Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

Erfolgscoach, Rüpel oder Medienopfer – Gertjan Verbeek im Portrait

Staunen, Fassungslosigkeit – nicht wenige werden sich am Dienstagmorgen ungläubig die Augen gerieben haben, als die Entlassung von Gertjan Verbeek die Runde machte. Wohl kaum jemand hatte mit solch einem abrupten Abgang des akribischen und bisweilen sportlich erfolgreichen Trainers gerechnet. Und wenn ich beim Schreiben dieser Zeilen ehrlich bin, erging es mir an diesem Morgen vermutlich nicht anders wie all jenen, denen der VfL am Herzen liegt. Ungläubig konnte ich in Foren nachlesen, dass gerade jener verbannte Journalist, exklusiv über der Entlassung des Niederländers berichtete. Dabei saß ich noch am Abend zuvor an der Ausarbeitung eines Portraits zu Gertjan Verbeek, das ihn uns als Trainer, aber auch als Mensch mit seinem ambivalenten Verhältnis zu den Medienvertretern näherbringen sollte. Nun ist Verbeek in Bochum Geschichte, dennoch möchte ich diese Person, die wohl kaum weniger polarisieren könnte, unter Einbezug der aktuellen Ereignisse näher vorstellen. Aber erstmal einen Schritt zurück, welche Ereignisse führten überhaupt zu dieser Entlassung?

 

Die Antwort darauf scheint schnell gefunden, leiht man der Medienlandschaft ein Ohr. Von einem autoritären Stil war immer schon die Rede. Von einem Trainer, der durch sein Verhalten dem Image des Vereins schadet und somit zuletzt untragbar für den Verein wurde. Zugegeben, Verbeek trat schon immer etwas dünnhäutig und impulsiv auf und sorgte damit selbst bei seinen größten Anhängern für Verwunderung. Das nötige Feingefühl ging ihm dabei sicherlich des Öfteren abhanden und häufig wünschte man sich eine bedachtere Antwort. In Zeiten von Facebook, Twitter und Co. – in Zeiten wo immer und überall Kameras alles dokumentieren, und sei es was jemand heute zum Essen hat – ja, in diesen Zeiten sollten am besten alle Personen in der Öffentlichkeit wie geleckt auftreten. Nie ein falsches Wort oder mal Dampf ablassen, denn das schadet ja dem Image des Vereins. Doch ist das wirklich die Kernaufgabe eines Trainers? Machen die Medien nicht zu oft viel mehr aus einzelnen Dingen als eigentlich dahintersteckt? Und zu guter Letzt, war das am Ende der entscheidende Punkt, welcher die Entlassung des Trainers zur Folge hatte?

 

Gertjan Verbeek und sein Verhältnis zu den Medien

„Warum schreibt ihr denn immer so eine Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus, selbst mit Flüchtlingen dazwischen? Ihr seid ja Arschlöcher!“ – Gertjan Verbeek auf der Pressekonferenz im September 2015 über die Redakteure der Bild-Zeitung

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Sicherlich unvergessen bleibt die Auseinandersetzung mit dem (hier nicht benannten) Journalisten der Boulevardzeitung Bild, dessen Fragen bis zu eben jenem Dienstag nicht mehr von offizieller Seite beantwortet wurden. Auffällig in der Berichterstattung zu dem genannten Fall war schon immer, dass selbst sonst seriöse Medien, wie etwa der Spiegel, bei der Berichterstattung teils den entscheidenden Passus über die Flüchtlinge wegließen. Dabei war es gerade dieser Zusammenhang, welcher letztendlich zu dem Gebrauch des Kraftausdruckes führte. Auch andere, vereinsnahe Medien brachten dieses Beispiel im Negativen gerne an. Dies geschah zuletzt, als der offizielle Trainingsauftakt um eine Stunde vorverlegt wurde. Leider ohne dabei den Kontext zu erwähnen, dass sich Verbeek damals gezielt gesellschaftskritisch und zugunsten von Flüchtlingen positioniert hat. Dabei hatte er sich bewusst einem negativen Medienecho ausgesetzt, einzig um auf schlechten Journalismus aufmerksam zu machen. Im Grunde kann man dafür durchaus auch lobende Worte finden und wie so oft zeigt sich – die halbe Wahrheit ist eben nicht die ganze Wahrheit. War also Verbeek eher ein Opfer einer gezielten Stimmungsmache der Medien?

