negativen und welche Konsequenzen könnten diese Entscheidungen in der Zukunft noch mit sich bringen? Höchste Zeit für uns diesen Fragen auf den Grund zu gehen und ein erstes Zwischenfazit zu ziehen.

Rückblick auf den Sommer 2015: Das Profiteam des VfL wandelte die vorangegangen vier Jahre am Rande eines Abstiegs, die wirtschaftliche Lage war extrem angespannt und die U19 landete lediglich auf Platz acht in der A-Junioren Bundesliga West – immerhin das schlechteste Ergebnis seit dem elften Platz in der Saison 2006/07. Es gab mehr als genug Gründe, tätig zu werden, die bestehenden Strukturen zu ändern und eine neue Richtung vorzugeben. Ziel der Verantwortlichen war vor allem die Reduzierung der Kosten und gleichzeitig eine engere Verzahnung zwischen der Jugend und der Profiabteilung. Doch was bedeutete die Umstellung tatsächlich für den Verein und haben diese bisweilen Früchte getragen?

Die weitreichenden Folgen der Auflösung der U23

Görkem Saglam konnte ohne U23 kaum Spielpraxis sammeln. Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Während die Einführung des „Talentwerk“ außer dem Titel kaum unmittelbare Änderungen mit sich brachte, war die Abschaffung der U23 ein drastischer Schritt mit weitreichenden Folgen und Umstrukturierungen auf fast allen Ebenen, einschließlich der Nachwuchsabteilung selbst. Die U23 bot den Talenten des VfL einen wertvollen Zwischenschritt hinzu einem vollwertigen Bestandteil des Profikaders und ermöglichte Spielern wie Onur Bulut, Selim Gündüz oder Felix Dornebusch wichtige Spielminuten im Herrenbereich auf ihren Weg zum Profispieler. Dieser Zwischenschritt wurde den Nachwuchskickern ab dem Sommer 2015 genommen, stattdessen sollten Training mit den Profis, sowie regelmäßige „Angebotsspiele“ dieses Vakuum auffangen. Doch sind Testspiele ungleich Pflichtspiele und so muss man den jungen Spielern früher als je zuvor eine echte Perspektive bei den Profis aufbieten, damit dieses Modell nachhaltig funktionieren und die Talente gehalten werden können. Eine Perspektive, die zumindest Gökhan Gül letzten Januar fehlte. Auch für andere Talente bedeutete die Abschaffung weniger Spielzeiten und so konnte selbst ein talentierter Spieler wie Görkem Saglam sich in der abgelaufenen Saison wenig auf dem Platz auszeichnen, denn auch die Angebotsspiele sind mittlerweile eher Mangelware. Ohne Wenn und Aber – der Wegfall dieses Zwischenschritts hat seine Nachtteile, die man nun durch kreative Lösungen, wie beispielsweise Leihmodellen bestmöglich ausgleichen muss.

Doch warum wählt man bewusst dieses Modell? Geht es nur um das Geld oder steckt letztlich mehr dahinter?

Hätte Hinterseer auch für weniger Geld seine Tore für den VfL geschossen? Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Auch wenn beispielsweise das frühzeitige Training mit den Profis deutschlandweit ein Vorzeigemodell ist, das sehr positiv für die Entwicklung der Spieler ist, dreht sich vermutlich tatsächlich vorrangig alles um die lieben Euro-Noten. Doch sollte man versuchen, diesen neugewonnenen finanziellen Spielraum nicht nur von der abstrakten Warte zu betrachten, sondern sich zu Augen führen, welche unmittelbare Folgen dies tatsächlich mit sich bringt. Immerhin rund 1,5 Millionen fließen nun nicht mehr in die U23 – Geld, welches nun anderweitig für den Verein verfügbar wird. So konnte unter anderem der Spieleretat für das Profiteam deutlich angehoben werden. Wären wichtige Leistungsträger wie Lukas Hinterseer, Kevin Stöger, Robert Tesche oder Danilo Soares auch für weniger Handgeld und Gehalt zum VfL gewechselt? Hätte Robin Dutt auch für weniger Geld und weniger finanziellen Spielraum bei der Zusammenstellung des Kaders bei uns angeheuert? Sicherlich sind das sehr spekulative Fragen – Fakt hingegen ist jedoch, dass der Kader, mit dem die letzten drei Saisons die Plätze fünf, neun und jüngst Rang sechs belegt wurde, in seiner Gesamtkonstellation mit einer U23 für uns finanziell nicht tragbar wäre. Schlechtere Platzierungen hingegen würden weniger TV Gelder bedeuten und wiederum noch weniger finanziellen Spielraum. Ja, vielleicht wäre ohne unsere Lebensversicherung im Sturm und im zentralen offensiven Mittelfeld auch ein Abstieg denkbar gewesen. Die Folgen eines kleineren Spieleretats könnten jedenfalls viel weitreichender sein, als die eingesparten 1,5 Millionen zunächst vermuten lassen. Die tatsächlichen Konsequenzen sind demzufolge schwer auf den Punkt zu bringen und bleiben größtenteils im Konjunktiv, nur sollte man nicht den Fehler machen und diese auf den Jugendbereich zu reduzieren.