Ganz so einfach darf man es sich selbstverständlich nicht machen. Sicherlich trug Verbeek mit seiner ruppigen und direkten Art zu dem distanzierten Verhältnis mit den Medien nicht unwesentlich bei. Gleichzeitig bot er mit teils uneinsichtigen Äußerungen und fragwürdigen Entscheidungen genügend Angriffsfläche, welche von einigen Pressevertretern dankend angenommen wurde. Glaubt man den abschließenden Worten von Hochstätter bei der Vorstellung von Ismail Atalan, waren schlussendlich jedenfalls nicht die Medien oder das Auftreten Verbeeks in der Öffentlichkeit der Auslöser für die brisante Entlassung. Auf der anderen Seite war das Sportliche sicherlich ebenfalls nicht entscheidend, das verdeutlicht alleine schon der Zeitpunkt inmitten der Vorbereitung. Die Ursachen werden wohl nie gänzlich an die Öffentlichkeit kommen. Es scheint jedoch mehr als nur eine vage Vermutung, dass interne Konflikte und Reibungen mit Funktionsteam und/oder Mannschaft die Ereigniskette bedingten. Dabei müssen echten Kennern des Holländers, die aktuelle Geschehnisse als eine Art Déjà-vu erscheinen. Um dies zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Werdegang, der den eigenwillige Charakter Verbeeks bereits in seinen früheren Stationen als Trainer erahnen ließ.

 

Die Laufbahn von Verbeek

Im Jahr 1962 in dem kleinen Städtchen Deventer geboren, schaffte Gertjan Verbeek im Alter von 22 Jahren den Sprung in den Profifußball. Als Innenverteidiger spielte er, abgesehen von einer 1-jährigen Leihe zu Heracles Almelo, ausschließlich für den SC Heerenveen und deutete somit bereits in jungen Jahren an, wie wichtig ihm Ideale wie Vereinstreue im Leben sind. Noch während seiner aktiven Profilaufbahn trainierte er sieben Jahre lang die Jugend des FC Emmen, bevor er im Jahr 1994 seine Fußballschuhe an den Nagel gehangen hat. Dem SC Heerenveen blieb er auch nach der Zeit als Fußballprofi treu, und übernahm dort den Posten als Co-Trainer unter Trainer Foppe de Haan, mit dem er sieben weitere Jahre zusammenarbeiteten sollte.

Den ersten Vertrag als Profitrainer unterzeichnete Verbeek schließlich 2004 bei Heracles Almelo, mit denen er in der 2. niederländischen Liga antrat. Nach vier Jahren in den niederen Gefilden der Liga unter seinen Vorgängern, führte Verbeek das Team direkt in seinem ersten Amtsjahr auf Rang 8 der Liga. In den darauffolgenden Jahren folgten zwei vierte Plätze – seine erfolgreiche Trainerlaufbahn startete er demnach mit einem dicken Ausrufezeichen.

Nach diesem dreijährigen Intermezzo kehrte er schlussendlich wieder nach Heerenveen zurück, um dort seinen einstigen Mentor Foppe de Haan zu beerben. 169 Spiele in der Eredivisie später, mit einer Punkteausbeute von 1,56 pro Spiel, zog es ihn schließlich zu Feyenoord Rotterdam. Beachtliche 24 Jahren bei Heracles Almelo und dem SC Heerenveen standen ihm zu diesem Zeitpunkt schon zu Buche. Der Abschluss dieser intensiven Phase sollte allerdings nicht das einzige Novum seiner Trainerkarriere in Rotterdam bleiben, denn erstmals blieb der sportliche Erfolg unter dem akribischen Trainer aus. Mit 22 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer und Platz 12 in der Tabelle (1,08 Punkte pro Spiel), konnte er nicht an die Erfolge seines prominenten Vorgängers Bert van Marwijk anschließen und wurde nach nur 26 Pflichtspielen wieder entlassen. Erstmals wurde dabei sein autoritärer Stil thematisiert, was keinesfalls das letzte Mal in seiner Laufbahn bleiben sollte.