Wobei letztgenannter selbstverständlich auch von den frei gewordenen Geldern profitiert. Unter anderem wurde das Jugendzentrum noch stärker professionalisiert und vielversprechende, externe Talente konnten für den Verein gewonnen werden, der mit einer erhöhten Durchlässigkeit, aber insbesondere auch mit mehr Geld auf dem Konto der Spieler werben konnte. Beste Beispiele hierfür sind Vitaly Janelt und auch Baris Ekincier, die beide zunächst noch in der Jugend spielten und nun das Profiteam verstärken. Auch aus den eigenen Reihen konnten viele Spieler mit einem Profivertrag ausgestattet werden. Profiverträge, die sicherlich höher dotiert sind, als ehemals die Verträge für Nachwuchsspieler aus der zweiten Mannschaft. Neben dem Anreiz mit den Profis zu trainieren, kann dieses neugewonnene, monetäre Argument in der heutigen Zeit durchaus eine gewichtige Rolle für junge Erwachsene dienen. Insgesamt hat der VfL jedenfalls mit Florian Kraft, Tom Baack, Maxim Leitsch, Vitaly Janelt, Görkem Saglam, Ulrich Bapoh, Baris Ekincier und Vangelis Pavlidis ganze acht Spieler aus den letzten beiden U19-Jahrgängen mit einem Profivertrag ausgestattet – so viele wie nie zuvor. Somit wurde vor allem der Unterbau des Profikaders gestärkt und auf externe Zugänge für Spieler aus der zweiten Reihe weitestgehend verzichtet. Doch was zählt ist letztlich das auf dem Platz und nicht was auf dem Papier steht. Wie gut funktioniert also die vielgepriesene Durchlässigkeit von der U19 direkt in das Profiteam tatsächlich?

Der Einbau der Jugendspieler

Auch mit U23 war Lukas Klostermann nicht zu halten. Foto: Helmy oved (wikimedia commons)

Um dies zu verstehen muss man die Entwicklung erstmal analysieren und insbesondere die Jahre vor 2015 von den Jahren danach separieren. Vor dem großen Umbruch war der Jahrgang aus der Saison 2012/13 der letzte, der sich genau wie in den abgelaufenen Saisons unter den Top4 platzieren konnte. Dieser Jahrgang brachte mit Felix Dornebusch, Selim Gündüz, Onur Bulut, Jan Gyamerah und Fabian Holthaus eine Reihe von Spielern hervor, die den Sprung in den Profibereich schafften. Dies gelang aus den U19 Jahrgängen 2013/14 sowie 2014/15 lediglich Gino Fechner und Lukas Klostermann – wobei letztgenannter bereits vor der Abschaffung der U23 dem Verein den Rücken zukehrte. Diese schwächeren Jahrgänge erklären jedenfalls das jetzige Vakuum im Bereich der 20 bis 22-jährigen Spieler, welches sich demzufolge aus den Jahren vor dem großen Umbruch ableitet und nicht etwa auf das Talentwerk zurückzuführen lässt. Will man selbiges bewerten, muss man folglich auf die jüngeren Jahrgänge schauen. Auf den ersten Blick fällt die Betrachtung der Einsatzzeiten auch hier eher nüchtern aus. Kein Spieler aus der hochgelobten Riege um Leitsch, Janelt, Salgam und Co. konnte in der abgelaufenen Saison mehr als 800 Einsatzminuten auf dem Platz bringen – umgerechnet sind das keine zehn volle Spiele. Auf den zweiten Blick sind die Zahlen dennoch einzigartig in der zweiten Bundesliga. Für kein Team kamen mehr U20 Spieler zum Einsatz und nirgends konnten diese als Kollektiv mehr Einsatzzeiten sammeln als in Bochum. Man muss sich also damit abfinden, dass ein Sprung mit 18/19 Jahren zum Stammspieler in der zweiten Bundesliga den absoluten Ausnahmetalenten vorbehalten ist. Ausnahmetalenten, die eine Qualität innehaben, die anscheinend in der abgelaufenen Saison in keinem Verein zu finden war – denn sucht man nach Stammspieler in dieser Altersklasse, so sucht man derzeit vergeblich.