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In der darauffolgenden Saison hieß somit zum dritten Mal in seiner Laufbahn sein Arbeitgeber Heracles Almelo, diesmal allerdings eine Liga höher in der Eredivisie. Mit 56 Punkten und Rang 6 in der Tabelle, schaffte er mit Almelo die bis heute beste Saison der Vereinsgeschichte. Kein Wunder also, dass bereits im Jahr darauf AZ Alkmaar ernst machte und den Coach unter Vertrag nahm. Seine bis dato letzte Station in den Niederlanden, endete dabei nach drei Jahren in Alkmaar (Platzierungen 4/4/10) überraschender Weise direkt nach einem Sieg und trotz des Gewinns des niederländischen Pokals (KNVB-Pokal). Als Grund der Entlassung wurden atmosphärische Störungen genannt, welche auf den autoritären Stil des Fußballlehrers zurückgeführt wurden. Während seiner Zeit in Alkmaar ereignete sich auch jene legendäre Szene, die sinnbildlich für seinen eigenwilligen und sturen Charakter steht und wohl als eine der kuriosesten Entscheidungen in die Geschichtsbücher des Fußballs eingehen sollte. Die Rede ist von einem Pokalspiel gegen Ajax Amsterdam im Dezember 2011, als Verbeek das Spiel nach einer Schiedsrichterentscheidung eigenhändig abbrach und mit seinen Spielern den Platz verließ. Doch was war geschehen? Ein Hooligan stürmte zuvor den Platz und attackierte seinen Torhüter Esteban Alvarado Brown, der sich daraufhin mit Tritten zur Wehr setzte und dafür mit rot vom Platz flog. Notwehr empfand Verbeek und Notwehr war es auch, immerhin wurde diese Entscheidung nachträglich korrigiert und das Spiel in einem Nachholtermin wiederholt. Stur kann er sein, eigenwillig und notfalls entscheidet der impulsive Holländer auch über die Köpfe anderer hinweg. Eines aber kann man ihm dabei sicherlich nicht vorwerfen, seine Ideale und seine Mannschaft verteidigt er dabei stets und mit allen Mitteln die ihm zu Verfügung stehen – und sei es die Spieler allesamt vom Platz zu führen, nachdem eine solch ungerechte Entscheidung getroffen wurde.

Nach seiner Zeit in Alkmaar, verschlug es Verbeek im Jahr 2013 nach Nürnberg. Nach 9 sieglosen Spielen übernahm er den angeschlagenen Verein, konnte diesen allerdings bis zu seiner Entlassung, am 31. Spieltag, nicht aus dem Tabellenkeller führen. Trotz ansehnlichen Offensivfußballs wurden dabei teils fahrig bis unglücklich Führungen hergeschenkt, sodass auch heute nur wenige der Club-Fans die Schuld bei Verbeek suchen. Was danach geschah ist jedenfalls bekannt: 3 Niederlagen, trostloser Abstieg in Liga 2 und ein Verein, der droht ins Niemandsland der 2. Bundesliga abzurutschen.