Kann sich Ulrich Bapoh nach seiner Leihe auch in Bochum durchsetzen? Foto: VfL Bochum 1848

Entscheidend wird nun sein, dass die Nachwuchsspieler nach und nach mehr Spielzeiten bekommen und größere Rollen übernehmen. Allerdings sollten dabei die Erwartungen an jeden Einzelnen nicht zu hoch sein. Manch einer schafft diesen Sprung in den Profifußball vielleicht nie, andere müssen den Weg über Leihen gehen und nur wenige können sich direkt gegen die etablierte Konkurrenz durchsetzen. Nun gilt es die nötige Geduld zu bewahren und  für den Verein die Spieler bestmöglich in ihren individuellen Fähigkeiten zu fördern. Der geänderte Name des Talentwerks bewirkt hierbei sicherlich keine Wunder und nicht jedes Talent kommt ohne Zwischenschritte als direkte Alternative für das Profiteam in Frage. So ist die Frage nach kreativen Alternativlösungen wichtiger denn je. Mit Pavlidis und Bapoh hat man bereits den Anfang gemacht und durch die Leihen den Spielern ermöglicht, höhere Einsatzchancen im Herrenfußball zu bekommen und sich über mehr Spielpraxis besser zu entwickeln. Ob dieser Weg auch weiteren Nachwuchsspielern aufgezeigt wird oder manch einer sogar komplett den Verein verlassen muss, wird die Zukunft zeigen. Jetzt liegt es an Robin Dutt, die Jungprofis zu begutachten und gemeinsam mit Schindzielorz und den Spielern den bestmöglichen Weg für die Karriere der Jungprofis zu finden. Die schiere Anzahl der Talente lässt hierbei auf eine positive Entwicklung und den stärkeren Einbau der Jugendspieler in den kommenden Jahren hoffen. Doch sollte man die Realität nie aus den Augen verlieren, denn auch mit 19 oder 20 Jahren ist es häufig noch ein langer Weg. Ein Weg, den nicht alle schaffen können und so könnte man es bereits als großen Erfolg verbuchen, sollten es aus den letzten beiden Jahrgängen jeweils ein oder zwei Spieler tatsächlich schaffen sich in Bochum nachhaltig durchzusetzen.

Fazit:

Vergleicht man die aktuellen Gegebenheiten mit dem Rückblick auf die Jahre vor 2015, wird sofort augenscheinlich, dass man sich in allen Belangen deutlich verbessert hat. Anstatt Platzierungen im unteren Drittel konnte das Profiteam sich seither immer in der oberen Tabellenhälfte platzieren. Gleichzeitig hat die U19 mit den Plätzen drei, vier und wieder drei trotz der schwierigen Konkurrenz herausragendes geleistet. Ebenfalls konnte der Verein den finanziellen Rahmen deutlich verbessern und sehr viele Jugendspieler zumindest vorerst an den Verein binden. Ob all diese Entwicklung gänzlich auf die Entscheidungen im Sommer 2015 zurückzuführen ist, bleibt selbstverständlich fraglich und stellt mit Sicherheit nur die halbe Wahrheit dar – nichtsdestotrotz bieten diese unwiderlegbaren Entwicklungen kaum Anlass zu dieser, teils lautstarken Kritik im Umfeld des VfL. Dennoch, eine gewisse Skepsis ist aufgrund der weitreichenden Umstrukturierungen, die insbesondere langfristige Folgen haben kann, zumindest gegenwärtig noch nachvollziehbar. Viel wird sich daran messen lassen, ob die Talente von heute und morgen tatsächlich den Sprung in das Profiteam schaffen. Erst wenn die Durchlässigkeit nicht nur von der Jugend auf die Bank, sondern bishin zum Stammpieler vorhanden ist, kann das Talentwerk den drei Sternen auch bei seiner Rolle für das Profiteam gerecht werden.

Foto: VfL Bochum
Jens Hartenstein

Jens Hartenstein

In Bayern geboren, führte mein Weg zum Fußball über den FC Bayern München erst über Umwege zum geliebten VfL. Hierbei hat mich insbesondere die Phase Mitte der 90 geprägt, als man unter anderm in den UEFA Cup einzog. Nach einer jugendlichen Trotzphase, in der ich mich fast gänzlich dem Fußball, aber vor allem der Kommerzialisierung von selbigem abgewandt hatte, fand ich dann Anfang des neuen Jahrtausends wieder zurück zum Fußball. Ein echter Fußballfan kann eben doch nicht ohne seine Leidenschaft. Spätestens als ich dann beim Abschiedsspiel von Darius Wosz dessen letztes Bundesligator, den Abstieg Gladbachs und unseren beinahe Einzug in den UI-Cup live im Gladbacher Stadion feiern durfte, wars um mich dann komplett geschehen. Seitdem sind mäßige Spiele, Niederlagen, Abstiege und sämtliches Leid aller VfL Fans mein ständiger Wegbegleiter.

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