Die Zeit in Bochum

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Genau dort befand sich der VfL Bochum bei der Amtsübernahme durch Verbeek im Jahr 2015. Dreieinhalb Jahre konstant in der unteren Tabellenhälfte, immer abstiegsgefährdet und finanziell mit dem Rücken zur Wand. Trotz dieser misslichen Ausgangslage inklusive hohem Schuldenberg, einem vergleichsweise niedrigen Spieleretat und dem steten Zwang die Stars des Teams alljährlich zu veräußern, gelang dem Holländer die Wende. Gemeinsam mit Hochstätter und Engelbracht wurde der Verein in sportlich angenehmere Zonen geführt und gleichzeitig mit Spielerverkäufen saniert. Doch damit begnügte sich Verbeek bei weitem nicht, auch abseits des Platzes wurde in Bochum einiges bewegt. Sei es die Umgestaltung der Trainingsräume, des eigenen Büros oder aber die Einbindung der Jugendspieler in das Training. Alles und jeder im Verein wurde hinterfragt. Alles musste genau nach den Vorstellungen des Niederländers laufen. Diese Charaktereigenschaft verdankte er wohl seinen unbestrittenen sportlichen Erfolg, welcher ihm nahezu seine komplette Trainerkarriere begleitete. Die Kehrseite ist ein enormes Reibungspotential, gerade wenn Funktionsteam und Trainer nicht einer Meinung sind oder einzelne Spieler nicht seinen Vorstellungen genügend für das Team arbeiten. Letzten Endes war es vermutlich genau dieses Reibungspotential, weshalb er heute nicht mehr Trainer des VfL Bochum ist. Dennoch war Verbeek ein Glücksfall für den Verein, denn die Weichen für die Zukunft scheinen gestellt. Jugendarbeit, Kader und Ausrichtung des Vereins – all dies wurde während seiner Zeit optimiert. Beste Voraussetzungen, um auch in der „Post-Verbeekschen-Ära“ weiterhin erfolgreich zu sein. Umso erfreulicher empfindet man die auf gegenseitigen Respekt basierenden letzten Worte von Hochstätter und Verbeek.

So will auch ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen. Danke Gertjan für eine tolle Zeit! Danke für offensiven und attraktiven Fußball sowie für die Arbeit für den Verein abseits der gewöhnlichen Trainertätigkeiten!

 

Der Blick nach vorn

Wie bereits zu Beginn erwähnt, Verbeek ist jetzt endgültig Geschichte in Bochum. Was bleibt ist ein fader Beigeschmack über die zumindest fragwürdige Berichterstattung und das Nachtreten einiger Journalisten. Manchmal kann leider auch unseriöser Journalismus vereinsschädigend sein und vielleicht sollten sich gerade die lokalen Medienvertreter in diesem Punkt selbst hinterfragen. Für den Verein und für die Fans muss der Blick nun wieder nach vorne gerichtet werden. So kann die Entlassung trotz der unbestrittenen sportlichen Kompetenzen nicht nur Last, sondern auch eine Chance für den Verein sein. Mit Ismail Atalan steht eines der größten Trainertalente bereit, um in die großen Fußstapfen seines Vorgängers zu treten. Die Flammen der Euphorie scheinen trotz des Abgangs noch nicht erloschen zu sein und so könnte ein guter Saisonstart ein wahres Inferno in Bochum entfachen. Gemeinsam in einer neuen Saison. Gemeinsam für den Verein und für die Stadt – denn nichts scheint diese Saison unmöglich!

Foto: Tim Kramer (Tremark Fotografie)

2 comments

  1. Während des Schreibens dieser Zeilen wurde mir bewusst wie wichtig mir dieses Thema rund um Verbeek ist. Der Artikel wurde dadurch deutlich länger als geplant, auch weil ich gerade einen Blick auf seine bisherige Karriere sehr spannend finde. Umso mehr würde mich ein Feedback zu dem Artikel und eine reghafte Diskussion rund um Verbeek und die Medien freuen!

  2. Danke für diesen differenzierten Blick auf Gertjan Verbeek. Deine Einschätzung bezüglich seiner Bedeutung für den Verein und die Rolle der Medien in der „Causa Verbeek“ teile ich zu 100%.
    Danke auch für einsachtvieracht, ihr seid erfrischend anders!

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